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20:13 13.04.2018
Egal ob im Wartezimmer, an der Supermarktkasse oder im Restaurant: Smartphones sind immer präsent und buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Quelle: E+
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Hannover

Moritz ist erst sieben Jahre alt. Den Erwachsenen in seinem Umfeld hat er gerade deshalb etwas voraus. Er besitzt kein Handy. Wenn ihm langweilig ist, klingelt er bei seinem besten Freund nebenan. Und wenn ihm nach einem Hörspiel ist, legt er eine CD in den Spieler. Moritz schreibt keine Whats-App-Nachrichten, er erhält keine Push-Meldungen, da ist nichts. Das einzige digitale Gerät in seinem Besitz ist die Armbanduhr an seinem Handgelenk, die zur vollen Stunde einmal piepst.

In der Familie aber ist es ganz oft so wie neulich. Da wollte Moritz seiner Mutter ein Bild zeigen, das er in der Schule gemalt hatte. Es war dunkelgrün mit leuchtend roten Frühlingsblumen und besonders hübsch. “Guck mal, Mama“, sagte der Junge. Ihre Augen aber blieben fest auf das Display ihres Handys gerichtet. “Ich komme gleich, ich muss nur noch schnell eine Nachricht schreiben“, sagte sie. Da wurde Moritz wütend. Er sagte: “Es ist gemein. Ihr guckt immer auf eure Handys. Und ich bin allein.“

Fehlt das Smartphone, fühlen wir uns nackt

Die Szene ist gar nichts Besonderes. In den meisten Familien gehört sie längst zum Alltag wie der Streit um die offene Zahnpastatube. Gerade einmal elf Jahre, nachdem Apple-Chef Steve Jobs mit dem iPhone das erste Smartphone der neuen Generation präsentierte, ist das Gerät zu einem ständigen Begleiter geworden. Längst sind wir mit ihm wie mit einer virtuellen Nabelschnur verbunden, immer bereit eine Neuigkeit entgegenzunehmen, sei sie auch noch so kurz und trivial wie ein einsamer Smiley.

Fehlt das Smartphone, etwa, weil es auf dem Weg zur Arbeit zu Hause vergessen wurde, fühlen wir uns seltsam nackt, als seien wir nicht komplett. Wenn Ali Mitgutsch im Jahr 2018 eines seiner berühmten Wimmelbücher malen würde, sähe das womöglich so aus: In der Straßenbahn, auf dem Fußweg, im Auto, auf Schulhöfen, an der Supermarktkasse und in den Wartezimmern des Zahnarztes – in jeder Lebenslage gibt es Menschen, die auf Handys starren, Selfies machen oder eine Botschaft ins Mikrofon sprechen.

Längst gibt es einen Namen für das Phänomen: Der Begriff Phubbing – ein Kunstwort aus dem englischen “phone“ für Telefon und “stubbing“ für „vor den Kopf stoßen“ – beschreibt unseren Drang, immer wieder den Sperrbildschirm unserer Telefone zu entriegeln und nachzusehen, was los ist, auch dann, wenn wir gerade anderen Menschen gegenüber sitzen, gemeinsam Abendessen oder an einer Konferenz teilnehmen.

Eine offizielle Sucht

Vor wenigen Jahren noch wäre das als unhöflich empfunden worden, heute macht es eigentlich jeder. Verspannte Handynacken und ermüdete, mitunter entzündete Daumen sind eine Folge. Die Tatsache, dass unsere Konzentration stets nur so lange andauert, bis das Handy aufleuchtet oder vibriert – im Schnitt sind das gerade mal zehn Minuten –, eine andere. Es ist ein Fakt. Das Smartphone hat unsere Kommunikation verändert und unser Leben damit auch.

Die Herausforderung moderner Beziehungen etwa besteht heute darin, stets interessanter sein zu müssen als das Smartphone des Partners. Ausgerechnet die Online-Partnerbörse Elite belegt in einer ihrer jüngsten Umfragen dasselbe: Liebende fühlen sich vom Handy des Partners nicht nur deshalb gestört, weil es ein potenzieller Geheimnisträger ist. Auch die enge Bindung des Partners an sein Telefon sehen viele als Konkurrenz. Kein Wunder: Durchschnittlich 214-mal am Tag sehen wir auf den Bildschirm – das ist öfter, als manche Paare sich noch in die Augen schauen.

Es brauchte nicht erst die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die das Verlangen, ständig online und in sozialen Netzwerken unterwegs zu sein, erst vor wenigen Wochen offiziell als Sucht einstufte. Digital Detox, die Möglichkeit, sich dem anhaltenden Strom von Messages und Reizen zu entziehen, war auch zuvor schon ein einträgliches Geschäftsmodell von Trainern und Reiseanbietern: Endlich mal abschalten! Und ohne das Smartphone hätte der aktuelle Megatrend Achtsamkeit vermutlich niemals eine solche Wirkung entfaltet.

