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Panorama Einfach nur kuscheln
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20:16 11.05.2018
Fremde Menschen, denen im Alltag Nähe fehlt, treffen sich auf Kuschelpartys, um miteinander zu schmusen – gegen Bezahlung, aber ohne Hintergedanken. Kann das funktionieren? Ein Selbstversuch. Quelle: Jacqueline Schulz
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Berlin

Die Kuschelelfen stehen in einem Kreis um ihre Bäume und massieren Köpfe, Hände, Rücken und Beine. Ich selbst bin einer von ihnen, Susanne ist mein Baum. Hätten Susanne und ich uns in der Straßenbahn getroffen – wir hätten uns nicht einmal zugenickt. Aber wir lernten uns eben nicht in der Straßenbahn kennen, sondern auf einer Kuschelparty in Berlin-Kreuzberg.

In fast jeder großen Stadt gibt es solche Veranstaltungen mittlerweile. Fremde treffen sich hier, um miteinander zu schmusen. Menschen, denen im Alltag Nähe fehlt, sollen diese beim Kuscheln neu erfahren können, unkompliziert und zwanglos. Nur zwei Regeln gibt es: keine Küsse und keine Berührungen in der Bikini-Zone.

“Das ist traurig“, sagen meine Freunde, als sie hören, dass ich eine Kuschelparty besuchen werde, “dass wir das nötig haben. Ein Armutszeugnis ist das.“ Auf eine Weise, denke ich, haben sie recht. Wie kann es sein, dass Menschen ihr Privatestes, ihre Intimität, hergeben, um sich von Unbekannten berühren zu lassen – und dafür auch noch bezahlen? 19 Euro für drei Stunden.

Geborgenheit ohne das Laster der Verpflichtung

Der Ausverkauf der letzten intimen Gefühle hat begonnen. Die israelische Soziologin Eva Illouz vertritt seit Jahren diese These. Liebe, Nähe und Sexualität, sagt sie, seien die am besten vermarkteten Gefühle überhaupt. Das Internetportal Parship machte das Dating zur Ware, Jochen Schweizer das gemeinsame Abenteuer, C-Date sogar das Fremdgehen – und Bordelle seit Jahrhunderten den Sex.

Für fast alle emotionalen Belange, sagt Illouz, gebe es mittlerweile käufliche Kompensate. Und deren Anbietern gelinge es, in der Bevölkerung ein allgemeines Gefühl des Nimmersatten zu erzeugen. Eine Beziehung ist schön? Mag sein – aber sie könnte schöner sein. Entsprechend sinke die Bereitschaft, sich dauerhaft auf etwas einzulassen. Ein Treueversprechen sei heute meist keines mehr bis in alle Ewigkeit, sondern nur eines bis zur nächstbesten Gelegenheit.

Die neue, derzeit beliebte Beziehungsform des “Mingle“ treibt dieses Streben auf die Spitze: Beziehungen, in denen zwei Menschen Sex miteinander haben und Berührungen teilen – aber ohne jede weitere Verpflichtung. Mingels – das Wort setzt sich aus den englischen Begriffen “single“ und “mixed“ zusammen – sind Zeugnisse einer Suche nach Geborgenheit ohne das Laster der Verpflichtung. So wie Kuschelpartys – zum Schnäppchenpreis von 19 Euro.

Kuscheln ist – besonders in den USA – zu einem kleinen Wirtschaftszweig geworden. Auch hierzulande gibt es in jeder größeren Stadt Kuschelpartys. Quelle: Jacqueline Schulz

Die Nachfrage nach Nähe ohne Aufwand steigt: Längst ist Kuscheln zu einem kleinen Wirtschaftszweig geworden. Wohin die Reise geht, zeigt das Beispiel der USA. Dort gibt es mittlerweile ganze Kuschelhäuser, die Namen tragen wie “The Snuggle House“ oder “The Snuggery“. In Deutschland dagegen sind zunächst private Kuschler auf dem Vormarsch. Wer mag, kann zu ihnen kommen und für bis zu 90 Euro die Stunde von ihnen gekuschelt und gestreichelt werden.

Aber was macht eine Kuschelparty nun mit einem selbst? Lassen sich Berührungen, Gefühle, Nähe kaufen wie Lebensmittel im Supermarkt?

Die Kuschelparty beginnt mit dem Warmtanzen: Die Gruppe bildet ein hopsendes Durcheinander, etwa 50 Männer und Frauen sind in Bewegung, ihre Gier nach den so vermissten Streicheleinheiten hängt wie Parfüm an ihren Körpern. Berührungshungrig streifen die Teilnehmer umeinander, um sich den Gegenwert ihrer 19 Euro zu holen. Auf Berührungen reagieren sie mit der Forderung nach noch viel intensiverer Berührung. Da ist er wieder, der Wunsch nach dem Immermehr.

