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Unbekannter Wohltäter

Braunschweig rätselt über anonyme Geldspenden

Der Ablauf ist immer gleich. Ein Briefumschlag liegt im Briefkasten, darin liegen 10.000 Euro und ein Zeitungsartikel, der einen Hinweis darauf gibt, an wen das Geld gehen soll. Einen Absender gibt es nicht. Braunschweig rätselt, wer dieser anonyme Spender sein könnte, der schon 120.000 Euro verteilt hat.
Foto: Ohne Absender, ohne Quittung:  Ein unbekannter Spender bewegt Braunschweig.

Ohne Absender, ohne Quittung: Ein unbekannter Spender bewegt Braunschweig.

© Fotolia

Braunschweig. Er hat es wieder getan. Am Montagabend wurde auch in einer Suppenküche in Braunschweig einer der prall gefüllten Umschläge gefunden, über deren Herkunft die Bürger der Stadt schon eine Weile rätseln. Ein Unbekannter verteilt seit November Kuverts mit großen Summen Bargeld – mal findet der Pastor der evangelischen St.-Markus-Gemeinde ein solches versteckt hinter den Gesangbüchern in seiner Kirche, darin 20 Scheine, je 500 Euro. Oder ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung öffnet kurz vor Weihnachten den Rathausbriefkasten und entdeckt darin 50.000 Euro.

Vergangene Woche konnten die Eltern eines schwerbehinderten Jungen ihr Glück kaum fassen. Sie wurden von dem modernen Samariter mit 10.000 Euro bedacht. Wieder steckte das Geld in einem weißen Umschlag, und wie immer fehlte jeder Hinweis auf den Spender. Er oder sie möchte ganz offensichtlich anonym bleiben. Die Stadt rätselt.

Seit November sind auf diese Weise 120.000 Euro für gute Zwecke zusammengekommen. Bedacht hat der ganz offensichtlich wohlhabende Anonymus mehrere Kindergärten, die Opferhilfe, die Sternsinger, ein Gymnasium, eine Bibliothek, das Naturkundemuseum, einen Hilfsverein für Menschen in Sierra Leone und zuletzt am Montag die Suppenküche für Bedürftige.

Der einzige schwache Hinweis auf die Identität des Spenders: Er muss Zeitungsleser sein. In fast allen Fällen steckte neben dem Geld ein Zeitungsartikel im Kuvert – so wie im Fall des schwerbehinderten 14-jährigen Tom, über den kürzlich berichtet worden war. Der Junge war während des Schwimmunterrichts verunglückt. Er ist fast blind und sitzt mit Spastiken im Rollstuhl. Die Eltern können mit der Spende nun eine Therapie finanzieren, die die Krankenkasse nicht zahlt. „Es ist bewundernswert, dass es solche Menschen gibt“, sagt die Mutter des Jungen.

Ähnlich verfuhr der Wohltäter im Fall der Spende an die Stadt. Neben dem Geld fand der Rathauspförtner fünf ausgeschnittene Zeitungsartikel. Darin ging es unter anderem um die fehlende Mensa im Lessinggymnasium oder Sicherheitsmängel am Klettergerüst einer Kindertagesstätte. Finanzdezernent Ulrich Stegmann interpretierte die Ausschnitte so, dass der anonyme Spender fünf bestimmte Projekte finanziert wissen möchte. Stegmann zahlte das Geld aus Sicherheitsgründen zunächst in die Stadtkasse ein. „So eine große Summe lassen wir nicht einfach im Rathaus liegen.“ Es wurde inzwischen an die eigentlichen Empfänger weitergeleitet.

Selten war in Braunschweig der morgendliche Gang zum Briefkasten so spannend wie derzeit. Viele hoffen wohl insgeheim darauf, einen weißen, unbeschrifteten Umschlag darin zu finden.

[Karl Doeleke]

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