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Panorama Der Holocaust? „Krass, so krass“
Nachrichten Panorama Der Holocaust? „Krass, so krass“
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17:01 27.01.2018
Schüler besuchen das Konzentrationslager Sachsenhausen mit seinem Tor, auf dem “Arbeit macht frei“ zu lesen ist. Quelle: AP
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Berlin

Margot Friedländer erzählt es immer wieder. Wie sie hastig, den Stern am Mantel mit der Handtasche bedeckend, an dem Mann vorbeigeht, der vor ihrer Berliner Wohnungstür steht und ihr Gesicht mustert. Wie sie hastig von der Nachbarin ein Stockwerk drüber in die Wohnung gezogen wird. Wie die der 21-jährigen Margot Friedländer, die damals noch Bendheim heißt, klarmacht, dass die Gestapo ihren jüngeren Bruder Ralph abgeholt hat. Wie sich ihre Mutter Auguste stellt, um Ralph nicht allein zu lassen. Dass sie die beiden nie mehr wiedersieht. Das war Anfang 1943.

Die Berliner Zehntklässler, die vor der 96-jährigen Dame sitzen und gebannt zuhören, scheinen den Atem anzuhalten. So still ist es in der Schulaula. Margot Friedländer erzählt nun über die Zeit in der Illegalität, in der ihr 16 Deutsche halfen. 1944 fiel sie den Nazis dennoch in die Hände. Die junge Frau wird ins Konzentrationslager (KZ) Theresienstadt deportiert. Dort, “im Zwischenreich – nicht Leben, nicht Tod“, widerfährt ihr schier Unmögliches. Sie trifft Adolf Friedländer, den sie aus Berlin kennt. Beide überleben und lassen sich noch in Theresienstadt kurz nach der Befreiung vom letzten Rabbi trauen. Das junge Paar verlässt Deutschland, weil es seinen Landsleuten nicht mehr traut. Es geht in die USA, beide für ihr Leben gezeichnet.

Die 96-jährige Zeitzeugin Margot Friedländer berichtet in Schulen von der Zeit des Nationalsozialismus. Quelle: Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa 2018

Es gibt Schüler, die nach dem Ende der Doppelstunde Geschichte mit dem Kopf schütteln, weil die Lebensgeschichte dieser Frau ihnen eine Vergangenheit vor Augen geführt hat, die Lehrbücher so nie vermitteln können. “Krass“, sagt ein Mädchen nur, “so krass.“ Der 16-jährige Sören macht Selfies mit Frau Friedländer, weil “sie einfach cool ist“. Was ist cool an ihr? “Sie berichtet, sie klagt nicht an, also nicht uns. Und sie ist zurückgekehrt, nach Hause. Sie ist ja auch Deutsche.“

Dass Margot Friedländer wenige Jahre nach dem Tod ihres Mannes 1997 wieder in ihre Geburtsstadt zurückzieht, finden die Gymnasiasten ebenso ungewöhnlich wie die amerikanischen Verwandten, erzählt sie den Schülern. “Ich wollte sprechen und ich wollte die Hand reichen. Denn ihr werdet von nun an die Zeitzeugen sein, die wir bald nicht mehr sein können.“ Dann geht sie erschöpft nach Hause.

Die alte Dame ist eine sehr kluge Frau. Sie weiß, dass ihr Schicksal eines von Millionen ist. Sie weiß aber auch, dass sich das Monströse – die ideologisch geplante und bürokratisch betriebene Vertreibung, Folter, Entmenschlichung und Ermordung von Frauen, Männern und Kindern – hinter einer sehr großen Zahl gut verstecken kann.

Der Stundenumfang im Fach Geschichte wird geringer

Wie viel und was Schüler heute von Nationalsozialismus und den Verbrechen an Menschen jüdischen Glaubens wissen und wie ihnen Geschichte vermittelt wird, ist bei Bildungsforschern höchst umstritten. Eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Körber-Stiftung ergab im vergangenen Jahr, dass nur 47 Prozent der befragten 14- bis 16-Jährigen wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis im Zweiten Weltkrieg war.

