Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Panorama Der lange Schatten der Essstörung
Nachrichten Panorama Der lange Schatten der Essstörung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:14 04.03.2018
Einen Betroffenen, der an einer Essstörung leidet, davon zu überzeugen, dass er ein Problem hat, ist alles andere als einfach. Quelle: iStockphoto
Anzeige
Hannover

Die Hälfte der deutschen Frauen macht in ihrem Leben mindestens einmal eine längere und sehr rigide Diät. Sind sie deshalb alle essgestört? Natürlich nicht. Nur sind die Übergänge zwischen dem Bestreben, ein paar Pfunde loszuwerden, und einem gestörten Verhältnis zum eigenen Körper fließend. “Am Anfang will man etwas weniger wiegen, dann hat man dieses Weniger erreicht und denkt: ,Ich könnte ja noch mehr abnehmen’“ So gerät manch einer in einen Strudel, erklärt Professor Stephan Herpertz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS).

Anders als bei jemandem, der einfach ein bisschen abnehmen will oder gar muss, beherrscht das Thema Gewicht bei Magersüchtigen den gesamten Alltag. Um immer weiter abzunehmen, stellen sie das Essen weitgehend ein und treiben häufig auch extrem viel Sport.

Neben Magersucht (Anorexie) gibt es aber noch weitere Essstörungen, erläutert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Dazu gehören unter anderem Bulimie und die Binge-Eating-Störung, aber auch das Pica-Syndrom und Orthorexia nervosa. Bulimiker essen in kurzer Zeit große Mengen. Um die Kalorienzufuhr rückgängig zu machen, lösen sie danach selbst Erbrechen aus. Essattacken kennzeichnen auch die Binge-Eating-Störung. Nur werden die Attacken nicht gewissermaßen wieder ungeschehen gemacht. Die Betroffenen sind deshalb häufig übergewichtig.

Scharf trennen lassen sich Störungen nicht

Das Pica-Syndrom ist ein psychiatrisches Syndrom. Es kommt verstärkt bei Menschen mit Demenz, Entwicklungsstörungen oder geistiger Behinderung, aber auch bei Schwangeren vor. Das Pica-Syndrom ist gekennzeichnet von der Aufnahme ungewöhnlicher Dinge. Die erkrankten Menschen essen Papierschnipsel, Erde, Kot oder Tafelkreide. Der Verzehr führt dann zu gesundheitlichen Problemen wie Verstopfungen und Unterernährung. Bei der Orthorexia nervosa beschäftigt sich der Erkrankte übermäßig viel mit der Qualität der Lebensmittel und damit, wie gesund sie sind. Orthorexia nervosa wird daher auch “krankhaftes Gesundessen“ genannt.

Scharf trennen lassen sich die einzelnen Störungen allerdings nicht. Eine Mischform ist genauso gefährlich und genauso behandlungsbedürftig. Generell sind Essstörungen eher bei Frauen zu finden. Bei der Binge-Eating-Störung ist dagegen mit rund 40 Prozent der Männeranteil vergleichsweise hoch. Bei Anorexie und Bulimie seien es je nach Studie nur ungefähr 10 Prozent Männer, sagt Silja Vocks, Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Osnabrück.

Magersucht ist nur ein Beispiel für eine Essstörung. Das Abnehmen wird dabei zum Zwang. Quelle: dpa

Eine typische Zeit für die Entwicklung einer Magersucht ist die Pubertät. Bei den Teenagern steht der Selbstwert ohnehin auf dem Prüfstand, die jungen Heranwachsenden sind verunsichert, und ein geringes Selbstwertgefühl ist genauso wie ein negatives Körperbild ein Risikofaktor für eine Essstörung. Ausgelöst wird die Krankheit zum Beispiel von kritischen Lebensereignissen, Misserfolgen oder Hänseleien.

Väter, Mütter, Verwandte und Freunde sollten sensibel und aufmerksam auf körperliche Veränderungen von Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen reagieren. Extremer Gewichtsverlust ist dabei ein sehr offensichtliches Anzeichen für eine Essstörung. Eltern sollten aber schon hellhörig werden, wenn sich bei ihrem Kind alles nur noch ums Thema Essen dreht. Betroffene ziehen sich manchmal auch zurück, wirken verändert.

Um dann reagieren zu können, ist ein gutes Verhältnis zum Kind Voraussetzung, betont Andreas Schnebel, Diplom-Psychologe und Vorsitzender des Bundesfachverbandes Essstörungen (BFE) in München. Er leitet die Organisation ANAD, die Beratung und Therapie anbietet und deren Anfangsbuchstaben für “Anorexia nervosa and Associated Disorders“, also “Magersucht und damit verbundene Störungen“ steht.

Gute Nachsorge ist entscheidend

Frühzeitig zu reagieren kann bestenfalls verhindern, dass sich eine Essstörung manifestiert. Aber: Einen Betroffenen, der bereits an einer Essstörung leidet, davon zu überzeugen, dass er ein Problem hat, ist alles andere als einfach. Diese Erfahrung macht auch Professor Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen. Oft werden Kinder von ihren Eltern geradezu in die Ambulanz der Bochumer Klinik gezerrt. “Das zeichnet essgestörte Menschen aus, dass sie sehr lange Verläufe aufweisen, ehe sie in Therapie gehen.“

Dabei gibt es viele Hilfsangebote in Deutschland: von einer Beratung über ambulante Einzeltermine bis hin zu Wohngruppen oder einem Klinikaufenthalt. Wichtig ist aber auch eine gute Nachsorge. “Wenn man eine Essstörung hatte und erfolgreich therapiert wurde, kann man leicht wieder reinrutschen“, sagt Lydia Lamers von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Unterschiedliche Auslöser können dazu führen, dass die Krankheit erneut auftritt. “Essen ist eben jeden Tag allgegenwärtig.“

Von Christina Bachmann

Ein neun Jahre alter Junge ist auf einer niedersächsischen Autobahnraststätte vergessen worden und musste von der Polizei abgeholt werden. Der Junge hatte am Sonnabendnachmittag mit seiner Fußballmannschaft in Wolfsburg das Bundesligaspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen besucht.

04.03.2018
Panorama Gastbeitrag von Johannes Wimmer und Robin Haring - Gehen die Deutschen zu oft zum Arzt?

Die Deutschen gehen im Vergleich zu anderen Nationen sehr oft zum Arzt. Doch nicht jeder Gang zum Mediziner, nicht jede Vorsorge und auch nicht jede Tablette sind notwendig. Ist das medizinische Angebot vielleicht zu groß?

07.03.2018

Ein medizinisches Gutachten belastet die verantwortlichen Bundeswehr-Ausbilder in Munster. Der Tod eines Soldaten, der im Sommer 2017 während einer Übung kollabierte und später starb, sei demnach vermeidbar gewesen. Die Bundeswehr hat unterdessen angekündigt, die bestehenden Ausbildungsstrukturen zu überprüfen.

03.03.2018
Anzeige