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Panorama „Das Beben überraschte mich nach dem Lunch“
Nachrichten Panorama „Das Beben überraschte mich nach dem Lunch“
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11:29 20.09.2017
Momentaufnahme der Zerstörung aus dem Viertel Condesa, in dem Lateinamerika-Korrespondent Klaus Ehringfeld vom Erdbeben überrascht wurde. Quelle: AP
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Mexiko-Stadt

Ich brauchte ein bisschen, um zu kapieren, was da gerade passierte. Es war 13.15 Uhr am Dienstag (Ortszeit), als plötzlich der Erdbebenalarm in Mexiko-Stadt losging. Ich kam gerade aus einem Restaurant vom Mittagessen im Stadtteil Condesa, einem Viertel wie Mitte/Prenzlauer Berg in Berlin. Meine mexikanische Begleitung reagierte schneller als ich. „Das ist keine Übung, das ist Ernst“, sagte sie und rannte schon in die Mitte der Straße. Nur gut zwei Stunden vorher hatte die Stadtregierung eine Erdbebenübung angeordnet, schließlich war der Dienstag der 32. Jahrestag des verheerenden Bebens, bei dem am 19. September 1985 mehr als 10.000 Menschen in Mexico City ums Leben kamen. Aber jetzt war es keine Übung, sondern finsterer Ernst.

Ausnahmezustand in Mexiko-Stadt: Dutzende Menschen sind bei einem Erdbeben der Stärke 7,1 in Mexiko ums Leben gekommen – darunter auch zahlreiche Kinder.

Die Menschen strömten zu Hunderten aus den Büros

Die umstehenden Gebäude wankten bedenklich, die Straße hob und senkte sich in Wellen. Ich beobachtete links und rechts die Häuser, ob eines einzustürzen drohte. Währenddessen füllten sich Straße und Bürgersteige mit Menschen. Sie strömten zu Hunderten aus Büros, Geschäften und Wohnungen. Einige weinten, fast allen stand die Panik ins Gesicht geschrieben. Im Moment des Bebens fiel der Strom aus, Telefonieren war auch nicht mehr möglich. Nur WhatsApp-Nachrichten gingen ab und zu raus.

Ich lebe jetzt 16 Jahre in Mexiko-Stadt, habe in all den Jahren das eine oder andere Beben und kleinere Erdstöße erlebt. Aber als am Dienstag die Erde zitterte, wusste ich sofort, dass das was Größeres und Schlimmeres war. Ich lief nach Haus und fand meine Wohnung einigermaßen heil vor. Umgestürzte Bücher- und CD-Regale, kaputte Vasen, schiefe Bilder. Aber die Struktur des Hauses ist unversehrt. Nur anderthalb Straßenzüge weiter blieb mir für einen Moment die Luft weg. An der Ecke der Straßen Medellín und San Luis Potosí war ein mehrstöckiges Haus in sich zusammengefallen. Trümmer und Staub bedeckten Straßen und Menschen. Helfer hatten die Trümmer erklommen, riefen nach Wasser und schwerem Gerät. Die Polizei versuchte, das Chaos zu ordnen. Wie viele Menschen dort ums Leben kam, weiß ich noch nicht.

Mir kamen sofort die Bilder von Haiti 2010 ins Gedächtnis. Damals sah es in ganz Port-au-Prince so aus wie an einigen Ecken von Mexiko-Stadt. Die Erlebnisse damals in Haiti halfen, die vom Dienstag in Mexiko-Stadt einzuordnen.

In Mexiko funktioniert vieles nicht wirklich gut, aber für Katastrophensituationen sind die Menschen hier extrem gut trainiert und vorbereitet. Sofort nach dem Unglück waren Helfer da, Leute brachten Wasser oder schweres Gerät, um in den Trümmern nach Menschen zu suchen. Auch die Polizei und das Militär waren umgehend vor Ort. Den ganzen Nachmittag über traute sich kaum jemand zurück in seine Wohnung. Die Menschen versammelten sich in Parks, auf großen Straßenkreuzungen, sprachen sich gegenseitig Mut zu.

Beim Friseur, der noch Strom hatte, traf man sich zum Geräteladen

Mittlerweile war es 18 Uhr und ich hatte keinen Saft mehr im Laptop. Auch die Telefonbatterie neigte sich dem Ende zu. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wollte ich mir noch ein Bild von der Umgebung machen, als ich auf einen kleinen Friseursalon stieß, der aus unerfindlichen Gründen Strom hatte und im wahrsten Sinne ein Licht im Dunklen der Stadt war. Ich holte mein Laptop, mein Telefon und schloss alles an. Nach und nach füllte sich der kleine Coiffeur-Shop mit Menschen, die ihre Geräte laden, sich die Angst von der Seele reden oder einfach nur nicht alleine sein wollten. „Wo warst du, als es passierte“, war die häufigste Frage, die gestellt wurde. Ab und an konnte ich für ein paar Minuten ins Internet, begann den ersten Artikel zu schreiben, während über uns die Hubschrauber kreisten und die Krankenwagen mit Sirenengeheul durch die Straßen fuhren. Die Rettungskräfte klopften an fast jede Tür und baten um Lampen, damit sie in der Dunkelheit ihre Arbeit fortsetzen konnten.

Gegen 22 Uhr war der erste Text geschrieben und verschickt, ich rief einen Freund in der Nähe an. Er gehört zu den wenigen Bewohnern Mexiko-Stadts, der Strom und Internet zu Hause hat. Er bot mir an vorbeizukommen und bei ihm zu übernachten. Damit hatte ich es besser als Hunderttausende Mexikaner. Sie mussten im Freien schlafen oder in Notunterkünften.

Von Klaus Ehringfeld/RND

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