Ein Befund, der erstaunt, wenn die gleiche Befragung ergibt, dass mehr als die Hälfte großes Interesse an Geschichte hat und 80 Prozent finden, dass der Stoff zu historischen Ereignissen in den Schulen “stark“ vermittelt würde. Der Historiker Sven Tetzlaff von der Körber-Stiftung hat dafür eine Erklärung: “Das lange eigenständige Fach Geschichte geht immer weiter in Sammelfächern auf, auch der Stundenumfang wird geringer.“

Das heutige Interesse an der Geschichte von Nationalsozialismus und Judenverfolgung unterscheidet sich kaum von dem der Schüler vor 30 oder 40 Jahren, es müssen jedoch neue Vermittlungskonzepte gefunden werden. Quelle: Jacqueline Schulz

Das Interesse von Schülern an der Geschichte von Nationalsozialismus und Judenverfolgung unterscheidet sich kaum von dem der Schüler vor 30 oder 40 Jahren, hat Ulrich Bongertmann festgestellt. “Es ist ungebrochen hoch.“ Der Gymnasiallehrer aus Lambrechtshagen bei Rostock ist Vorsitzender des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD). Er findet: “Ehemalige Konzentrationslager sind die erste Adresse für die Holocaust-Vermittlung. Selbstläufer sind sie aber nicht.“ Die pädagogischen Konzepte an Schulen schwankten noch stark zwischen “Ehrfurcht wie in einer Kirche und staubtrockener Information“. Damit könne die Jugend heute nichts mehr anfangen, so Bongertmann.

Er denkt da gar nicht zuerst an Apps, Multimedia-Darstellungen oder sonst etwas. “Wir als Lehrer müssen damit umgehen lernen, dass heute kein Jugendlicher mehr seinen Opa schützen will.“ Schüler fragten ohne moralische Brille auf der Nase, wo denn hier der Galgen gestanden hätte und wie es sein könne, dass niemand von den Lagern und den Toten gewusst haben will. “Abgesehen davon“, betont Bongertmann einen weiteren Faktor, “können Einwanderer- oder Flüchtlingskinder in den Klassen mit unseren Schuldkategorien überhaupt nichts anfangen.“

Den Zeigefinger-Gestus vermeiden

“SA?“, fragt Ivan Kulnev, “könnt ihr was mit SA anfangen?“ Die 17-jährige Laura meldet sich. “Das heißt Sturmabteilung, die war so etwas wie die Vorgängerin der SS.“ Kulnev nickt, korrigiert, spricht über den Unterschied zwischen Sturmabteilung und Schutzstaffel. “Diese Typen waren sehr gefährlich. Es waren die, die Gewalt als politisches Instrument der Nationalsozialisten ausführten.“ Der junge Russe ist 32, Historiker und Slawist. Er steht an diesem kalten Januartag mit einer Gruppe von 15 Gymnasiasten aus Elmshorn bei Hamburg in einer Baracke des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Berlin.

Mit einem Frage-Antwort-Spiel führt er die Schüler durch die Anfänge der NS-Zeit, die Gewalt auf der Straße, die Verhaftungen Andersdenkender, die Aussetzung sämtlicher Freiheitsrechte bis hin zur Ermordung Inhaftierter. Der Himmel draußen ist grau, nachts hat es geschneit, die Kälte in diesem Holzbau kriecht durch die Winterjacken. Der 17-jährige Tom schaut sich suchend um: “Hier gab’s keine Heizung?“ Ivan Kulnev fragt in die Runde: “Was glaubt ihr?“

Er betreut schon seit sieben Jahren Schülergruppen. Er spricht in einfachen Sätzen und klaren Worten. “Den meisten Jugendlichen ist der geschichtliche Rahmen gut bekannt. Sie suchen hier Fakten und Antworten.“ Vieles, so seine Erfahrung, erschließt sich über das Schicksal Einzelner. Er vermeidet den Zeigefinger-Gestus. “Ich erzähle euch mal von Rudi Wunderlich, einem Kommunisten. Das hier ist sein Bild. Er war im KZ, weil er Flugschriften gegen Hitler verteilte. Heute ist das Facebook.“ Einige grinsen kurz.

Auf dem Weg zur “Station Z“, dem früheren Krematorium, erzählt der junge Russe über “Problemschüler“. Von Erschießungsanlagen, Gaskammern oder Leichenverbrennungsöfen ginge für einen kleinen Teil von Schülergruppen “eine gewisse Faszination“ aus. Kollegen hätten auch schon Führungen nach despektierlichen Bemerkungen wie “die Schwuchteln da“ über gefangene Juden, Homosexuelle oder Sinti und Roma abgebrochen. Es seien Ausnahmen, betont Kulnev. Er selbst habe mal eine junge Frau dabei erwischt, wie sie auf den Resten der Öfen für Selfies posierte, wie “in einer Art Disneyland des Grauens“. Er glaubt jedoch, solche Vorfälle lägen eher an schlechter Vorbereitung in der Schule. “Manche stehen hier plötzlich und fühlen sich der ganzen Situation nicht gewachsen. Böswillig sind nur ganz wenige, die meisten benutzen ihre Coolness als Mauer.“

