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Panorama Ist Ironie Ihr Schutzschild, Anke Engelke?
Nachrichten Panorama Ist Ironie Ihr Schutzschild, Anke Engelke?
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20:08 16.03.2018
Egal ob als Moderatorin bei der Berlinale, Komikerin, Schauspielerin, Sängerin oder Synchronsprecherin: Anke Engelke begeistert das Publikum. Quelle: dpa

Wissen Sie, was mein schönstes Anke-Engelke-Erlebnis war? Das waren die Proben zum Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf. Sie wirkten als Moderatorin wie ein Fisch im Wasser: herzlich, lustig, geduldig, großzügig. Sind Sie bei der Arbeit immer so?

Ich krieg ganz viel Geld! Nein, im Ernst: Ich liebe das, was ich tue. Wer kann das von sich behaupten?

In letzter Zeit spielen Sie zunehmend ernste Rollen wie im ZDF-Film „Südstadt“. Gab es einen Moment in Ihrem Leben, als Ihnen das Ernste wichtiger wurde als die Komik?

Ein klares Nein. Es war immer wichtig. Zur “Wochenshow“, zum öffentlichen Komischsein also, bin ich ja erst spät gekommen, da war ich schon 30. Heute stehen Komikerinnen mit 20 mit ihrem Stand-up-Programm auf der Bühne. Ich habe mit 30 noch nicht gerafft, dass ich engagiert wurde, weil ich lustig bin. Denn das, was ich vorher zwölf Jahre beim Südwestfunk gemacht hatte, war ja Journalismus.

Nervt dieser Stempel: die lustige Tante von der “Wochenshow“?

Nein. Das ist ein ganz großes Kompliment. An Schauspielschulen werden inzwischen Szenen aus der “Wochenshow“ nachgespielt. Ich erinnere mich an den Dreh von “LiebesLuder“ von Detlev Buck im Jahr 2000, auch ein relativ ernster Film: Da erzählte mir Mavie Hörbiger, sie habe als Schauspielschülerin neulich eine “Ricky“-Szene von mir analysiert und nachgearbeitet. Das konnte ich gar nicht glauben.

Wenn man Ironie als Schutzschild versteht – muss man dann als Mensch mutiger geworden sein, um sie auch mal wegzulassen?

Gute Frage. Aber für mich ist Ironie kein Schutz. Ich bin auch nicht gern ironisch. Ich kann mich aus diesem Füllhorn namens Menschheit nur bedienen, wenn ich selber mit offenem Visier unterwegs bin. Was nicht heißt, dass ich mich überall ausziehe und jedem erzähle, was ich privat zum Frühstück esse. Aber ich versuche immer genau so offen zu sein, wie ich mir das von meinem Gegenüber wünsche. Sonst gerät es aus dem Gleichgewicht und fühlt sich an wie Machtmissbrauch.

“Pop-Pop-Popsofa, Pop-Pop-Popsofa!“: Anke Engelke als Teenagermoderatorin Ricky in der Sat.1-“Wochenshow“ Quelle: Gero Breloer

Sie haben in einer WDR-Reihe die Themen Selbstoptimierung, Glück und Angst beleuchtet. Woher kommt dieser unselige Druck, permanent dem Ideal zu entsprechen?

Ich kann da keine Schuld verteilen. Aber mich hat überrascht, wie tief diese Verstellung geht. Als mir zum Beispiel ein Model mit Übergröße sagte: “Ich fühle mich total wohl! Ich fühle mich so wohl in meiner Haut! Es gibt ja viele Schmetterlinge auf der…!“ – habe ich sie gebremst und gesagt: “Warte mal! Das ist ein Kalenderspruch. Verkauf mir den nicht als deine Idee. Ich bin doch jetzt auch ehrlich: Wir haben beide Cellulitis, wir haben beide Besenreiser oder wie die Scheißdinger heißen – aber lass uns doch ehrlich sein: Wir finden’s doch beide nicht so schön, oder? Keiner sagt: Guck mal, toll.“

Das hat Sie erschreckt.

Das hat mich erschreckt: dass die Menschen nicht mehr original sind. So wie der Kollege, der mit diesem Armband rumläuft und Tag und Nacht alles kontrolliert: was er isst, wann er schläft. Aber das ist doch kein natürliches Bedürfnis, das so ein Gerät erfüllt. Es schreit doch kein Mensch von sich aus nach einem Gerät, um sich ständig zu kontrollieren und sich geiler zu finden. Ganz offensichtlich bin ich nicht so. Ich möchte keinen Scheinbedürfnissen nachgeben. Ich brauche das nicht.

Männern fällt es leichter, sich selbst super zu finden – auch wenn alle Fakten dagegen sprechen. Empfinden Sie das als Makel oder als Stärke?

