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Panorama Die Revolte der Frauen
Nachrichten Panorama Die Revolte der Frauen
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14:01 07.04.2018
Angehörige des "Aktionsrates zur Emanzipation der Frau" des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) stürmen am 12.10.1968 während einer SPD-Veranstaltung in der Frankfurter Paulskirche zum 50. Jahrestag des Frauenwahlrechts mit Transparenten das Rednerpodium. Quelle: dpa
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Die Ikonen der Revolte von 1968 sind dem Pu­blikum eingebrannt: junge Männer mit wehendem Haar, untergehakt, im Dauerlauf, Plakate und Banner schwenkend. Rudi Dutschke, heftig gestikulierend auf dem Podium eines überfüllten Hörsaals. Die Aktionen eines kleinen Kerns einer männlichen, intellektuellen, großstädtischen Elite sind in den Medien millionenfach vervielfältigt worden. Doch die immer wieder neu aufgelegten Fotos von damals zeigen nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt dessen, was die Revolte ausmachte – und zwar denjenigen Teil der Akteure, der die Massenmedien für sich gewann.

Kein Fotograf verbrachte Zeit mit den Frauengruppen, die sich seit 1968 landauf, landab gründeten und auf Emanzipation drangen. Kaum ein Journalist interessierte sich damals dafür, was in der Privatsphäre der Familien und Paarbeziehungen passierte. Und selbst wenn ein Kamerateam dabei war, wurde der Film nicht gesendet – so, als zornige junge Frauen bei einer SDS-Konferenz im September 1968 Tomaten auf die männlichen Matadore warfen, die sich einer Diskussion über die Frauenfrage verweigerten.

Überall wurde die Revolte aus einer männlichen Perspektive betrachtet, die die weiblichen Akteure und den Kampf gegen das Patriarchat aus dem Geschehen herausdefinierte. Ein bildungsbürgerlicher Tunnelblick verengte das Geschehen auf männliche Studenten und auf einen angeblich typischen Konflikt zwischen Vätern und Söhnen.

Berühmt wurde ausgerechnet Uschi Obermaier

Deswegen sind die uns bis heute überlieferten Varianten von Achtundsechzig Gruppenbilder ohne Damen. Alle kennen Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit und Fritz Teufel. Die Vorreiterinnen der Frauenbewegung von 1968 verblassen dagegen: Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger, Gretchen Dutschke-Klotz und Florence Hervé.

Die einzig wirklich berühmte “Achtundsechzigerin“ ist ausgerechnet das Fotomodell Uschi Obermaier. Die Kommunardin wurde barbusig auf Illustrierten und als Sexbombe der Rockmusikszene vermarktet. Mit den Zielen der Feministinnen von 1968 hatte sie so gut wie nichts am Hut. Sie ist vielmehr ein Beispiel dafür, dass die Medien das weibliche Achtundsechzig sexualisierten, wenn sie es nicht ignorierten.

Es ist Zeit, die Optik geradezurücken. Wie uns die #MeToo-Debatte gezeigt hat, wurden die Stimmen der Frauen lange mutwillig überhört. Wer den Blick in die Familien und die Privatsphäre richtet – wie ich es für mein Buch anhand Hunderter von Interviews mit Zeitgenossen beiderlei Geschlechts getan habe –, wird ein anderes, ein weibliches Achtundsechzig entdecken. Immerhin waren ein Viertel der Studenten und auch der SDS-Mitglieder damals Frauen.

Der lange Marsch der Frauen durch die Einbauküchen

In einer patriarchalischen Gesellschaft wie der der Sechzigerjahre war Sexismus alltäglich, und dagegen gingen die Vorreiterinnen der neuen Frauenbewegung an. Sie stellten kontroverse Fragen wie die, wer den Abwasch übernehme, wer das Kind beaufsichtige und wessen Karriere Vorrang habe. Sie verlangten von ihren Ehemännern, dass sie nicht automatisch mit dem Berufs- oder Studienabbruch der Frau rechneten, wenn das erste Kind kam. Viele Akteurinnen waren Mütter kleiner Kinder, die wegen des akuten Mangels an Betreuungsmöglichkeiten auf eine Idee kamen, um sich gegenseitig auszuhelfen: die Kinderläden.

Aber sie forderten auch von ihren Professoren, dass ihre Studienabsichten ernst genommen würden. Im SDS griffen Frauen die patriarchalischen Denkmuster vom maskulinen Revolutionär und seiner femininen Begleiterin an. Es stank ihnen, “dass immer nur die Männer die großen Reden hielten und die Frauen die Flugblätter tippten“, so die Autorin Silvia Bovenschen. Viele Frauen ärgerten sich auch über die Tatsache, dass die sexuelle Befreiung zunächst nur den Männern zugutekam. “Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“ titelte ein Flugblatt des Frankfurter Weiberrats aus dem November 1968.

Solche Forderungen nach Gleichberechtigung kochten damals überall zu Grundsatzdiskussionen hoch und belasteten das Verhältnis junger Frauen zu ihren Partnern und Vätern. Private Konflikte in Familien und Ehen breiteten sich aus. Erst wenn wir diesen langen Marsch der Frauen durch die Einbauküchen ausleuchten, werden die Konturen des eigentlichen, langfristig wirksamen Achtundsechzig erkennbar.

Es war die Emanzipation der Frauen, die eine Revolution auslöste

Denn obgleich die Protestbewegung der (männlichen) Studenten die Medien beherrschte, blieb von ihren Zielen wenig. Der Feldzug gegen die Notstandsgesetze und für eine sozialistische Revolution versickerte nach der Verabschiedung der Notstandsverfassung im Mai 1968 und der Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition im Oktober 1969. Die außerparlamentarische Opposition und der SDS lösten sich auf. Die kommunistischen Kadergruppen der Siebzigerjahre fanden in der westdeutschen Bevölkerung keinen Zuspruch.

Ganz anders war es mit der stillen Revolution der Frauen. Was mit den Tomatenwürfen begann, griff von Anfang an über die Universität hinaus und rekrutierte in atemberaubendem Tempo Frauen aus allen Schichten und Regionen. Es war die Emanzipation der Frauen, die eine Revolution der Lebensstile auslöste und damit die Gesellschaft der Bundesrepublik auf lange Sicht veränderte.

Die Achtundsechzigerinnen stießen den Wandel der Geschlechterrollen, den Abbau von familiären Hierarchien und eine weniger autoritäre Kindererziehung an. Nur blieb ihr Beitrag lange unterschätzt, weil das Weibliche, das Private von Kommentatoren aller Schattierungen nicht als politisch und gesellschaftsverändernd erkannt wurde. Es ist Zeit, diesen verzerrten Blick auf Achtundsechzig zu korrigieren.

Christina von Hodenberg Quelle: Rob Haines

Zur Person: Christina von Hodenberg ist Professorin für europäische Geschichte an der Queen Mary University in London. Ihr Buch “Das andere Achtundsechzig“ ist bei C. H. Beck erschienen (250 Seiten, 24,95 Euro).

Von Christina von Hodenberg

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