In Oranienburg, 35 Kilometer nördlich von Berlin, erklärt Ivan Kulney Elmshorner Gymnasiasten das System KZ Sachsenhausen. Quelle: Jacqueline Schulz

Der Elmshorner Gymnasiast Tom fände es daher richtig, wenn jeder Deutsche verpflichtet würde, einmal einen „dieser brutalen Orte“ aufzusuchen. “Es ist ein Teil unserer Geschichte, dem wir uns in besonderem Maße stellen müssen.“ Der junge Mann, der es “erschreckend“ findet, dass nun im Bundestag eine rechte Partei wie die AfD sitzt, unterstützt die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), die Anfang des Jahres vor dem Hintergrund eines wachsenden Antisemitismus in Deutschland Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten gefordert hatte – für Deutsche und Migranten. Der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, Professor Günter Morsch, hält diesen Vorschlag für gut gemeint, aber wenig hilfreich. “Wir sind kein antifaschistischer Durchlauferhitzer, wie es sich manche sicher wünschen.“

Morsch, der auch Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten ist, klagt schon seit Jahren über finanzielle und personelle Benachteiligungen der Gedenkstätten gegenüber vergleichbaren großen Museen. “In Sachsenhausen etwa sind wir derzeit in der Lage, vielleicht die Hälfte der Besuchergruppen angemessen zu betreuen. Und das, obwohl sich die jährlichen Besucherzahlen in der Gedenkstätte Sachsenhausen seit 2006 auf mehr als 700 000 verdoppelt haben.“ Morsch schiebt den Ball zurück in das Feld der Berliner Politik. “Aus der Hauptstadt kommen inzwischen signifikant weniger Schüler.“ Das hänge vor allem mit schulinternen Problemen zusammen, die die Bedingungen für Besuche außerschulischer Lernorte verschlechterten.

“Die Verbrechen der Nationalsozialisten waren einmalig. Wie eine Kulturnation in kürzester Zeit so abstürzen konnte, das verunsichert noch heute. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das ist ein Grund, warum das Interesse auch bei Schülern nicht erlischt“, ist Morsch überzeugt. Aber es werde in der Schule, natürlich auch in Klassen mit vielen Migranten, viel Zeit benötigt, damit Schüler ihre Fragen stellen und ihre Interessen und Vorstellungen einbringen könnten. “Betroffenheitspädagogik baut jedenfalls keine Brücken mehr zur heutigen Generation.“

Bildung wiegt stärker als Migrationshintergrund

Die Direktorin des Zentrums für Bildungsintegration an der Universität Hildesheim, Professorin Viola B. Georgi, unterstützt Morsch. Im Grunde genommen sei gute historisch-politische Bildung überall und mit allen Schülern, egal welcher Herkunft, möglich. Entscheidend sei die Zeit, die dafür aufgebracht werde.

“Es gibt Jugendliche, die sich dieser Geschichte mit einer universalistischen, menschenrechtlichen Perspektive zuwenden, Jugendliche, die sich in deutsche Mythen und Geschichtsgeschichten über den NS verstricken, und Jugendliche, denen es aus unterschiedlichen Gründen schwerfällt, sich diese Geschichte zu eigen zu machen“, hat Georgi bei ihren Untersuchungen herausgefunden. “Der Bildungshintergrund der Familie, die gemachten Erfahrungen mit dem Erinnern, etwa beim Besuch von Gedenkstätten, der Geschichtsunterricht, die rezipierten Bildungsmedien und der Generationenwechsel wiegen stärker als der Migrationshintergrund. Denn die Gruppe der Einwanderer und ihrer Nachkommen mit deutschem Pass ist höchst heterogen.“

Der Historiker Sven Tetzlaff von der Körber-Stiftung hält die authentische Geschichtsvermittlung durch Zeitzeugen wie Margot Friedländer oder den Besuch von KZ-Gedenkstätten für das A und O der Holocaust-Bildung. Er sorgt sich, dass altersbedingt der feste Faden in die Vergangenheit abreißen könnte. Schüler müssten weiter Fragen stellen können. “Zeitzeugenvideos sind wichtig“, sagt er. “Aber sie geben keine Antworten auf eigene Fragen.“

Der virtuelle Zeitzeuge: Pinchas Gutter als Hologramm, ein Projekt der von Steven Spielberg gegründeten Shoah Foundation. Quelle: Miriam Lomaskin

Am Pazifik, in Los Angeles, bastelt Stephen Smith mit Technikern und Historikern an einer möglichen Lösung. Seit 1994 zeichnet die von US-Regisseur Steven Spielberg gegründete Shoah Foundation der Universität von Southern California weltweit die Lebensgeschichten von Genozidüberlebenden auf. 55 000 Videos sind dabei zusammengekommen.