Ich finde das wahnsinnig schön, dass Männer sagen können: Wieso, du siehst doch super aus! Das ist beneidenswert, dass Männer sich wegen ihres Äußeren nicht so verrückt machen wie Frauen.

Wie groß ist dieser Druck?

Da habe ich mal sehr schlechte Erfahrungen gemacht, vor langer Zeit. Das war beim Ferienprogramm des ZDF, da hatte gerade ein neuer Chef für das Kinder- und Jugendprogramm angefangen, und es gab eine wirklich magere Redakteurin, die es sehr wichtig fand, dass Frauen im Fernsehen mager sind. Ich war 18 Jahre alt, und man gab mir zu verstehen, dass ich abnehmen sollte. Das hat mich schwer traumatisiert, und es hat ganz lange sehr, sehr wehgetan. Aber irgendwann habe ich begriffen, dass mir das nicht wehtun darf. Dass mir eher die Leute leidtun sollten, die einem so etwas antun. Das ist aber geklärt. Der damalige Chef und spätere Intendant hat sich mehrfach entschuldigt.

Hat die #Metoo-Debatte Sie überrascht?

Tja, was hat mich daran überrascht? Das Ausmaß? Oder dass jetzt Geschichten hochkommen, die schon Jahre alt sind? Die Antwort ist: Nein. Weil alles so ist, wie es ist. Die Frauen brauchten dann einfach lange, um den Mut zu finden, darüber zu sprechen. Hat mich überrascht, dass jetzt Menschen die Opfer kritisieren, die die Debatte selbst eigentlich gar nicht betrifft, weil sie keine eigenen Schicksalserfahrungen haben? Auch nicht. Es ist alles, wie es ist. Das Einzige, was nicht sein darf, ist, dass Macht missbraucht wird. Ich begrüße, dass das jetzt offen angesprochen wird. Und ich mag nicht darüber urteilen, ob das zu früh oder zu spät geschieht.

Catherine Deneuve fürchtet um die Flirtkultur.

Diese Reaktion wundert mich sehr. Dass die sagen: “Nun lass doch mal – so einen Klaps auf den Hintern wollen wir doch eigentlich.“ Da habe ich mich gefragt, ob da etwas mit der Übersetzung schiefgegangen ist. Dann habe ich das Original gelesen und gestaunt: Das hat sie tatsächlich so gesagt. Ich glaube, dass die Debatte sinnvoll ist, um den Blick zu schärfen. Schön wäre nur, wenn es zivilisiert und mit Respekt abliefe und niemand sich in seiner Freiheit eingeengt fühlt.

Eine Institution im Kulturbetrieb: Anke Engelke moderierte auch 2018 wieder die Verleihung der Berlinale-Bären. Quelle: dpa

Stichwort Freiheit: Wer gehört denn für Sie zu den größten Komikerinnen: Amy Shumer, Sarah Silverman, Kristen Wiig, Tina Fey, Amy Poehler …

Kristen Wiig ist die Größte. Sie ist mein Liebling. Tina Fey ist super. Die haben Timing, die haben Funny Bones. Das ist die alte “Saturday Night Live“-Schule. Da dürfen die sich ausprobieren. Diese Stand-up-Kultur, die Improv-Tradition – das gibt’s hier nicht. Hier gibt’s Karneval.

Warum bloß? In Deutschland gilt Improvisationskunst als niederste Form des Humors, unterhalb des Kalauers.

Die Folge ist klar: Hier nicht machen. Einfach nicht machen. Fertig.

Aber Sie machen’s ja. Mit “Blind Date“, dem hochgelobten Improvisationsformat mit Olli Dittrich…

Das ist was anderes. Aber ich stehe nicht auf der Bühne und behaupte: “Wisst ihr, was ich in der Zeitung gelesen habe…?“ Das kann ich nicht. Das habe ich bei “Anke Late Night“ bewiesen. Das geht nur, wenn ich eine Rolle spiele. Aber wenn ich da als Anke vor den Menschen stehen soll, dann verkaufe ich denen, dass das alles neulich der Anke passiert ist. Und schon ist es für mich nicht mehr Schauspiel, sondern Lüge.

Und das war das Problem Ihrer kurzlebigen Sat.1-Show “Anke Late Night“ – dass man das spürte?

Natürlich. Alle haben gesagt: Oh Gott, Mädchen, hört auf!

Sie sprechen seit dem Tod von Elisabeth Volkmann die Marge Simpson in den “Simpsons“ – seit jetzt zehn Jahren. Was haben Sie mit der Figur gemeinsam?

Marge und ich mögen unsere Familien. Sie besteht aus einem Haufen Beknackter, aber die Liebe hält alles zusammen, wenn sie groß genug ist. Marge hat ein großes Mutterherz und viel Verständnis für Freakigkeit, Unzulänglichkeit und Sperrigkeit, für Macken. Sie ist ein großes Vorbild. Die stoische Ruhe, mit der sie die Dinge durchzieht. Die Dickköpfigkeit. Und die Tatsache, dass sie ihre Kinder manchmal selbst zum Vorbild nimmt – und dadurch selber Vorbild wird.

