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Medien „Wir müssen uns unverzichtbar machen“
Nachrichten Medien „Wir müssen uns unverzichtbar machen“
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17:31 26.04.2018
„Etwas Ungewöhnliches schaffen, über das die Menschen reden“: Reed Hastings, Gründer und CEO der Online-Videothek Netflix. Quelle: dpa
Rom

Mit seinem Streamingdienst Netflix hat Reed Hasting die Welt des Entertainment revolutioniert. Und jetzt? Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht der 57-Jährige über die erstarkende Konkurrenz, die Suche nach spannenden Stoffen – und die Frage, wie man Menschen süchtig macht.

Mr. Hasting, Netflix hat ein rasantes Wachstum hinter sich. Sie haben jetzt 125 Millionen Abonnenten in 190 Ländern. Wo ist die Grenze?

Das weiß man nie! Das merkt man erst, wenn das Wachstum endet. Unsere Methode, zu wachsen, ist ganz einfach: Wir zeigen Inhalte, die Zuschauer in aller Welt sehen wollen. Das ist unser Weg. Also müssen wir etwas Ungewöhnliches schaffen, über das die Menschen reden.

Viele der neuen Netflix-Serien sind sehr düster. Es geht um Verbrechen und Abgründe, um Science Fiction und übernatürliche Phänomene.

Spannende Formate eignen sich eben gut für On-Demand-Dienste wie uns, denn der Zuschauer will einfach wissen, wie es weitergeht – noch eine Folge, noch eine Folge… Serien wie „Stranger Things“, „Haus des Geldes“, „End of he f*** World“- das sind die Formate, die bei Streamingdiensten gut funktionieren. Aber wir zeigen ja auch Standup-Comedy, Dokus und Filme.

„Wettbewerb? Das wird spannend“

Der Wettbewerb wird schärfer. Ende des Jahres startet Disney seinen eigenen Streamingdienst. Was erwarten Sie?

Das wird spannend. Wir haben von Anfang an auf eigene Inhalte gesetzt. Und nun stecken Google mit Youtube, Apple, Facebook und Amazon alle viel Geld in eigene Filme und Serien – gleichzeitig investieren die großen Inhalteproduzenten wie Disney und Fox sehr viel in eigene Plattformtechnologie. Das heißt für uns: Die Wettbewerber bedrängen uns von zwei Seiten. Wir wissen nicht, wozu das führt. Was wir aber wissen: In den USA sind wir jetzt in 50 Prozent aller Haushalte vertreten. Trotzdem hat unser Pay-TV-Konkurrent HBO keine Kunden verloren, sondern sogar leicht zugelegt. Viele zahlen also für mehrere Angebote. Es ist nicht wie beim Smartphone, wo man sich entscheiden muss zwischen Apple und Android. Am Ende ist sicher kein Platz für 20 Streaminganbieter. Aber es werden mehrere sein. Wir müssen uns unverzichtbar machen.

Facebook hat gerade massiv Ärger mit Intransparenz, einem mysteriösen Algorithmus und undurchsichtigen Geschäftspraktiken. Auch der Netflix-Algorithmus ist geheim. Fürchten Sie nicht, dass Menschen künftig stärker Firmen bevorzugen könnten, die offen und ehrlich erklären, wie sie arbeiten?

Wir wollen auch keine Bevormundung. Wir bieten ja beides an: unser Empfehlungssystem und die freie Auswahl von Inhalten. Sie können beliebig viele Netflix-Profile anlegen – kostenlos und ohne jede Nutzernformation. Es ist wie ein Browser im Inkognito-Modus. Tatsächlich wünschen manche Zuschauer keine Empfehlungen. Sie verlassen sich darauf, was am beliebtesten ist. Das funktioniert, so lange sich ihr Geschmack mit dem Mehrheitsgeschmack deckt. Wenn sie aber einen ungewöhnlichen Geschmack haben, sind Empfehlungen schon sinnvoll. Grundsätzlich ist uns aber wichtig, dass die Menschen verstehen, wie Netflix funktioniert.

„Wir verkaufen keine Daten“

Auch Sie verfügen über eine riesige Menge an persönlichen Daten. Wie schützen Sie die?

Wir verkaufen keine Daten. Wir sind nicht im Werbegeschäft. Wir haben nie Anzeigen verkauft. Wir tauschen auch mit niemandem Daten aus. Alle Daten, die wir von Ihnen haben, ist: was sie gesehen haben und wie Sie ihr Abo bezahlen. Das ist alles. Das sind sehr persönliche Informationen, mit denen wir sehr sensibel umgehen. Wir haben diese ganzen Kenntnisse nicht, die kostenlose Dienste wie Youtube, Facebook oder Google gesammelt haben. Dafür kostet Netflix eben Geld.