Die volle Dröhnung Oxy-was-auch-immer

Für die nächste Übung teilt sich die Gruppe in Bäume und Kuschel­elfen: Die Bäume stehen mit verbundenen Augen in einem Kreis, die Kuschelelfen sollen sie streicheln und massieren. Susanne ist mein Baum. Mit den Fingerspitzen fahre ich über ihren Kopf. Sie stöhnt leise, ihr Herz pumpt schnell. Denn ihr Körper, ob sie will oder nicht, schüttet nun stressminderndes Oxytocin aus, das ihren Blutdruck senkt und ihre Ängste eindämmt.

Das ist die natürliche Reaktion des Körpers auf Nähe – egal, ob man sie durch fremde oder geliebte Menschen erfährt, wenn auch die Oxytocin-Menge bei geliebten höher ist. Mit jeder Berührung schmiegt Susanne sich weiter an mich, ihr Atem wird immer schwerer, ihr Körper fordernder. Es fühlt sich gut an – aber mit der falschen Person. Mit Susanne ist das so und mit allen Partnern, die danach folgen, auch.

Dann wechseln Bäume und Kuschelelfen die Rollen. Ich verbinde die Augen. Und dann ist da … sie. Sie umschließt mich fest, streichelt mit beiden Handflächen über Bauch, Taille, Po. Sie krault, massiert, umfasst. Bisher habe ich mich hier unwohl gefühlt, jetzt allerdings ist mein Hormonhaushalt am Zug. Die volle Dröhnung Oxy-was-auch-immer schießt durch mein Gehirn. Alle meine Vorbehalte lösen sich auf, in entspannter Euphorie. Sie soll da bleiben, diese Fremde, für immer und immer soll sie weitermachen.

Laut Haptikforschern können Erwachsene einen Mangel an Nähe zwar teilweise kompensieren, leiden aber trotzdem stark darunter. Quelle: Jacqueline Schulz

Haptikforscher Martin Grunwald von der Universität Leipzig hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, warum Berührungen für den Menschen Glück bedeuten. In seinem Fach gilt es als belegt, dass Erwachsene einen Mangel an Nähe zwar teilweise kompensieren können, aber trotzdem stark darunter leiden. Berührungen, auch durch Fremde, wirkten sich daher wohltuend auf den Körper und sogar das Immunsystem aus.

Diese billige Immunspritze jedoch wird immer weniger Menschen zuteil. So diagnostiziert der Sexualmediziner Uwe Hartmann von der Medizinischen Hochschule Hannover der Bundesrepublik eine chronische Berührungsarmut. Über 40 Prozent der Deutschen leben laut Statistischem Bundesamt mittlerweile in Singlehaushalten, jedes zehnte Paar hat einer Parship-Studie zufolge keinen gemeinsamen Lebensmittelpunkt. Und auch bei zusammenlebenden Paaren geht zwar weniger der Sex, jedoch die Zahl und Intensität der Berührungen im Laufe der Zeit zurück.

Das zeigen auch die Geschichten, die die Teilnehmer der Kuschelparty erzählen, als das körpernahe Miteinander vorbei ist. Keiner von ihnen ist unter 30, die meisten über 40. Da ist zum Beispiel Werner. Er war verheiratet, erfuhr in seiner Ehe jedoch irgendwann keine Liebe mehr. Das, sagt er, habe ihn innerlich leer gemacht. Kuschelpartys gaben ihm seine Zufriedenheit zurück.

Kuscheln kann die Leere ausgleichen

Hildegart dagegen hat einen Mann, der gesundheitlich nicht mehr in der Lage ist, ihr Nähe zu geben. Sie liebt ihn, aber Hildegart vermisst etwas, das sie sich auf Kuschelpartys zurückholt. Eveline wiederum hatte noch nie einen Freund. Über die Jahre hat sie eine Scheu vor Berührungen entwickelt. Jetzt, nach einigen Kuschel­abenden, ist sie bereit, demnächst vielleicht auch größere Nähe zuzulassen. Sie strahlt, als sie darüber redet.

Es sind Geschichten wie diese, die klarmachen, dass Kuschelabende kein schamloser Ausverkauf sind. Kuscheln ersetzt zwar keinen Psychotherapeuten, aber es kann die Unzufriedenheit verringern, kann Leere ausgleichen und Krisen überwinden helfen. Es ist gesund und manchmal auch einfach nur schön. Die meisten Besucher des Abends kommen gestresst an, gegen Ende der Sitzung aber strahlen sie. Wenn eine Kuschelparty das leisten kann, was sollte an ihr dann verwerflich sein?

Kuschelpartys müssen auch kein Symptom einer vereinsamenden Gesellschaft sein. Singlehaushalte und Fernbeziehungen nehmen zu. Aber Einsamkeit, lieblose Ehen oder langes Singledasein gab es schon immer. Nur gibt es heute eben Kuschelpartys, um gegen das Alleinsein anzugehen. Mögen sie auch 19 Euro kosten.

Einsamkeit, lieblose Ehen oder langes Singledasein gab es schon immer. Nur gibt es heute eben Kuschelpartys, um gegen das Alleinsein anzugehen. Quelle: Jacqueline Schulz

Alle Namen dieses Artikels wurden geändert.

Von Julius Heinrichs

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