Zur Person: Anke Engelke

Zehn Jahre alt war Anke Engelke, als sie 1975 mit Schlagersänger Heino und dem Kölner Schulchor Die Sonntagskinder in Peter Frankenfelds ZDF-Show “Musik ist Trumpf“ auftrat. Es war ihre Fernseh-Feuertaufe. Als der Kinderchor dann 1977 Udo Jürgens auf Tournee begleitete, entdeckte ein Mitarbeiter von Radio Luxemburg die talentierte Schülerin. Und aus der 1965 als Tochter eines Lufthansa-Managers und einer Fremdsprachenkorrespondentin im kanadischen Montreal geborenen Anke Engelke wurde ein Kinderstar.

Als 13-Jährige moderierte sie ab 1978 im Kinder- und Ferienprogramm des ZDF, interviewte Astrid Lindgren und Frank Elstner, Nina Hagen und Udo Lindenberg. Es war der Startschuss für eine unvergleichliche Karriere. Aus dem singenden Schulmädchen wurde Deutschlands vielseitigste und witzigste Schauspielerin und Entertainerin. Beim Südwestfunk in Baden-Baden wurde sie ab 1986 zur Redakteurin ausgebildet. Ihr Studium der Anglistik, Romanistik und Pädagogik brach Engelke ab. Von 1993 bis 1996 war sie Mitglied des SWF3-Comedy-Ensembles Gagtory.

Und dann, im Alter von 30 Jahren, kam der endgültige Durchbruch: Neben Ingolf Lück, Bastian Pastewka, Marco Rima und später Markus Maria Profitlich wurde sie 1996 festes Ensemblemitglied in der Sat.1-Sketchsendung “Die Wochenshow“. Unvergessen sind ihre Auftritte als überforderte Popmoderatorin Ricky. “Die Ricky war gar nicht meine Idee“, erzählt Engelke. “Da hat man mir zehn Videokassetten hingelegt, auch die von der legendären Pressekonferenz von Tic Tac Toe, und gesagt: Guck dir das mal an, vielleicht ist das eine Figur für dich.“ Es wurde ein phänomenaler Erfolg.

Es folgten die vielfach prämierten Sat.1-Sketchreihe “Ladykracher“, die Sitcom “Anke“ – in der sie als überdrehte Version ihrer selbst eine Talkshowmoderatorin spielte –, Auftritte mit Bastian Pastewka als Volksmusikduo “Wolfgang und Anneliese“ und die hochgelobte Improvisationsreihe “Blind Date“ mit Olli Dittrich. Im Kino war sie unter anderem in Detlev Bucks Komödie “Liebesluder“, in Tobi Baumanns “Wixxer“ und in Sönke Wortmanns “Frau Müller muss weg“ zu sehen.

Zu einem ihrer wenigen Flops wurde die kurzlebige Sat.1-Show “Anke Late Night“. Als Nachfolgerin von Harald Schmidt wirkte sie fremdbestimmt. Das Ende kam im Oktober 2004 nach fünf Monaten. “Was mich viel mehr belastet hat als das Aus: dass ich ganz vielen Menschen einen Job für zwei Jahre versprochen hatte“, sagt Engelke. “Die hatten Kinder gezeugt und Häuser gebaut. Und dieses Versprechen konnte ich nicht halten. Das mache ich mir zum Vorwurf.“

Heute ist Engelke eine Institution im Kulturbetrieb, egal ob als Moderatorin bei der Berlinale, Komikerin, Schauspielerin, Sängerin oder Synchronsprecherin. Sie lieh der verwirrten Paletten-Doktorfisch-Dame in “Findet Dorie“ ihre Stimme und spricht Mutter Marge in der Serie “Die Simpsons“. Mit Stefan Raab und Judith Rakers moderierte sie den Eurovision Song Contest 2011 in Deutschland. Im WDR moderierte sie von 2013 bis 2015 die kleine, feine Kultur- und Talkshow “Anke hat Zeit“.

Ihr Privatleben schirmt sie konsequent ab. Nur wenig ist bekannt: 2000 war sie einige Monate mit dem Fernsehmoderator Niels Ruf und bis März 2003 vier Jahre lang mit Benjamin von Stuckrad-Barre liiert. Im Mai 2015 trennte sie sich von dem Musiker Claus Fischer, mit dem sie zwei Söhne hat. Eine Tochter stammt aus der Ehe mit dem Keyboarder Andreas Grimm, den sie als Mitglied der 1989 gegründeten Soulgruppe Fred Kellner und die famosen Soulsisters kennengelernt hatte. In der Band treten sie und ihre Schwester Susanne bis heute mehrmals im Jahr auf.

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