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Panorama Illegale Bohrlöcher: Warum musste Julen sterben?
Nachrichten Panorama Illegale Bohrlöcher: Warum musste Julen sterben?
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18:44 26.01.2019
Wer ließ das Loch graben, in dem Julen gestorben ist? Quelle: Daniel Pérez/dpa
Málaga

Die Hoffnung zerplatzte mitten in der Nacht: Um 2.21 Uhr am frühen Samstagmorgen kam die amtliche Mitteilung, dass der im Süden Spaniens in einem tiefen Loch verschollene kleine Julen nur tot geborgen werden konnte. Zwölfeinhalb Tage hatten Hunderte Einsatzkräfte unermüdlich gearbeitet, um den Zweijährigen auf dem schwer zugänglichen Hügel Cerro de la Corona in Totalán nahe Málaga zu finden. Der Kleine war bei einem Ausflug mit seiner Familie in das Loch gefallen. Bei Kameraaufnahmen war im Schacht eine Tüte mit Süßigkeiten entdeckt worden, die Julen bei sich hatte, später waren Haare des Jungen gefunden worden. Mehr als 300 Retter hatten sich an den Bergungsarbeiten beteiligt.

Nach den jüngsten amtlichen Erkenntnissen fiel Julen am 13. Januar durch das enge Loch rund 71 Meter tief „im freien und schnellen Fall“. „Darauf deutet die Stellung des Körpers hin“, erklärte am Samstag vor Journalisten der Delegierte der Zentralregierung in Andalusien, Alfonso Rodríguez Gómez de Celis. Der Kleine war, mutmaßen Medien, wohl sofort tot. Eine Autopsie sollte noch am Samstag dazu beitragen, die genauen Todesumstände zu ermitteln. Die Justiz hatte schon vor Tagen eine Untersuchung eingeleitet.

Wer hat das Loch gegraben?

Neben der Trauer rückt nun die Frage in den Vordergrund, warum es dieses Loch überhaupt gibt und warum es nicht gesichert war. Spanische Medien gehen davon aus, dass es eines von vielen illegalen gebohrten Löchern sein könnte, mit den Bauern versuchen, dem Klimawandel zu trotzen: Weil es in Spanien zu wenig regnet, lassen sie der Zeitung „El Mundo“ zufolge in Nacht- und Nebelaktionen Löcher bohren, die oft unzureichend gesichert sind. Im Volksmund heißen diese Bohrungen deshalb „Mondscheinlöcher“.

Die Eltern des kleinen Julen am Unglücksort Quelle: Gregorio Marrero/AP/dpa

Die Umweltschützer von Greenpeace schätzt deren Zahl auf mehr als eine Million, „El Mundo“ geht davon, dass es noch viel mehr sind. Ein erfahrener Bohrer dieser illegalen Brunnen hat „El Mundo“ berichtet, dass er 2000 bis 4000 Euro pro Bohrung kassiert. Eigentlich würden die Besitzer die Löcher mit schweren Steinen schließen, um Unglücke zu verhindern. Doch oft geschehe das nur notdürftig.

Im Fall des toten Jungen Julen haben sich die Behörden noch nicht zu Details geäußert. Sie riefen aber die Bevölkerung auf, selbst zu handeln: Wer ein solches Bohrloch in Auftrag gegeben habe, solle es schnellstmöglich schließen. „Wir wollen nicht, dass ein so unglücklicher Fall wie dieser sich jemals wiederholt.“

Spanien trauert um Julen

Nach dem tragischen Ausgang der Rettungsaktion nahmen viele Anteil. „Ganz Spanien teilt die unendliche Traurigkeit von Julens Familie“, twitterte mitten in der Nacht Ministerpräsident Pedro Sánchez, der sich auch bei den Helfern bedankte. Das Königshaus von Monarch Felipe VI. sprach seinen „tiefsten Schmerz“ und der Familie sein Beileid aus.

Politiker, Persönlichkeiten wie die italienische Sängerin Laura Pausini („Ich kann es nicht glauben“) und Hollywoodstar Antonio Banderas, der sich „erschüttert“ zeigte, und sogar der spanische Fußballverband und auch sehr viele Menschen im Ausland, die ebenfalls tagelang mitgezittert hatten, versuchten den Eltern José und Victoria auf den sozialen Netzwerken Trost zuzusprechen.

