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Panorama Keine Macht der Droge
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23:35 11.03.2018
Wenn es der Kriminalpolizei wichtiger erscheint, sich Arbeit vom Hals zu schaffen, als Straftaten zu verfolgen, dann hat sie ihren gesamtgesellschaftlichen Auftrag vergessen, meinen Gunnar Duttge und Melanie Steuer. Quelle: iStock
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Göttingen

Wir beobachten in diesen Tagen und Wochen eine ausführliche gesellschaftliche Debatte über die Legalisierung von Cannabis. Doch dabei werden die Folgen und Gefahren der Droge in unverantwortlicher Weise unterschätzt. So hat vor Kurzem an dieser Stelle der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, gefordert, Cannabis vollständig zu entkriminalisieren. Doch dies wäre in unseren Augen ein unverantwortliches gesellschaftliches Humanexperiment.

Die gesellschaftliche Debatte über die “richtige“ Bewertung des weit verbreiteten Ge- und Missbrauchs von Cannabis ist nicht neu, aber sie wird bereits seit Jahrzehnten wenig sachorientiert geführt. Experten aus den Bereichen der (Sucht-)Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie, Rechtsmedizin und des Medizinrechts bemühen sich seit Langem, über die gesundheitlichen wie sozialen Gefahren des Rauschmittels aufzuklären. Aber ganz offensichtlich dominieren besonders in der medialen Öffentlichkeit nach wie vor interessengesteuerte, ideologisch zementierte Meinungsäußerungen von überschaubarem argumentativen Gehalt.

Die negativen Folgen sind hinreichend bekannt

Die Forderung des BDK verdeutlicht das Ausmaß der gesellschaftspolitischen Tragödie: Einzig damit zu argumentieren, dass Drogenbekämpfung extrem personalaufwendig und wenig zielführend sei, weist jede gesellschaftliche Verantwortung von sich und verschließt die Augen vor den Folgen.

Und diese Folgen sind hinreichend bekannt: Sie reichen von unmittelbaren negativen Effekten wie ausgeprägten Angst- und Panikattacken über sich ausprägende Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen bis hin zu Langzeitschäden wie Psychosen, Krebsrisiken oder chronisch-obstruktiver Bronchitis.

Zur eigenen Gewissensberuhigung wird in der Argumentation des BDK die Ursache des Übels einfach ausgewechselt: Nun ist es nicht mehr die Sucht, sondern das Rechtssystem, das kriminelle Karrieren befördere. Wenn es der Kriminalpolizei wichtiger erscheint, sich eigene Arbeit vom Hals zu schaffen, als Straftaten zu verfolgen, dann hat sie offenbar ihren gesamtgesellschaftlichen Auftrag vergessen.

Behutsame Fortentwicklung statt Schnellschüssen

Eine rationale Sach- und Rechtspolitik sollte niemals auf Schnellschüsse und Radikallösungen aus sein, sondern das bestehende Recht behutsam fortentwickeln. Was die Gesellschaft daher gerade bei solch sensiblen Themen wie der Frage nach dem Umgang mit Cannabis benötigt, ist eine seriöse Aufklärung (auch über das noch Ungesicherte) und eine konstruktive Debatte.

Dafür wäre es aber unerlässlich, sich intensiv und detailliert mit der wachsenden Zahl von Studien und Publikationen der Suchtmedizin und Psychiatrie auseinanderzusetzen, die die Risiken eines – vor allem dauerhaften – Cannabiskonsums primär bei Konsumbeginn im Jugendalter aufzeigen. Wer dies übergeht und überdies gleich noch das erwünschte Ergebnis (“Legalisierung“) zum Fixpunkt nimmt, sucht nicht selbstkritisch nach Erkenntnis, sondern handelt als Ideologe und unverbesserlicher Rechthaber.

Der BDK argumentiert, dass zu einem “selbstbestimmten“ Leben auch die Freiheit jedes Bürgers gehöre, selbst darüber zu entscheiden, inwieweit er berauschende Mittel nimmt. Es ist aber ein großer Fehler anzunehmen, dass das Erreichen der Volljährigkeit gleichbedeutend ist mit einer hinreichenden Mündigkeit.

