Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Panorama Warum wir uns öfter langweilen sollten
Nachrichten Panorama Warum wir uns öfter langweilen sollten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:16 22.07.2018
Barbara Streidl sieht die Langeweile als eine Art Hilfsmittel: Sie hilft beim Stillstehen in einer beschleunigten Umgebung. Beim Atemholen. Und beim Lernen, das Nichtstun zu ertragen. Quelle: Fotolia
München

Wie machen Sie das: mit dem Smartphone? Einem Müsliriegel aus der Handtasche? Oder kaufen Sie sich eine Zeitung am Kiosk? Menschen, die an Haltestellen stehen und auf den nächsten Bus, Zug, Nahverkehrsanschluss warten, sind in der Regel vor allem mit einem beschäftigt: das Aufkommen von Langeweile im Keim zu ersticken. Bloß nicht langweilen, denn das wäre ja das Allerletzte.

Langeweile erfährt in unserer Welt hier und heute ziemlich wenig Ansehen. „Darunter leiden doch nur Kinder“, sagen wir, und „dafür habe ich keine Zeit“. Und so wischen, kauen oder blättern wir, um zu beschäftigt zu sein für Langeweile. Die um uns herumschleicht wie der Fuchs um den Hasenstall.

An Haltestellen, in Wartezimmern, auf Elternabenden oder bei Grillpartys mit den neuen Bekannten vom Campingplatz besteht die Möglichkeit, in den gemeinhin unangenehmen Zustand des „mir ist langweilig“ abzudriften. Ein Zustand, den Sie – wie ich – wahrscheinlich erstmals in der Kindheit kennengelernt haben. Ein Zustand, dem Sie – wie ich – im Erwachsenenalter nur ab und zu begegnen. Was Sie – im Gegensatz zu mir – wahrscheinlich gut finden.

Ich nicht.

Von außen verordneter Stillstand

Ich sehne mich nicht selten nach Langeweile. Nach von außen verordnetem Stillstand – denn im Gegensatz zu anderen Stimmungen wie Traurigkeit oder Glück ist es kaum möglich, sich aus eigenem Entschluss heraus zu langweilen. Das wissen auch Forschende, die in wissenschaftlichen Disziplinen wie Psychologie, Neuropsychologie oder Verhaltensbiologie ein Umfeld zu erzeugen versuchen, in dem sich die Testpersonen langweilen sollen.

Ausgiebig gelangweilt, werden diese anschließend hinsichtlich ihrer Hirntätigkeiten, ihrer Fähigkeiten zu kreativem Handeln oder sozialem Verhalten untersucht. Häufig hat das Erzwingen von Langeweile mit dem Abschreiben von Zahlenkolonnen aus Steuererklärungen oder Telefonbüchern zu tun. Eine besonders gewitzte Psychologin ließ stattdessen einen Film drehen, in dem zwei Männer Wäsche aufhängen. Was von ihren Probanden aber nur als bedingt langweilig empfunden wurde.

Die Langeweile kommt von außen, sie legt sich über uns und unsere Umgebung. Und bringt damit Stillstand. Kein Bus, der mich zu einem dringenden Termin bringt. Keine Whatsapp, die mich aus der Mittagspausenträgheit reißt. Und – oje! – kein Beitrag zum Bruttosozialprodukt, kein Schäufelchen Profit auf den globalen Wachstumsberg. Kann das denn gut sein?

Das “immer mehr“ hilft dem menschlichen Wohlbefinden nicht

Sie ahnen schon, was jetzt kommt: Es kann gut sein! Wussten Sie, dass Wachstum nur diejenigen glücklich macht, die nicht so viel haben? Die, die sich endlich eine Spülmaschine leisten können und den Abwasch eines Vier-Personen-Haushalts nicht mehr tagtäglich mit der Hand machen müssen, die freuen sich über ein Mehr.

