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Panorama „Babylon Berlin“: Warum uns die Zwanzigerjahre so vertraut erscheinen
Nachrichten Panorama „Babylon Berlin“: Warum uns die Zwanzigerjahre so vertraut erscheinen
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10:22 04.10.2018
Tanz auf dem Vulkan – oder im Wannsee: Partyfoto aus dem Strandbad aus dem Jahr 1925, nachkoloriert. Quelle: akg-images/dpa
Hannover

Die tanzende Menge wogt. Sie stockt. Sie wiegt sich wieder zur Musik, ekstatisch, schwitzend, wie hypnotisiert. Es ist 1929 in Berlin. “Es ist doch nur ein Traum“, singt die litauische Diva Sverija Janusauskaite auf der Bühne, “das bloße Haschen nach dem Wind ...“ Hier schlägt das Herz der Metropole: im legendären Club “Moka Efti“, zu neuem Leben erweckt für die monumentale TV-Serie “Babylon Berlin“.

Drogen im Schädel, Hoffnung im Herzen, es ist der kurze Frühling vor der langen Kälte des Dritten Reiches. Noch swingen sie im Gleichklang. Bald werden sie marschieren. Die Zwanziger. Tief in uns abgespeichert als Insel des Friedens zwischen zwei Weltkatastrophen. Als kurze, goldene Ahnung dessen, wie die Welt hätte aussehen können ohne Weltwirtschaftskrise, ohne den Psychopathen aus Braunau und ohne das globale Blutbad, das folgte.

Kurz vor Beginn der Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts schwelgt die Welt in Erinnerung an jenes vermeintlich goldene Schwesterjahrzehnt. DJs mit Fedora-Hut spielen Swingmusik auf Twenties-Mottopartys namens Bohème Sauvage. Designer entwerfen Retromode für Vintage-Labels: Dandy-Hosenträger und Collegeweste für den Herrn, Fransenkleid und Zigarettenspitze für die Dame. Tanzschulen lehren den Lindy-Hop, die Urform des Swing.

Das Zeitalter des Individualismus brach an

Die ARD zeigt von Sonntagabend an das monumentale, 40 Millionen Euro teure Serienepos “Babylon Berlin“, eine bildgewaltige Kriminalcollage aus einer Zeit voller zerbröselnder Gewissheiten. Diffuse Ängste überall, rasend schnelle Veränderungen, überforderte Menschen, bis der Ruf nach der Eisenfaust laut wird – es ist ein beklemmender Spiegel der Gegenwart.

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Warum scheinen uns die Zwanzigerjahre emotional so viel vertrauter als andere Jahrzehnte? Die Gründe sind vielschichtig. Da ist die neue, alte “German Angst“, die tiefe Furcht, die Zivilisation stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Da ist die heimliche Lust am Untergang, am Tanz auf dem Vulkan. Und da ist eine historisch-kulturelle Zäsur: Das Zeitalter des Individualismus brach an. Die Idee wird geboren, dass es Alternativen gibt zum starren Lebensmuster, das Kirche und Staat der Kaiserzeit anboten. Dass Menschen tatsächlich unterschiedliche Vorstellungen von einem “richtigen“ Leben haben können.

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Eine ganze Generation, deren Lebenshunger sich im Ersten Weltkrieg aufgestaut hatte, zelebriert Aufbruch, Jugendkult, Selbstverwirklichung und die Lust an der Utopie. Gegen den nationalkonservativen Ungeist der alten Eliten! 30 Jahre, bevor Little Richard zu “Wop-bom-a-loo-mop-a-lomp-bom-bom“ auf sein Klavier einhämmerte, erblickte der Teenager als Phänotyp das Licht der Welt. “Wir waren alle ungeheuer intensiv“, schrieb Klaus Mann über sich im Jahr 1922, damals 16 Jahre alt.