Der Verweis auf Mündigkeit ist eine hohle Floskel

Auch sollte man nicht optimistisch darauf hoffen, dass es effektive Barrieren gibt, die den Zugang der Minderjährigen zu den Drogen verhindern. Das beweisen die weit verbreiteten Alkoholprobleme von Jugendlichen. Im Übrigen ist das Gehirn eines Menschen auch nach dem 18. Geburtstag immer noch anfällig für gesundheitliche Schäden.

Aber wenn man über Suchtproblematik spricht, ist auch bei Erwachsenen der Verweis auf deren Mündigkeit eine hohle Floskel, die mit der realen Lebenswelt wenig gemein hat. Schließlich spricht es ganz und gar nicht für einen aufgeklärten Umgang mit der Droge, wenn ein Teil der Bevölkerung sie trotz der bekannten Gesundheitsrisiken konsumiert. Und die Zahl der Konsumenten wächst sogar.

Ein beliebtes Argument lautet: Wer Cannabis konsumiert, schadet doch nur sich selbst. Aber dieses Argument der “reinen Selbstgefährdung“ ist nicht mehr als ein Scheinargument. Das zeigt schon der Blick auf die Kosten für die Krankenkassen, von den Gefahren für die Sicherheit anderer Menschen etwa im Straßenverkehr ganz zu schweigen.

Reformen auf Grundlage von Forschung und Wissenschaft

Das Verbot von Cannabis sei “historisch betrachtet willkürlich erfolgt und weder intelligent noch zielführend“, behauptet André Schulz an anderer Stelle. Auch dies kann aber angesichts des hohen Anteils an Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die kein Cannabis konsumieren, nicht überzeugend behauptet werden. Im internationalen Vergleich liegt die Zahl der Konsumenten in Deutschland keineswegs im Spitzenfeld. Insofern ist das Verbot sehr wohl intelligent und zielführend.

Zweifelsohne ist es wichtig, über Reformen des geltenden Betäubungsmittelrechts nachzudenken. Eine solche Änderung müsste jedoch stets auf Grundlage von Forschung und Wissenschaft geschehen. Eine breite Legalisierung des Zugangs zu Cannabis allerdings wäre nach aktuellem Stand der Erkenntnisse unter anderem aus Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie schlechthin unverantwortbar.

Suchtkarrieren nicht achselzuckend in Kauf nehmen

Der Besitz von Cannabis ist in Deutschland illegal und zieht strafrechtliche Sanktionen nach sich. Es ist unerlässlich, dass dies so bleibt. Allerdings sollte auch verstärkt Präventionsarbeit geleistet werden – und das gesamtgesellschaftlich. Wenn (Straf-)Recht und Gesellschaft gemeinsam gegen Cannabis vorgingen, würde das auch die Strafverfolgungsorgane entlasten – aber auf eine Weise, die das erstrebenswerte Ziel nicht aus den Augen verliert.

Dieses Ziel heißt, die Gesundheit der Bürger und insbesondere der jungen Generation als überragend wertvolles Grundgut zu schützen. Und es beinhaltet vor allem, lebenszerstörende Suchtkarrieren nicht achselzuckend in Kauf zu nehmen. Dafür einzutreten ist Ausdruck gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins.

Zu den Autoren: Prof. Dr. Gunnar Duttge ist Geschäftsführender Direktor des Göttinger Zentrums für Medizinrecht sowie Direktor der Abteilung für strafrechtliches Medizin- und Biorecht der Juristischen Fakultät der Universität Göttingen. Melanie Steuer ist an der Fakultät wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin. Beide haben jüngst den Tagungsband “Verantwortungsvoller Umgang mit Cannabis – Medizinische, juristische und psychosoziale Perspektiven“ (Universitätsverlag Göttingen, 227 Seiten, 28 Euro) veröffentlicht.

Von Gunnar Duttge und Melanie Steuer

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