Smith ist Geschäftsführer der Spielberg-Stiftung. Sein neues Projekt nennt sich “New Dimensions in Testimony“ (Zeugnisse neuer Dimension). Es verbindet die gesammelten Lebensberichte mit interaktiven und virtuellen Elementen. “Bislang ging es in der virtuellen Realität sehr viel um Spiele oder darum, Umgebungen zu schaffen, die man navigieren und erforschen kann“, erklärt Smith. “Aber eigentlich gibt es doch nichts Vertrauteres, als ein anderes menschliches Wesen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.“

Tatsächlich: Auf einem 2-D-Display erscheint Pinchas Gutter. Der 85-jährige gebürtige Pole hat die Konzentrationslager Majdanek, Buchenwald und Theresienstadt überlebt. Er kann viel berichten. Das Ergebnis ist wirklich frappierend: Pinchas Gutter beantwortet Fragen, lächelt verschmitzt, mal schaut er ernst. Der alte Herr dort ist eigentlich nur ein Hologramm – doch das ist schnell vergessen. Smith glaubt an die Unmittelbarkeit dieser Begegnung. “Ich denke, es wird der Standard sein, in dem wir künftig unsere Geschichte dokumentieren und vermitteln.“

In der Dunkelheit des Güterwaggons

Das Holocaust-Museum in Washington setzt auf eine besondere Art der Geschichtsvermittlung

Angemessenes Erinnern? Im Holocaust-Museum können Besucher “das Gefühl bekommen, wie die Menschen damals gelitten haben“. Quelle: Stefan Koch

Die Auschwitz-Baracke, der Güterwaggon mit dem schmalen Lüftungsschlitz, ein Leichenkarren. Bedrohliches Hundebellen ertönt aus den Lautsprechern, und aus dem Nebensaal dröhnt die Stimme von Adolf Hitler. Kleine und große Symbole des Massenmords an den Juden füllen die weitläufigen Räume. Es gibt unzählige authentische Artefakte, aber auch diverse Nachbildungen, die immer wieder für Debatten sorgen: Darf das Erinnern an das Böse so greifbar, so dreidimensional sein?

Die Holocaust-Gedenkstätte zählt zu den renommiertesten Museen der amerikanischen Hauptstadt. Fast zwei Millionen Besucher schauten sich allein im vergangenen Jahr die Dauerausstellung an, die regelmäßig um Sonderthemen ergänzt wird. Das Haus profitiert von dem sprunghaft angestiegenen Tourismus in Washington, gilt zugleich aber auch als engagierte Forschungsstätte.

Gerade erst vor wenigen Tagen wurde eine Kooperation mit dem Landesarchiv in Potsdam zur Digitalisierung von Akten unterzeichnet. Neben Yad Vashem in Jerusalem entwickelte es sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur zentralen Anlaufstelle der internationalen Holocaustforschung. Das Gebäude am Raoul-Wallenberg-Platz zwischen dem Washington-Monument und dem Jefferson-Memorial gleicht einem sanierten Industriegebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert und ist gerade auch bei jüngeren Leuten populär.

“Die Dimension des Verbrechens ist so schwer zu verstehen“

So auch an diesem Wochenende: Die Haupthalle gleicht einem Campus, auf dem sich unzählige Studenten drängeln. Auf ihren Mobiltelefonen spielend, sitzen manche auf dem Fußboden neben den Eingängen, andere sammeln sich um die wenigen Sitzplätze. Auffällig sind an diesem Tag die vielen Nonnen und Mönche. Wie sich im Gespräch herausstellt, wollen sie an der jährlichen Demonstration von Abtreibungsgegnern unweit des Weißen Hauses teilnehmen und nutzen die Zeit bis zum Protestbeginn für einen schnellen Museumsbesuch.

Von der akribischen Arbeit im Hintergrund erfahren die Besucher zumeist nur bei längeren Aufenthalten. Viele Gäste, wie der 19-jährige Daniel Murphy aus Kentucky, konzentrieren sich lieber auf die präsentierten Ausstellungsstücke: “Die Dimension des Verbrechens ist so schwer zu verstehen. Aber hier bekommt man zumindest ein Gefühl, wie die Menschen damals gelitten haben“, sagt der Student, der mit seinen Eltern das Wochenende am Potomac verbringt.

Murphy erzählt, wie er einige Augenblicke in der Dunkelheit des Güterwaggons stand, mit dem die Juden damals in die Todeslager transportiert wurden. “Es war ein erschütterndes Gefühl, allein diese Vorstellung.“ Auch die Miniaturdarstellung der Gaskammern, der Bewacher, der Schäferhunde und der Opfer habe ihn berührt.