“Es ist doch nur ein Traum“: Tanzszene aus “Babylon Berlin“, im “Moka Efti“ trifft Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries, Zweite von links) ihre Freunde. Quelle: Frédéric Batier/ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky

Aber natürlich ist das Retro-Idyll nur ein Trugbild. Aufbruch? Ja. Aber eben auch entsetzliches Elend, sterbende Kinder in den Slums der Großstädte, eiskalte Kapitalisten, blutige Saalschlachten, Sozialistenhatz, Maulverbote, wilde Streiks, Justizwillkür, Putschversuche – auch das gehört zum Gesamtbild. Die Linke trauerte der fehlgeschlagenen Revolution hinterher, die Rechte schob Juden, Kommunisten und Demokraten die Schuld an der Kriegsniederlage in die Schuhe.

Aggressive Propaganda überall in einer fragilen Demokratie. Das machte Millionen Proletarier, die nur ein Stück Brot und eine verlauste Bettdecke vor dem Abgrund bewahrten, anfällig für Heilsversprechen aller Art. Als “Inflationsheilige“ verspottete Erweckungsaktivisten wie der Wanderprediger Friedrich Muck-Lamberty etwa predigten die “Revolution der Seele“, sangen “Glut ist Geist“ und verzauberten Tausende beim Massentanz.

Parallel aber: Party. Jazz war der Soundtrack der Erneuerung. In den Clubs tanzten junge Mädchen mit Amorbogen-Lippen, Kurzhaarfrisur und Federschmuck rauchend und sich selbst feiernd Charleston, Black Bottom und Turkey Trot. Die sogenannten Flapper seien, schrieb die Journalistin Dorothy Dunbar Bromley damals, “von einem unabweisbaren inneren Drang erfüllt, Individuen eigenen Rechts zu sein“. In der Mode rutschten die Rocksäume Richtung Knie. Die durchschnittlich benötigte Stoffmenge für ein Frauenkleid sank von 18 Metern vor dem Krieg auf nur noch sechs. Und die Tänzerin Josephine Baker streichelte im Bananenrock ihren zahmen Gepard Chiquita.

“Heute ist die gute alte Zeit von morgen“

Es war, als wussten die Menschen damals um die Besonderheit ihrer Ära. “Heute ist die gute alte Zeit von morgen“, schrieb der Satiriker Karl Valentin. Nur wenige Jahre zuvor noch hatten berittene Soldaten Püschel auf dem Helm und Säbel an der Seite getragen. Jetzt trägt die Exzentrikerin Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, geboren als Else Hildegard Plötz in Swinemünde an der Ostsee, zwei Tomatendosen als Büstenhalter, Löffel als Ohrringe, Briefmarken auf der Stirn und einen Vogelkäfig auf dem Kopf. Seit 1918 dürfen Frauen in Deutschland wählen. 1919 eilen 73 Prozent aller Frauen zu den Urnen – und nur 43 Prozent der Männer.

Aber die Beharrungskräfte des Patriarchats sind groß. Frauen in Hosen seien “ein widerwärtiger Anblick“, zürnt eine Jugendzeitschrift. Mädchen mit Bubikopf könnten niemals “Ruhe und Lebensgrund für Mann und Familie sein“. Viele selbstbewusste Frauen kümmerte das wenig. Warum auf einen Ernährer warten, wenn ohnehin zehn Millionen junge Frauen nur 8,3 Millionen Männer bis 45 Jahre gegenüberstanden? “Ich will frank und frei sein“, schreibt eine 16-Jährige 1925 in ihr Tagebuch: “Ich möchte nicht gehalten werden wie ein Verbrecher, welcher für sein Lebtag angeschmiedet ist und bleibt.“

