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Panorama Erdbeben entlarvt Mexikos Bausünden
Nachrichten Panorama Erdbeben entlarvt Mexikos Bausünden
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17:07 27.09.2017
Auf dem Schulgebäude hatte sich die Direktorin eine private Wohnung mit Whirlpool bauen lassen – eine zu schwere Konstruktion, die das Dach zum Einsturz brachte. Quelle: Foto: dpa
Mexiko-Stadt

Die Erde bebte – und danach war nichts mehr so, wie es einmal war. Besonders nicht für die Eltern, die alles verloren haben: ihre Kinder. Kurz vor der Katastrophe saßen diese noch in der Grundschule „Enrique Rébsamen“ im Süden von Mexiko-Stadt im Klassenraum und lernten fürs Leben. Als es bebte, stürzte ein Großteil des Schulgebäudes, in dem auch ein Kindergarten und ein Gymnasium untergebracht waren, ein. Unter den Steinmassen lagen die Kinder, teilweise stundenlang eingequetscht. 17 von ihnen überlebten das Unglück nicht, auch vier Lehrer fanden in den Trümmern den Tod. Die verzweifelten Eltern warteten vor der Schule, viele vergebens.

Nun mischt sich in die tiefe Trauer auch eine tief greifende Wut. Denn dass in Mexiko-Stadt so viele Gebäude so schnell einstürzten, hat mit dem ungezügelten Bauboom und der mangelnden Bauaufsicht zu tun. So hatte die Eigentümerin und Direktorin der privaten Grundschule auf das Schuldach ihre private Wohnung gebaut – inklusive Whirlpool. Nach ersten Untersuchungen führte das große Gewicht dazu, dass das Dach über den Klassenräumen zusammenbrach und die Schüler unter sich begrub.

Behörden wurden vor Risiko gewarnt

Auch in der Avenida Nuevo León 238 im Herzen des Stadtteils Condesa sind die Menschen wütend. Das neunstöckige Bürogebäude blieb beim Beben zwar stehen. Doch die Nachbarn des riesigen Baus kamen weniger glimpflich davon. Das Bürogebäude geriet ins Schwanken und beschädigte die niedrigeren Häuser links und rechts neben sich schwer. „Seit Jahresbeginn haben wir die Baubehörde gedrängt, das Gebäude abzureißen, weil es ein Risiko für die Umgebung darstellt“, sagt Rafael Guarneros, Vorsitzender der Nachbarschaftsinitiative.

Besonders ärgert ihn der Hubschrauberlandeplatz, der sich seit einiger Zeit auf dem Dach des Gebäudes befindet. Die tragenden Strukturen seien nicht für ein solches Ungetüm aus Stahl und Beton ausgelegt, sagt er. Der Architekt José Ávila Méndez, Sicherheitsexperte bei der Stadtregierung, bestätigt: „Mit dem Gewicht könnte das Gebäude schon ohne Beben zusammenbrechen.“

Verletzung der Bauvorschriften führte zur Katastrophe

Diese eklatante Bausünde ist nur eine von Hunderten, die in diesen Tagen ans Licht kommen. Fälle von massiver Verletzung der Bauvorschriften ermöglicht durch Korruption haben mit dazu beigetragen, dass 38 Gebäude in Mexiko-Stadt wie Kartenhäuser kollabierten und 8300 weitere beschädigt wurden.

Bei den Erdstößen der Stärke 7,1 am Dienstag vor einer Woche starben über 330 Menschen im ganzen Land, 191 davon alleine in der Hauptstadt, die in den vergangenen Jahren einen Bauboom erlebt hat. Büro- und Bankentürme von bis zu 60 Stockwerken, Wohntürme mit bis zu 20 Stockwerken wurden schnell und oft ohne Einhaltung der nach dem Erdbeben von 1985 verschärften Baugesetze hochgezogen.

Steht Mexiko-Stadt auf Wackelpudding?

Rafael Guarneros von der Nachbarschaftsinitiative fragt zu Recht, wie der Heliport auf dem Bürogebäude genehmigt werden konnte. Auch die zivile Luftfahrtbehörde hätte dem niemals zustimmen dürfen. Zumal weite Teile des Stadtteils Condesa und des angrenzenden Viertels Roma auf weichem Terrain entstanden und noch stärkeren Restriktionen beim Bau unterworfen sind als andere Viertel. „Teile von Mexiko-Stadt stehen auf einem Wackelpudding“, sagt Bauingenieur Torgen Mörschel von der deutschen Sektion der „International Search and Rescue“ (ISAR) nach einem Besuch in der Metropole. Da dürfte eigentlich gar nicht hoch gebaut werden. Tatsächlich gelten die sieben Stadtteile der Metropole, die am härtesten vom Beben betroffen wurden, als Risikozonen. Da dürfen in Seitenstraßen Gebäude mit maximal fünf und auf großen Verkehrsachsen mit maximal sieben Stockwerken gebaut werden.

Seit 1986 müssen Sicherheitsexperten die Bebenresistenz der Konstruktionen zertifizieren. Im Laufe der Jahre allerdings wurden die Vorschriften gelockert oder ignoriert, weil immer mehr Menschen in die Stadt drängten und oft ohne die entsprechende Erlaubnis gebaut wurde. Mehrere Tausend Beschwerden haben die Bewohner der Condesa und Roma in den vergangenen Jahren bei den Behörden eingereicht: „Dann stoppen die Arbeiten mal für zwei Wochen, danach geht es aber weiter. Die Bauunternehmen wissen, dass sie nur genug Geld in die Hand nehmen müssen, um machen zu können, was sie wollen“, ärgert sich Guarneros. „Wie viele Opfer des Bebens könnten ohne Korruption noch leben?“

Von Klaus Ehringfeld/RND

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