Lesen Sie hier:
Die Bergungsaktion – „Eine höllische Woche“

Ein äußerst schwieriges Unterfangen, denn der arbeitslose Marktverkäufer und die Bedienung einer Fastfood-Kette werden vom Schicksal hart auf die Probe gestellt. 2017 hatten sie bereits einen Sohn verloren. Julens älterer Bruder Oliver starb bei einem Strandspaziergang mit drei Jahren an Herzversagen.

Auch mit Baggern konnten die Helfer Julen nicht retten. Quelle: imago/Agencia EFE

Wie hart der Schlag nicht nur für die Menschen in der Provinz Málaga, sondern in ganz Spanien war, beweist die Verzweiflung vieler auch im 500 Kilometer entfernten Madrid. „Ich bin aufgeblieben, um die Rettungsaktionen im Fernsehen zu verfolgen. Nachdem die schreckliche Nachricht kam, konnte ich nicht mehr einschlafen“, sagte weinend die Bankangestellte María in einer Bäckerei der Hauptstadt.

„Ruhe in Frieden Julen“

Nicht wenige hatten bis zuletzt an das viel beschworene „Wunder von Totalán“ geglaubt. Im Málaga-Vorort El Palo, dem Wohnort der Familie, hatten Menschen noch Freitagnacht mit weißen und roten Kerzen ein großes Herz geformt. In vielen Kirchen wurde seit Tagen für den Kleinen gebetet, Bürger organisierten Wachen. Doch das Wunder blieb am Ende aus. Als die Einsatzkräfte am frühen Samstagmorgen bis zum Jungen vordrangen, fanden sie ihn tot. Vorausgegangen waren immer neue Rückschläge wegen des extrem harten Gesteins am Cerro de la Corona nahe Málaga.

Nach tagelangen Bohrungen wurde Julen in einer Tiefe von mehr als 70 Metern gefunden. „Die Einsatzkräfte haben um 1.25 Uhr den unglücklicherweise leblosen Körper des Kleinen lokalisiert“, twitterte Rodríguez Gómez de Celis. Die spanische Zivilgarde schrieb: „Leider haben wir es trotz aller Bemühungen so vieler Menschen nicht geschafft ... Ruhe in Frieden Julen.“

Dramatische Wochen der Rettungsaktion

Retter hatten seit dem 13. Januar versucht, zu dem Kind in dem extrem engen, nur 25 Zentimeter breiten Schacht vorzudringen. Allerdings gab es keine Lebenszeichen von ihm, zudem war unklar, in welcher Tiefe des illegal auf der Suche nach Wasser gegrabenen Loches es sich befand. Das Loch wurde nach Aussagen der Familie vom Freund einer Cousine des Vaters in Auftrag gegeben.

Experten hatten bis zuletzt versichert, dass es nicht ausgeschlossen sei, das Kind lebend zu finden. Jedoch waren die Hoffnungen auf ein glückliches Ende mit jeder Minute geschrumpft. Besonders bei der Bohrung eines Parallel-Tunnels war es zu immer neuen Verzögerungen gekommen, weil die Retter auf extrem hartes Gestein stießen. Experten betonten, normalerweise seien für eine solche Aktion, bei der 40 000 Tonnen Erde abgetragen wurden, Monate nötig. Einen vergleichbaren Notfall in einer solchen Tiefe habe es weltweit noch nie gegeben.

Retter mussten im Knien arbeiten

Seit Donnerstagabend hatten erfahrene Bergarbeiter aus der nordspanischen Kohleregion Asturien unter schwierigsten Bedingungen vom Grund des Parallelschachts aus einen vier Meter langen horizontalen Tunnel gegraben, um zu Julen vorzudringen. Sie konnten dabei 36 Stunden lang nur kniend oder liegend in Zweier-Teams arbeiten und kämpften sich mit Spitzhacken und Presslufthämmern durch den Felsen. Mehrmals waren Mikrosprengungen nötig, so noch am späten Freitagabend, als die Männer nur noch wenige Zentimeter von Julen trennten. Bis zuletzt war unklar, ob der Junge tatsächlich in der von den Experten vermuteten Tiefe gefunden werden würde.

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Julens Eltern haben schon ein Kind verloren

Von pach/dpa/RND

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