“In der Biologie gibt es den Begriff der ,Sturmblüte‘ – wenn nach einem eisigen Frühjahr alle Pflanzen gleichzeitig Blüten entwickeln“, sagt Achim von Borries, neben Tom Tykwer und Henk Handloegten einer der drei Regisseure von “Babylon Berlin“. “Im Berlin der Zwanzigerjahre muss etwas Derartiges passiert sein, ein Modernisierungsschub, der die verkrustete Gesellschaft des Kaiserreichs auf unzähligen Feldern zeitgleich aufbrechen ließ.“

Düstere Vision einer Zukunftsstadt, in der Mensch und Maschine um die Macht ringen:Filmplakat zu “Metropolis“ von Fritz Lang. Quelle: OZBILD

Überall (Auf-)Brüche: Marcel Duchamp erklärt eine Schneeschaufel zu Kunst. Georges Braque und Pablo Picasso zerlegen die Welt in unnahbare, kubistische Konstrukte, Arnold Schönberg und Alban Berg zerstören die Anmut der klassischen Tonleiter, James Joyce zerhackt die ruhig fließende Prosa in “Ulysses“ (1922) in einen erratischen, zähen, assoziativen, wild springenden, provozierenden Buchstabensalat. Kubismus, Surrealismus, atonale Musik, Futurismus – die sogenannte Moderne ist eine kulturelle Explosion, die keinen Stein auf dem anderen lässt.

Sigmund Freud taucht in die menschliche Seele ein, sortiert sie 1923 in “Ich“, “Es“ und “Über-Ich“ – und erklärt die Neurosen und Hysterien seiner Patienten mit ihren unterdrückten, moralisch “unzulässigen“ Mustern, Träumen und Instinkten in einer kulanzfreien Gesellschaft.

Die alte Welt ruhte auf zwei Säulen: Monarchie und Kirche. Aber plötzlich lehrte Einstein, dass weder Gott noch die Lichtgeschwindigkeit das Maß aller Dinge sind (“Gott würfelt nicht“). Dass es auf die Perspektive ankommt, nicht nur in Physik und Politik. Es ist das Ende der alten Ordnung. Die Erde wird zur Spiegelkugel, in deren Oberfläche sich Gewissheiten aufspalten zu einem glitzernden Kaleidoskop endloser Möglichkeiten. Es beginnt auch: der Kampf um die Wahrheit.

Vertrautes Gefühl der Überforderung

Das ist der Kern der Zwanzigerjahre: Aus dem sicheren Korsett der Kaiserzeit bricht die Gesellschaft in rasendem Tempo in ein Zeitalter auf, in dem sich die Perspektiven radikal verschieben. Fritz Lang entwarf mit “Metropolis“(1927) die düstere Vision einer Zukunftsstadt, in der Mensch und Maschine um die Macht ringen. Eskapismus boomt – Geistersitzungen, Weltraumfantasien, okkulte Rituale als Partyspaß.

Individualisierung aber bedeutet gleichzeitig Aufbruch und Vereinzelung. Wer nur noch bei sich selbst ist, wird einsam. Erneuerung kann befreiend wirken, macht aber Angst. Die Welt wird überkomplex. Die Folge ist eine Sehnsucht nach Ordnung, nach einer Entkomplexisierung. Nach einem Welterklärer. Darin spiegelt sich perfekt die Gegenwart.

Damals predigte die Schriftstellerin Ayn Rand einen radikalen Egoismus auch in der Ökonomie. Heute folgen globale Konzerne diesen Prinzipien. Und technische Revolutionen, die Gemeinschaft verheißen, erreichen genau das Gegenteil: Sie spalten. Es ist ein Paradoxon: Die Zwanziger erscheinen uns auch deshalb so vertraut, weil sie sich genauso fremd und überfordernd angefühlt haben dürften wie die Gegenwart.

Am Donnerstag (4. Oktober) geht es weiter: Dann sind im Ersten ab 20.15 Uhr die Folgen 4 bis 6 zu sehen, die restlichen dann ab Donnerstag, 11. Oktober, im Doppelpack ab 20.15 Uhr.

Von Imre Grimm

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