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Panorama Michael Schulte: Das ist Deutschlands Mann in Lissabon
Nachrichten Panorama Michael Schulte: Das ist Deutschlands Mann in Lissabon
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10:05 12.05.2018
Wie sehr kann Michael Schulte das europäische Herz berühren? Seine Hymne auf die Liebe und die Kraft der Familie treibt mehreren Zuhörern bei den Proben die Tränen in die Augen. Quelle: aP
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Lissabon

So ist das eben mit Deutschland: Immer wenn das Land sich mal besonders locker machen will, wirkt es erst recht verkrampft. Angestrengt, streberhaft und unglücklich. So ist das bei Fernseh-Galas. So ist das in DFB-Pokal-Halbzeitpausen. Und so war das seit Jahren zuletzt auch beim größten Popspektakel der Welt, dem Eurovision Song Contest (ESC). Nichts gelang. Gar nichts. Zweimal Letzter, zweimal Vorletzter – eine Chronik des Elends.

Es ist ja nicht so, dass der zuständige Norddeutsche Rundfunk nichts versucht hätte: mit einer kühlen Blonden (Levina), mit einer kühlen Brünetten (Ann-Sophie), mit einer netten Kühlen (Cascada), mit einem netten Küken (Jamie-Lee). Das Problem: Sie alle sollten etwas sein, das sie nicht sind.

Keine Verkleidung, keine Theatralik – einfach ein netter Kerl

Warum also nicht mal ein Normaler? Ein Unverkleideter? Einer ohne Theatralik, bunte Haare und Glitzer? Einfach ein netter Kerl aus Buxtehude mit normalem Gesicht und normaler Frisur? Keine lebende Discokugel, kein Mangamädchen.

Michael Schulte also, aufgewachsen im 1000-Einwohner-Örtchen Dollerup bei Flensburg und wohnhaft in Buxtehude, soll am Samstagabend in Lissabon die deutsche Ehre retten. Dazu muss er nicht siegen. Es genügt, eine erneute Schmach zu verhindern. Er geht mit der Startnummer elf ins Rennen. Der 28-jährige Ex-Zivi singt seine Ballade „You Let Me Walk Alone“ über seinen Vater, der starb, als Schulte 14 Jahre alt war.

Keine Backgroundsänger, kein Gedöns – dafür eine Hymne auf die Liebe

Zu leisen Gitarrenklängen steht er allein auf der Bühne vor 11.500 Zuschauern in der Arena, ohne Backgroundsänger, ohne Gedöns. Hinter ihm ziehen Schwarz-Weiß-Bilder von Vätern mit ihren Kindern über eine aufblasbare Leinwand. Es ist eine Hymne auf die Liebe und die universelle Kraft der Familie, die gestandenen ESC-Fans bei den Proben in Lissabon die Tränen in die Augen trieb. Und sie fällt auf zwischen albanischem Knödelrock und eiskalten Diven in rippenzerquetschenden Miedern.

Als Knirps sang Schulte Coverversionen vor der heimischen Wohnzimmerschrankwand, es war der Beginn einer steilen Youtube-Karriere. 2012 war er dann Drittplatzierter bei „The Voice of Germany“, damals sang er auch mit Ed Sheeran, zwei musikalische Rotschöpfe unter sich. Er weiß, was er kann und will. Zu Hause ist man stolz. „Aus Buxtehude kommt Qualität“, sagt Bürgermeisterin Katja Oldenburg-Schmidt. Ein nordischer Dickschädel ist dieser Schulte, kein biegsames Gefäß für die Blütenträume abgezockter Produzenten.

Sein Auftritt bringt alles mit, was europäische Herzen berühren kann: Glaubwürdigkeit, Stimme, Präsenz, Charme und ein universelles Thema. Im Sport würde man jetzt sagen: Da keimt noch einmal Hoffnung auf. Zuletzt zeigte ja Salvador Sobrals ESC-Sieg für Portugal, dass der Kontinent Authentizität und Originalität jeder pompösen Inszenierung vorzuziehen bereit ist – wenn das Lied die Herzen erreicht.

Schaumwein, Fado und Fruchtspieße vor dem Auftritt

„Ich bin, wie ich bin“, sagt Schulte. Der deutsche Botschafter in Lissabon hat in die Residenz geladen. Es gibt Schaumwein, Fado und Fruchtspieße. Schulte schlurft durch den Garten, die Gitarre geschultert wie ein Surfer auf dem Weg zur Hängematte. Die Last der nationalen Ehre, sie zu verteidigen – er spürt sie nicht. „Ich habe keine Angst“, sagt er. „Ich bin gut vorbereitet, ich singe ein persönliches Lied, und mein Vater ist immer bei mir – egal, wo er jetzt ist.“ Lange konnte er nicht sprechen über dieses Loch in seinem Leben. Aber er will es nicht übertreiben beim ESC, will nicht kalkulierend wirken: Bilder von ihm und seinem Vater sind nicht zu sehen.

Ein Fideltroll als ärgster Konkurrent

Die Konkurrenz ist stark: Ein tschechischer Rapper namens Mikolas wird hoch gehandelt, eine zypriotische Shakira und der norwegische Fiedeltroll Alexander Rybak, ESC-Sieger von 2009, der es noch einmal wissen will. Die israelische Wuchtbrumme Netta zählte mit ihrem „Toy“ früh zu den Siegesanwärtern – einem Mix aus Skat-Gesang, Hip-Hop, Loopschleifen, erratischem Hühnertanz, dem Sound eines Polterabends und stabilem #MeToo-Selbstbewusstsein. Frankreichs Duo Madame Monsieur erzählt die Geschichte des fiktiven Flüchtlingsmädchens „Mercy“, geboren auf einem Boot im Mittelmeer. Große Bühne, großes Thema. Der ESC ist nicht die UN-Vollversammlung, aber ein bisschen Polit-Pathos schadet nie. Estland zeigt das größte Trickkleid der ESC-Geschichte zu Opern-Pop-Crossover. Das sind die Favoriten.

Und Schulte? Er steht, gerade 28 Jahre alt geworden, an einer Wegscheide des Lebens. Erst der ESC. Und viel wichtiger: Im Sommer heiratet er Freundin Katharina („Nie war ich mir so sicher, das Richtige zu tun“), das gemeinsame Kind soll Ende August zur Welt kommen – ein Junge.

„Hey, ich bin der Micha“

Sein Lebensziel, sagt er, war nie, reich und berühmt zu werden, sondern einfach nur Vater. Reden ist nicht so seins. Der Satz, mit dem er Katharina einst ansprach, war dann auch ein echter Schulte: „Hey, ich bin übrigens der Micha.“ Ganz normal halt, der Typ.

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Von Imre Grimm/RND

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