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Panorama Macht Wandern glücklich, Florian Werner?
Nachrichten Panorama Macht Wandern glücklich, Florian Werner?
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15:05 21.07.2018
Schritt für Schritt: Der Autor Florian Werner sucht die besonderen Geschichten. Quelle: Carolin Saage

Das Wandern hatte lange Zeit das Image, altmodisch und spießig zu sein. Seit einiger Zeit aber wollen plötzlich alle wandern. Woran liegt das?

Ich glaube, das liegt daran, dass die Wandermodeindustrie erfolgreich einen nordamerikanischen Wanderlook nach Deutschland importiert hat. Die Kniebundhose, die mein Vater noch getragen hat, ist out. Inzwischen gibt es die Goretex-Hose mit abnehmbaren Reißverschlusshosenbeinen. Da bekommt Wandern ein ganz anderes Image.

Das ist der alleinige Grund?

Nein. Wandern galt, wie Sie sagen, lange als bieder und behäbig – der französische Wanderphilosoph Frédéric Gros behauptet sogar, es sei gar kein Sport. Mittlerweile aber helfen Apps, der ganzen Welt mitzuteilen, wie viele Kilometer in welchem Tempo bei welchem Puls und wie viele Höhenmeter der Wanderer gegangen ist. Das fügt ein Element des Wettbewerbs hinzu, das dazu führt, dass sich auch Menschen für das Wandern erwärmen, die vor 20 Jahren noch nicht im Traum daran gedacht hätten.

Aber macht Wandern nicht vielleicht auch einfach nur glücklich?

Natürlich. In der Zeit der permanenten Beschleunigung, in der wir leben, hilft es innezuhalten, der Zivilisation mit ihren verführerischen Zumutungen den Rücken zu kehren. Am schönsten ist es natürlich dort, wo man keinen Handyempfang hat.

Sie haben auf Ihrer Fußreise, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, eine ungewöhnliche Form des Wanderns gewählt: Sie sind den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich wollte schon sehr lange ein Buch über das Wandern schreiben. Mich hat bei Wanderbüchern aber immer irritiert, dass dort stets Höchstleistungen angestrebt werden – denken Sie etwa an die Klassiker von Reinhold Messner oder Jon Krakauer. Es geht da immer um ein Höher, Schneller, Weiter. Das ist für den Normalsterblichen oft nicht zu leisten. Ich wollte das ganz anders angehen und schauen, was passiert, wenn man allen Widerständen aus dem Weg geht.

Wie sah das konkret aus?

Wenn der rechte Weg bergauf führte, bin ich nach links gegangen. Wenn der Wind von Westen wehte, führte mein Weg nach Osten. Wenn die Sonne mir wärmend ins Gesicht schien, bin ich ihr entgegengegangen. Ich habe mir vorher ein paar eiserne Regeln aufgeschrieben. Und war gespannt zu erfahren: Was passiert, wenn ich kein klares Ziel vor Augen habe?

Was war denn, wenn etwas Schönes bergauf lag?

Dann musste ich mir das schweren Herzens verkneifen.

“Am schönsten ist es dort, wo man keinen Handyempfang hat“, sagt Autor Florian Werner. Quelle: Johanna Ruebel

War für Sie das Wandern die größte Herausforderung, oder waren es eher die Nächte mit all den ungewöhnlichen Geräuschen, die man aus der Stadt so gar nicht kennt?

Die Nächte allein im Zelt waren in der Tat sehr intensiv, verliefen dann aber besser als vorher befürchtet. Ein wenig habe ich dann aber die Traute verloren, als ich in einer Nacht fast überfahren wurde.

Wie kam das?

Ich hatte irgendwo an der Elbe, viele Kilometer entfernt von der nächsten Straße, mein Zelt aufgeschlagen. Gegen Mitternacht wurde ich von Motorengeheul und dem Frontscheinwerfer eines Autos geweckt – das Auto fuhr da munter durch die Botanik und hielt ausgerechnet direkt auf mein Zelt zu. Nun gut, ich könnte Ihnen das alles nicht erzählen, wenn der Fahrer nicht fünf Meter vor dem Zelt noch die Kurve bekommen hätte. Es war ein sehr freundlicher junger Mann, der aber ein paar Promille zu viel getrunken hatte, um noch Auto zu fahren. Der hat erst eine geraucht und wollte mich dann partout überreden, dass wir mitten in der Nacht noch Aale angeln gehen. Da habe ich dann aber doch dankend abgelehnt.

Lässt sich denn das Prinzip, immer den Weg des geringsten Widerstands zu nehmen, in den Alltag mitnehmen?