“Der Holocaust war nicht unvermeidlich"

Doch nicht alle Besucher lassen sich so intensiv auf die Darstellungen ein wie der junge Mann aus Kentucky. So sorgte die Museumsleitung amerikaweit für Aufsehen, als sie vor zwei Jahren das Videospiel „Pokémon Go“ aus ihren Räumen verbannte. Selbst Häuser, die sich bestens auf die Dramaturgie ihrer Präsentation verstehen, sind vor Desinteresse offenbar nicht gefeit. Ohnehin sei so ein unpassendes Verhalten eher die Ausnahme, heißt es.

Die leitende Museumsmitarbeiterin Diane Saltzman ist sich sicher, dass die eigentliche Aussage bei der Mehrheit der Besucher ankommt: “Unser Haus will zeigen, dass der Holocaust nicht unvermeidlich war. Es war das Ergebnis einer Reihe von Aktionen und Unterlassungen von vielen, vielen, vielen Menschen. Wir müssen verstehen, dass wir alle Akteure in unserer Epoche sind.“

Nicht zuletzt die unzähligen Interviews mit Zeitzeugen, die sich die Besucher auf zahlreichen Bildschirmen anschauen können, würden dazu dienen, das Bewusstsein für die eigene Verantwortung zu stärken. Dazu diene letztlich auch die “dreidimensionale“ Darstellung, die es vielen Menschen erleichtere, die Erinnerung zu verfestigen. “Wenn sich die Gäste aus unserem Haus verabschieden, sollen sie ein Gefühl dafür mitnehmen, dass wir alle füreinander verantwortlich sind“, sagt Saltzman.

Von Stefan Koch

“Ich halte die Zeitzeugen in gewisser Weise für unsterblich“

Der deutsche Historiker Wolfgang Benz ist einer der renommiertesten Experten auf dem Gebiet der Antisemitismus- und NS-Forschung. Quelle: dpa

Professor Benz, das Holocaust Memorial Museum zählt zu den populärsten Ausstellungshäusern in Washington. Fast täglich drängeln sich dort die Besucher. Sollte in Deutschland auch ein zentrales Holocaust-Museum gebaut werden, in dem der Nachbau einer Ausschwitz-Baracke zu besichtigen ist und ein Waggon, wie sie die Nazis zum Transport der Juden benutzten?

Da kann ich nur kategorisch Nein sagen. In Deutschland brauchen wir keine Nachbauten, wir sind im Besitz der authentischen Stätten. Hier wurde das Böse ausgedacht und exekutiert.

Aber oft ist zu hören, dass sich so manche Besucher eher gelangweilt durch die Gedenkstätten quälen. Es sei zu wenig anschaulich, heißt es. Könnten da nicht ein paar Nachbauten und eindringliche Tonaufnahmen helfen?

Mit dem Ausstellungsgebäude “Topographie des Terrors“ und dem Haus der Wannseekonferenz haben wir gute Museen. Im Übrigen finden dort auch exzellente Ausstellungen statt.

Liegt das manchmal mangelnde Interesse an dem wachsenden zeitlichen Abstand? Die heute 18-Jährigen wurden ja 55 Jahre nach Kriegsende geboren.

Es ist ja grundsätzlich keine leichte Aufgabe, die Aufmerksamkeit junger Leute zu gewinnen. Da bedarf es einer engagierten Vorbereitung. Anstatt auf Methoden zu setzen, die eher an Hollywoodmittel erinnern, wäre eine gute Erzählung angebracht. Dagegen halte ich nichts von einem Überwältigungsversuch. Sicherlich könnte man ein Haus so gestalten, dass die Besucher zum Abschluss erschüttert sind. Damit hat man aber nicht zwangsläufig einen nachhaltigen Eindruck erzielt.

Aber wir stehen doch jetzt vor der Herausforderung, eine Erinnerungskultur zu schaffen, die schon bald ganz ohne Zeitzeugen auskommen muss.

Ich halte die Zeitzeugen in gewisser Weise für unsterblich, da ihre Erinnerungen in Büchern und Audiobotschaften festgehalten sind. Es bedarf nur eines engagierten Lehrers, der diese Dokumente zum Leben erweckt.

Halten Sie es für empfehlenswert, den Besuch in den Gedenkstätten für Schulen verpflichtend zu machen, wie es die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli vorschlägt?

Das ist keine gute Idee. Wir können uns alle gut vorstellen, wie wenig motiviert so eine Pflichtübung ablaufen kann.

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