Der Monatspreis liegt derzeit zwischen 7,99 Euro und 13,99 Euro – je nach Sendequalität und Zahl der Geräte. Bis wann bleibt das so?

Preis und Inhalt gehören zusammen. Wenn wir immer bessere Inhalte liefern, akzeptieren Kunden auch einen höheren Preis. Aber dafür musst du wirklich etwas schaffen, was diese Mehrkosten rechtfertigt. Wir müssen uns das verdienen.

Warum verraten Sie nicht, wie viele Kunden Sie außerhalb der USA in einzelnen Ländern haben?

Unsere Antwort darauf ist: Das liegt am Wettbewerb. Aber das ist wahrscheinlich keine sehr gute Antwort. Die meisten unserer Konkurrenten dürften die Zahlen inzwischen kennen (lacht). In Wahrheit tun wir es nicht, weil wir es nicht müssen.

„Die Nachfrage nach guten Stoffen steigt“

Die Kinowelt betrachtet Sie mit Argwohn. Steven Spielberg hat gesagt, eine Netflix-Produktion sei eher ein Fernsehfilm und solle daher keinen Oscar bekommen.

Aber er hat sich geirrt! Wir haben in diesem Jahr einen Oscar gewonnen – für die Doping-Dokumentation „Ikarus“. Auch Spielberg ist nur eine Einzelstimme. Natürlich: Netflix ist neu, viele fragen sich, wie sich der Markt verändern wird. Aber für die Kreativen ist diese Entwicklung nur gut. Der Wettbewerb zwischen uns und Apple und Amazon treibt die Preise nach oben, die Nachfrage nach guten Stoffen steigt.

Manche europäische Regierungen denken über eine feste, verbindliche Quote für inländische Produktionen nach. Was halten Sie davon?

Wir investieren freiwillig in regionale Produktionen. Wir geben allein in diesem Jahr eine Milliarde Dollar für Produktionen in Europa aus und hoffen, dass die Zufriedenheit der Regierungen dadurch steigt. In mancherlei Hinsicht hat die EU ja ein großes Interesse an europaweiten Kulturräumen statt nationalen. Aber zwischen den Anhängern dieser eher elitären Idee „Alles für Europa“ und den Interessen der einzelnen Staaten gibt es, wie Sie wissen, Spannungen. Wir werden sehen, wie das weitergeht. Am Ende ist es ja nicht unsere Entscheidung.

„Wir sind im Kundenbefriedigungsgeschäft tätig“

Wird Netflix irgendwann nur noch Netflix-Inhalte zeigen?

Nein. Es wird immer andere Shows und Filme geben, an denen wir Interesse haben. Wir sind im Kundenbefriedigungsgeschäft tätig. Wir wollen das anbieten, was die Leute sehen wollen – ob das nun lizensierte oder selbst hergestellte Shows sind. Ein weltweit einheitliches Angebot für alle ist mit Lizenzware allerdings kaum möglich: „Designated Survivor“ zum Beispiel läuft nur in Europa bei Netflix, weil es vom US-Sender NBC kommt. Umgekehrt läuft „Babylon Berlin“ in den USA bei uns, in Europa aber bei Sky und der ARD.

Aber Spotify und Apple Music haben doch auch ein einheitliches globales Angebot geschaffen?

Die Musikindustrie hat’s da leichter: Die drei großen Labels Universal, Sony Music und Warner kontrollieren im Prinzip den Weltmarkt. Der Film- und Fernsehmarkt ist sehr viel zersplitterter. Es gibt Tausende von Rechteinhabern.

House of Cards“ lief in Deutschland zuerst bei Sky, weil Netflix erst 2014 auf den deutschen Markt kam. Wird die sechste Staffel von „House of Cards“ wieder zunächst bei Sky laufen? Bei der fünften Staffel wirkte es doch sehr seltsam, dass Sie Ihre eigene Show nicht zeigen durften …

Wir haben es zurückgekauft. Die sechste Staffel wird von Anfang an bei Netflix zu sehen sein – voraussichtlich im Herbst dieses Jahres.

„Wir beurteilen Menschen nicht danach, wie lange sie im Büro sitzen“

Kevin Spacey ist nach den Missbrauchsvorwürfen nicht mehr als US-Präsident Frank Underwood dabei. Wie haben Sie das im Drehbuch gelöst?

Wenn Sie sich an das Ende der fünften Staffel erinnern, da wird seine Ehefrau Claire Underwood ja…

Bitte nicht spoilern!