Aber ab einem bestimmten Niveau – und das ist eher im unteren Bereich der Wachstumsskala – hilft Wirtschaftswachstum, also mehr arbeiten, mehr verdienen, mehr ausgeben, mehr auf die Bank legen, mehr investieren, dem menschlichen Wohlbefinden nicht mehr auf die Sprünge. Das haben unabhängig voneinander mehrere Studien aus der Glücksforschung ergeben.

Insofern freue ich mich über einen Moment der Langeweile, der auch in meinem durchgetakteten Leben kommen kann. Ohne Ansage. Weil ich diesen Artikel schneller geschrieben habe, als der zuständige Redakteur es erwartete, und sich deshalb eine Lücke auftut in meinem Kalender. Weil ein ICE mit Triebwagenschaden liegen geblieben ist, und ich im Zug warten muss, auf unbestimmte Dauer. Ja, um ehrlich zu sein, freue ich mich meistens erst hinterher, wenn ich Revue passieren lasse, was ich eigentlich gemacht habe heute, gestern, vorgestern.

Burn-out-Gefahr für Working Moms und Dads und andere Atemlose

Diejenigen, die sich in der Rushhour ihres Lebens befinden, die zwischen Karriere und Familie hin- und herspringen wie Gummibälle, kennen Langeweile nur aus den Mündern ihrer jammernden Kinder. Diese Menschen warten nicht auf den nächsten Bus, sondern eilen auf silbrig glänzenden Scootern, in fünftürigen Minivans oder unter den Propellern ihrer Eltern-Helikopter zum Ziel.

Diese ständige Bewegung ist nicht immer das Beste – längst ist die Burn-out-Gefahr für Working Moms und Dads erkannt. Ein Ausbrennen, das aber auch Nichteltern und andere Atemlose betreffen kann.

Langeweile als Hilfsmittel zum Atemholen

Wir werden den Kapitalismus, unser System, in dem wir von Digitalisierung und Globalisierung angefeuert jedes Quantum Kraft und Zeit in ökonomisch messbare Werte umwandeln, die wir entweder auf die Karriere, die Haltbarkeit unserer Körper oder den Konsum, na gut, die Familie auch, einzahlen, wir werden das alles nicht durch einen Aufstand der sich Langweilenden bekämpfen oder gar ersetzen.

Ich sehe die Langeweile da eher als eine Art Hilfsmittel: Sie hilft mir beim Stillstehen in einer beschleunigten Umgebung.Beim Atemholen. Nebenbei lerne ich, nichts zu tun und das zu ertragen.

Das Smartphone gilt gerne als Fressfeind der Langeweile. Es ist immer da und bietet immer eine Möglichkeit der Beschäftigung. Es sei denn, der Akku ist leer. Mein Smartphone hat dieses Merkmal, was am höheren Alter des Geräts liegt. Ich glaube, ich will noch kein neues. Sondern lieber ab und zu der Langeweile eine Tür öffnen in mein Leben. Können Sie das auch?

Barbara Streidl Quelle: Stephanie Fuessenich

Barbara Streidl ist Journalistin und Musikerin in München. Ihr Buch „Langeweile“ (100 Seiten, 10 Euro) erscheint Ende des Monats bei Reclam.

Von Barbara Streidl

Es ist wohl der Alptraum aller Eltern: Bei voller Fahrt löste sich an einem Kinder-Karussell eine Gondel – und prallte gegen eine weitere. Vier Kinder wurden verletzt, eines davon schwer.

22.07.2018

Zwei Jugendliche haben einem Dreijährigen in einem Freibad das Leben gerettet. Die beiden 12-Jährigen zogen das bewegungslose Kind aus dem Nichtschwimmerbecken.

22.07.2018

Vor fünf Jahren brachte Herzogin Kate das erste gemeinsame Kind mit Prinz William auf die Welt. Am Sonntag feiert Prinz George, der große Bruder von Charlotte und Louis, seinen Geburtstag.

22.07.2018