Klar: Seit der Romantik neigen wir dazu, solche Wanderungen immer auch als Gleichnis für den Lebensweg zu lesen. Etwas Wichtiges, das ich auf meiner Tour gelernt habe, ist: Ich darf nicht ständig über einmal getroffene Entscheidungen nachdenken. Oft habe ich auf meinem Weg gehadert: Hättest du nicht doch lieber nach Süden statt nach Norden laufen sollen? Norden war aber richtig, das Gefälle oder ein Windstoß oder irgendein anderer Faktor an der vorvorvorletzten Kreuzung hatte den Ausschlag gegeben. Und diese Einsicht, dass man sich für eine Option entscheiden muss und dann zu dieser stehen sollte, habe ich mit in meinen Alltag genommen.

Gibt es noch eine Erkenntnis?

Dank der vielen Bewertungsportale, dank Google Earth und anderen digitalen Hilfsmitteln können wir heute ja alles haarklein planen. Wir wissen schon vor dem Urlaub, was es an der Hotelbar zu trinken gibt und welche Farbe die Fähnchen auf den Drinks haben werden, wie es am Strand aussieht und so weiter. Alles ist planbar, alles vorher einsehbar. Und die Erfahrung zu machen, dass es ohne all das, ohne alles zu planen, trotzdem schön werden kann, diese Erfahrung fand ich am faszinierendsten. Und zusätzlich eine ganz profane Erkenntnis: Das Spektakuläre, Rührende und Abenteuerliche lauert eigentlich überall. Ich habe Ecken – zum Teil fast vor der Haustür – entdeckt, die ich vorher noch nie gesehen habe, und das alles nur dank meines ziellosen Umherlaufens.

Ob das Ziel des Wanderns sei, sich zu finden? Nein, meint Werner. “Es geht beim Wandern darum, sein Selbst zu Hause zu lassen.“ Quelle: Johanna Ruebel

Als ein wichtiges Ziel des Wanderns gilt ja oft, sich selbst, sein tiefstes Ich, zu finden. Ist Ihnen das auf Ihrem Weg gelungen?

Das halte ich für ein großes Missverständnis. Es geht beim Wandern nicht darum, sein Ich zu finden, sondern im Gegenteil darum, sich selbst zu verlieren, sein Selbst abzuschütteln und es zu Hause zu lassen. Wir schleppen im Alltag ja etliche soziale Masken mit uns herum, in unseren Berufen, als Familienvater oder -mutter, oder in meinem Fall als Autor. Das Wandern bietet eine grandiose Möglichkeit, das alles hinter sich zu lassen. Und wer diese Rollen einmal ablegen konnte, kehrt zumeist auch gern wieder in sie zurück.

Hat Wandern auch eine politische Dimension? Schließlich spricht man etwa bei den 68ern von einem “Marsch“ durch die Institutionen.

Auf jeden Fall. Die erste politische Wanderung war vermutlich die von Mahatma Gandhi 1930, der sogenannte Salzmarsch, mit dem er gegen eine geplante Salzsteuer der britischen Besatzer protestieren wollte. Das war der erste große Protestmarsch der modernen Geschichte. Denken Sie auch an Martin Luther King und seinen “Marsch auf Washington“. Und im vergangenen Jahr konnten wir den Gerechtigkeitsmarsch von Kemal Kiliçdaroglu beobachten, der rund 400 Kilometer von Ankara nach Istanbul mit einer stetig anwachsenden Zahl von Anhängern zu Fuß zurücklegte. Da merkt man, das Gehen, das Wandern ist zu einer Form des modernen Protestes geworden.

Würden Sie sagen, dass es neben dem Politischen auch eine Verbindung zwischen dem Wandern und dem Denken oder sogar der Philosophie gibt?

Unbedingt. Schon der Beginn der Philosophie ist untrennbar mit dem Gehen verbunden. Die Schule des Aristoteles in Athen war in einem sogenannten Peripatos beheimatet, einer Wandelhalle. Diese antiken Philosophen gingen während des Denkens und Diskutierens also vermutlich auf und ab und brachten ihr Philosophieren durch den Rhythmus der Schritte in Schwung. Die Vorstellung, dass Denken ohne Wandern gar nicht möglich ist, zieht sich durch die gesamte Philosophiegeschichte. Das schönste Zitat dazu ist von Michel de Montaigne, der gesagt hat: “Mein Geist rührt sich nicht, wenn meine Beine ihn nicht bewegen.“

Werden Sie nun in Zukunft nur noch ziel- und planlos wandern?

Nein. Meine nächsten Wanderungen werden wieder recht planvoll sein – was vor allem daran liegt, dass ich mit meiner Frau und meinen Kindern unterwegs sein werde. Gerade wenn man Kinder zum Wandern locken will, ist es ja hilfreich, ein attraktives Ziel vor Augen zu haben. Und zu wissen, wo man abends übernachten wird. Der Weg des geringsten Widerstands ist eher etwas für geübte Wanderer. Ein schöner Weg für jeden, der sich einmal einer unerwarteten Ex­tremerfahrung aussetzen will.