… okay. Alles klar! Aber ich kann Ihnen sagen: Es wird eine tolle letzte Staffel. Die Dreharbeiten laufen jetzt gerade. Es gibt einen sanften und nachvollziehbaren Übergang.

Stichwort „nachvollziehbar“: Netflix folgt einer ungewöhnlichen Konzernphilosophie. Sie selbst haben als Chef kein eigenes Büro, sind mal hier, mal dort. Und ihre Mitarbeiter können Urlaub machen, so lange Sie möchten. Klingt reizvoll – aber ist das nicht eine falsche Freiheit? So weiß doch niemand, woran er ist.

Das ist tatsächlich ein Thema. Manche Mitarbeiter bevorzugen Klarheit, um zu wissen, was okay ist und was nicht. In vielen kreativen Berufen aber hat man seine besten Ideen unter der Dusche. Die Grenze zwischen Job und Privatleben wird durchlässiger. Uns interessiert deshalb nicht, wie viel jemand arbeitet, so lange er gute Dinge tut. Es gibt keinen Zeitstempel. Uns ist egal, ob jemand von neun bis fünf oder von fünf bis neun arbeitet.

Und wenn jemand zehn Tage lang keine tolle Idee hatte wird er nervös?

Kann passieren (lacht)! Aber das wäre eine zu hohe Erwartung. Einmal im Jahr wäre schon toll. Wir versuchen einfach, Menschen nach der Qualität ihrer Arbeit zu bewerten – nicht nach der Zeit, die sie im Büro sitzen. Kreative müssen nicht unbedingt in einem Büro arbeiten. Das ist das alte industrielle Modell, bei dem man morgens und abends die Zeit stempelt und dann einen Job auf Lebenszeit hat, so lange man nicht betrunken ist. Der Preis für unser Modell ist eine gewisse Unsicherheit. Aber wir sagen neuen Mitarbeitern zu Beginn: Wenn dir das gefällt, herzlich willkommen. Falls nicht, sind wir nicht der richtige Arbeitgeber für dich.

„Größe bringt immer Kritik mit sich“

Was war denn die letzte nicht von Netflix produzierte Serie, die Sie mochten?

Das war „Silicon Valley“ von HBO. Da geht’s um meinesgleichen. Das musste ich sehen. Sehr gut gemacht. Außerdem mag ich gerade „Billions“ von Showtime, da geht’s um Düsternis und Korruption an der Wall Street. Über das Thema weiß ich nicht viel, aber es macht Spaß, zuzugucken.

Im Moment gilt Netflix noch als cooler Marktaufmischer. Kann es passieren, dass Sie dieses Image verlieren, wenn Sie zu groß werden? Dass Sie zum Facebook des Streaming werden könnten?

Größe bringt immer Kritik mit sich. Je mehr Sie wachsen, desto höher sind die Standards, an denen Sie gemessen werden. Was noch als putzig galt, als Sie klein waren, gilt nicht mehr als putzig, wenn Sie groß sind. Wir müssen wie jede Firma lernen, mit dieser wachsenden Verantwortung umzugehen.

Netflix-Gründer Reed Hastings

Reed Hastings, geboren 1960 in Boston, war Marineinfanterist in der US-Armee, Freiwilliger im Friedenskorps, Mathelehrer in Swasiland, trampte mit 10  Dollar in der Tasche durch Afrika und studierte Künstliche Intelligenz an der Universität Stanford. 1991 gründete er Pure Software, eine Firma für Software-optimierung. Die verkaufte er 1995 für 750 Millionen Dollar und gründete 1997 Netflix.

Die Idee, DVDs per Flatrate zu vermieten, blitzte auf – so will es die Firmenlegende – als er in einer Blockbuster-Filiale für eine zu spät abgegebene „Apollo  13“-DVD stolze 40 Dollar Strafe bezahlen sollte. Niemand kam damals an Blockbuster vorbei in der Filmwelt. Das Videothekenimperium hatte 2004, auf dem Höhepunkt, mehr als 60 000 Angestellte in 9000 Läden. Das ist längst vorbei: Am 12. Januar 2014 um 17 Uhr schlossen die letzten 300 Geschäfte. Der letzte Film, der auf Hawaii über die Theke ging, hieß „This is the End“. Ironie der Geschichte: Vor 18 Jahren hatte Blockbuster mal die Chance, Netflix zu übernehmen. Für schlappe 50 Millionen Dollar. Man lehnte ab. Aus dem DVD-Versender wurde 2007 ein Streamingdienst. Aus dem Streamingdienst eine Weltmacht. Aktueller Börsenwert: 144 Milliarden Euro. Netflix läuft in jedem Land der Erde – außer in China, Nordkorea, Syrien und auf der Krim.

Von Imre Grimm

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