Dafür nutzen die Deutschen ihr Smartphone Quelle: RND

Ist es das nun also? Sind wir alle auf dem Weg, Abhängige zu werden? Zahlen wir diesen Preis für ein Leben in der digitalen Transformation? Kritiker werden diese Fragen ohne jedes Zögern bejahen. Realistisch freilich ist das nicht. Der technische Fortschritt war noch nie aufzuhalten – und bisher hat sich der Mensch jeder technologischen Neuerung angepasst.

Und wenn man sich an die Unkenrufe der Zweifler erinnert, die bei der Einführung von Computer, Fernsehen, Radio oder gar dem Buchdruck laut wurden, lässt sich sagen, dass in den meisten Fällen die Vorteile die Nachteile überwiegen. Beim Smartphone ist das nicht anders: Es verbindet den einzelnen Menschen nicht nur mit der großen weiten Welt. Es kann im Zweifel sogar Leben retten.

Mit ihm können wir nicht nur unser Büro mit uns herumtragen und uns mit seinem Navigator durch die Welt führen lassen, wir haben auch jederzeit Zugriff auf ganze Bibliotheken und Millionen von Songs. Natürlich kann man auch aus dem Fenster schauen oder einfach rausgehen, um zu sehen, wie das Wetter gerade ist. Das Ausmaß eines aufziehenden Unwetters erkennen wir beim Anblick der Wolken für gewöhnlich jedoch nicht. Zweifelsohne lässt sich das Smartphone als Bereicherung sehen – man muss es nur richtig anwenden.

Das Problem ist die Geschwindigkeit der Technikentwicklung

Markus Albers, Unternehmer und Autor des Buches “Digitale Erschöpfung: Wie wir die Kontrolle über unser Leben wiedergewinnen“ (Hanser) zählt zu einer wachsenden Gruppe von Menschen, die diese These vertritt. “Was uns fehlt, sind die kurzen Momente der Kontemplation, der Ruhe, des Auf-Wolken-Starrens“, sagt er. Das Problem ist nicht die Technik selbst, sondern die Geschwindigkeit, mit der sie sich entwickelt.

Die Unternehmensberatung Deloitte hat das jüngst sogar mit einer Studie belegt: Demnach ist der Grad der technischen Innovationen derzeit um ein Vielfaches höher als die Anpassungsfähigkeit des Menschen, also auch als mögliche Versuche, die Veränderungen zu steuern. So gesehen hatte der Mensch noch gar keine Chance, neue Kulturtechniken im Umgang mit dem Smartphone zu entwickeln. Wir sind schlicht zu langsam dafür. Einen Anlass zum Kulturpessimismus sieht Albers aber nicht. Im Gegenteil: “Gerade die Menschen, die die modernen Tools viel nutzen, sprechen diese Probleme jetzt auch an“, sagt er.

Doch was können wir tun, damit der Bildschirm nicht dauerhaft zwischen uns und unseren Mitmenschen steht? Wie kann das kollektive Aufschauen gelingen, wenn der Reiz des Displays doch so unwiderstehlich ist? Albers plädiert in seinem Buch für klare Grenzen: “Wir kommen heute schnell an einen Punkt, an dem wir, vor allem beruflich auf sehr vielen Kanälen miteinander kommunizieren, die sich summieren.“ E-Mails, Slack, Whats App und Telefonkonferenzen via Skype sind nur einige Beispiele, je nachdem, wo die Präferenzen der miteinander verbundenen Nutzer liegen.

Kleine Tricks gegen den Update-Jagdinstinkt

Auch Regina Haack plädiert fürs Priorisieren. Die 51-jährige Sozialpädagogin ist Referentin der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention in Verden. “Es ist wie bei allen technischen Entwicklungen“, sagt sie. “Sie sind so schnell über uns gekommen, dass wir keine Zeit hatten zu lernen, mit ihnen klug umzugehen.“ Dabei will sie nun helfen. Gerade erst hat sie das Programm “Immer auf Empfang?“ entwickelt, das sich an Eltern von Kindergartenkindern richtet, einer Generation also, die eine Welt ohne Smartphone und Social Media gar nicht kennt.

Die Sozialpädagogin will nichts verteufeln, im Gegenteil. Sie ist selbst im Besitz eines Handys. Anregen will sie aber zu einem kritischen Umgang – unter anderem, weil sie weiß, dass jeder Blick auf das Smartphone im menschlichen Gehirn Glücksgefühle auslöst und gerade das Überraschungsmoment – ist das eine Nachricht oder nicht? – unseren ureigenen Jagdinstinkt weckt. Und sie will verhindern, dass Kinder – wie Moritz – in Konkurrenz zum Smartphone stehen.

Haack plädiert daher für klare Regeln und leichte Tricks: Etwa das Tragen von Armbanduhren – damit man beim Blick auf die Uhrzeit nicht in Versuchung kommt, schnell noch mal bei Facebook reinzuschauen. Eltern empfiehlt sie einmal in der Stunde eine feste Zeit am Handy anstelle des stetigen Nachrichtencheckens alle paar Minuten. Dazu können wir übrigens durchaus die Vorzüge des Gerätes nutzen. Es ist schließlich so schlau, dass es sich auf Wunsch sogar von allein in den Ruhemodus stellt, wenn man die entsprechende Anwendung aktiviert. Es muss ja nicht für immer sein.

Von Dany Schrader

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