Florian Werner: Der Weg des geringsten Widerstands Quelle: Verlag

Zur Person: Florian Werner

Das Wandern ist in Deutschland nicht nur des Müllers Lust, sondern ein Volkssport. Mehr als sechs Millionen Menschen schnüren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem vergangenen Jahr häufig ihre Wanderschuhe, 32,4 Millionen immerhin ab und zu. Nach einer Studie aus dem Jahr 2016 ist Wandern – noch vor Radfahren und Laufen – eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Sie geben rund 7,5 Milliarden Euro bei Tagesausflügen und im Wanderurlaub aus und noch einmal 3,7 Milliarden Euro für die Ausrüstung.

Gehend kommt der Mensch der Moderne seinen Vorfahren aus uralten Zeiten näher: Deren Suche nach neuen Nahrungsquellen und die Jagd waren genauso wie der Wohnungswechsel eng mit dem Fußmarsch verbunden. Handwerker begeben sich noch heute auf Wanderschaft, die sogenannte Walz. Auf dieser Fußreise nach Abschluss der Lehrjahre sollen die Gesellen vor allem neue Arbeitspraktiken und fremde Orte kennenlernen.

Die ersten Menschen, die sich ohne direkte existenzielle Motivation zu Fuß auf den Weg machten, waren Pilger. Der Jakobsweg, der im spanischen Santiago de Compostela endet, ist heute der berühmteste Wander- und Pilgerweg in Europa.

Im 18. Jahrhundert erschloss sich der aufgeklärte Bürger seine Welt zu Fuß, schrieb detaillierte Berichte über das, was er Schritt für Schritt erlebte, und richtete seinen Blick dabei auf die politische und soziale Situation seiner Zeit. Als exemplarisch gilt Johann Gottfried Seumes neunmonatige Fußreise 1801 von Leipzig nach Sizilien.

Wie eng Gehen und Schreiben zusammenhängen, betont auch der französische Philosoph Michel Serres im aktuellen Sonderheft des “Philosophie-Magazins“, das sich komplett dem Wandern widmet: “Ich denke, wandern ohne singen taugt nichts, und schreiben ohne umhergehen erscheint mir schlicht unmöglich. Ich sage es noch einmal und bleibe dabei: Man schreibt mit den Füßen.“

Aber war Seumes “Spaziergang nach Syrakus“, wie sein Reisebericht heißt, wirklich nur ein langer Spaziergang? Oder doch eine Wanderung? Und wo ist der Unterschied? “Wandern ist Gehen in der Landschaft. Dabei handelt es sich um eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert“, schrieb der Deutsche Wanderverband 2010. Charakteristisch für eine Wanderung seien demnach eine Dauer von mehr als einer Stunde, eine entsprechende Planung, die Nutzung spezifischer Infrastruktur sowie eine angepasste Ausrüstung.

Deutlich mehr als eine Stunde und mit angepasster Ausrüstung (allerdings ohne Landkarten und GPS) war der Autor Florian Werner, der hochgelobte Bücher unter anderem über die Kuh, die Schüchternheit und die Trottellumme geschrieben hat, auf einer besonderen Tour von Berlin nach Bremervörde unterwegs. Dass es ihn am Ende seiner Wanderung in den 19 000-Einwohner-Ort verschlagen sollte, war bis zum letzten Moment unklar.

Denn bei seiner Wanderung ging Werner von Anfang an den Weg des geringsten Widerstandes und ließ sich so ziellos treiben. Dabei traf er auf Menschen, Mücken und Wildschweine, musste richtungsweisende Entscheidungen treffen und philosophierte wandernd über das Wandern. Aufgeschrieben hat der 46-Jährige seine Erlebnisse in der sehr unterhaltsamen, humorvollen, lehrreichen und wanderlustmachenden Reisebeschreibung “Der Weg des geringsten Widerstands. Ein Wanderbuch“ (Nagel & Kimche, 256 Seiten, 21 Euro), das am Montag erscheint.

Rund 30 000 bis 40 000 Schritte machte Florian Werner pro Tag. Aber wozu das Ganze? “Im allerbesten Fall ist Wandern eine ekstatische Erfahrung“, sagt er. All die Schritte pro Tag, immer im mehr oder weniger selben Tempo. “Das führt zu so einer Art hypnotischem Zustand.“ Außerdem bringe es “Erinnerungen zutage, die sonst faul in den Tiefen des Gedächtnisses herumlungern würden, und es ermöglicht gute Gespräche, wenn man mit Freunden unterwegs ist.“ Nicht zuletzt, so Werner, habe der Wanderer auf seiner Reise eine sehr intensive Naturerfahrung: “Man erfährt, nein besser: Man ergeht die Welt um sich herum.“

Von Kristian Teetz/RND

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