Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Medien „Um die Liebe ist mir nicht bang“
Nachrichten Medien „Um die Liebe ist mir nicht bang“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:33 07.10.2017
Philosoph Wilhelm Schmid Quelle: dpa
Hannover

Die Liebe und das Internet, das ist für die meisten Deutschen eine schwierige Beziehung. Die Online-Börsen boomen, Millionen auch älterer Suchender nutzen sie – und doch meinen 59 Prozent, die scheinbar ständige Verfügbarkeit neuer Partner im Netz befördere eine „Wegwerfmentalität“: Ständig ist man auf dem Absprung, weil der oder die Neue, noch Bessere ja nur einen Klick entfernt ist.

Die Zahl stammt aus der neuen Studie „Wir Deutschen & die Liebe“ (als Buch erschienen bei Edel Books), für die das Meinungsforschungsinstitut YouGov mehr als 12 000 Männer und Frauen befragt hat. Wenn es so etwas wie ein Hauptergebnis dieser gewaltigen Datenmenge gibt, dann wohl dieses: „Die Deutschen kommen ziemlich tolerant rüber“, erklärt der Autor, „Zeit“-Journalist Christoph Drösser. Ob beim Adoptionsrecht für Homosexuelle (59 Prozent sind dafür), bei der Prostitution oder auch bei den Einstellungen zur Pornografie: In vielen Punkten geben sich die Deutschen äußerst liberal. Die Daten zeigen auch, wie das Internet das Verlieben und die Liebe verändert – zugleich jedoch scheinen die Deutschen noch leicht skeptisch auf die neuen Formen des Kennenlernens zu schauen. Anlass genug also, um mit einem Philosophen zu besprechen, wie viel Fluch und wie viel Segen das Netz für die Liebe birgt.

Herr Schmid, Sie haben sich selbst einmal einen Erzromantiker genannt. Jetzt gibt es Apps wie zum Beispiel Tinder, die mir live mit Foto potenzielle Sexualpartner in meiner unmittelbaren Nähe vorschlagen. Ist Tinder der Tod der Romantik?

Nein, das muss nicht der Tod der Romantik sein. Das kann sogar ihr Neustart sein. Die Menschen sehen, welche unendlich vielen Möglichkeiten es in der Begegnung mit anderen gibt – und Romantiker waren immer diejenigen, die die Möglichkeiten erschließen wollten. Deswegen der große Stellenwert der Träume, der Sehnsucht, der Transzendenz für die Romantik.

Sind Dating-Apps tatsächlich der neue Hort verzehrenden Sehnens?

Tinder lässt Menschen träumen. Deswegen sitzen sie wie gebannt vor dem Display ...

… auf dem sie unendlich viele Möglichkeiten sehen …

…aus denen sie dann wiederum mit einem Wisch aussortieren können. Ich habe den Eindruck, dass sie das mit einem gewissen Genuss machen, ihrerseits aber ungern weggewischt werden wollen. Menschen sind immer sehr schroff, wenn es um den Umgang mit anderen geht, aber empfindlich, wenn es um den Umgang mit ihnen selbst geht.

Insgesamt ist dieses Vorgehen ziemlich unromantisch brutal.

Ich erinnere mich an die Tanzkurse, die ich als ganz junger Mann gemacht habe. Da kam es vor, dass man nicht aufgefordert worden ist – auch darin lag eine gewisse Brutalität. Dieses Gewähltwerden oder Nichtaufgefordertwerden spielt sich heute eben auf Tinder ab. Das Medium hat sich geändert, aber dass es Brutalitäten im Bereich der Beziehungen gibt, das ist gleich geblieben.

Suchen die Menschen im Netz tatsächlich den Partner fürs Leben?

Da muss man stark unterscheiden. Tinder und ähnliche Apps sind für die Nacht, vielleicht auch für den Spaziergang am Tag. Paarplattformen, die seriöseren jedenfalls, sind fürs Leben. Ich habe schon den Eindruck, dass die Menschen beides gezielt unterschiedlich nutzen. Beides bietet für Liebesbeziehungen enorme Vorteile.

Und zwar?

Wenn wir zunächst Tinder anschauen: Das ist erst mal entspannend. Es ist ja heute sehr schwierig, zueinander zu kommen. Aber jemanden treffen, sei es zum Sex oder zum Spaziergang, ist hier in kürzester Zeit möglich. Insofern scheint mir das eine gute Möglichkeit zu sein. Ich nutze das selbst nicht. Ich habe keinen Bedarf dafür, aber ich sehe das vollkommen ein.

Solche Dating-Plattformen gelten aber auch als Beförderer von Untreue.

Es gibt nichts im Leben und in der Liebe, was nur Vorteile hat. Tinder kann ruinös für feste Beziehungen sein. Und tendenziell kann Tinder auch zur Sucht werden.

Was lässt Sie in Bezug auf die anderen, seriösen Partnerbörsen so euphorisch sein?

Schwierigste Fragen, die manchmal in Jahren nicht geklärt werden können, zum Beispiel die berühmte Frage „Willst du Kinder?“, können hier von vornherein abgecheckt sein – und dann kann man sich auf die Beziehung konzentrieren. Es ist auch von vornherein klar, welche Übereinstimmungen es gibt. Paare müssen nicht zu 100 Prozent übereinstimmen, aber es ist ganz sicher für die Tragfähigkeit gut, einige gleiche Interessen zu haben. Ich frage mich allerdings: Was besprechen die dann noch, wenn von vornherein alles besprochen ist? Aber vielleicht fehlt mir da nur die Fantasie.

Jedenfalls klingt das schon alles sehr pragmatisch.

Ich halte es für einen Gewinn, wenn mehr Pragmatik dazukommt. Die Beziehungen, die am längsten halten, sind die, die sich nicht ausschließlich auf Romantik stützen, sondern ein gerüttelt Maß an Pragmatik dazunehmen. Im Alltag geht es in hohem Maße um Pragmatik. Wer macht den Haushalt? Wer kümmert sich um die Finanzen? Wenn die Pragmatik ausreichend berücksichtig ist, wächst die Chance, dass die Romantik besser zum Zug kommt. Die Romantik leidet, wenn der x-te Streit darüber ausbricht, wer die Spülmaschine ausräumen muss. Das ist keine Grundlage, abends miteinander ins Bett zu gehen.

Das heißt: Die neuen digitalen Möglichkeiten kommen Ihrem Ideal einer eher pragmatischen Liebe entgegen?

Einer romantisch-pragmatischen Beziehung, ja. Ein Problem bleibt natürlich weiterhin die romantische Vorstellung, es müsse den idealen Partner für mich geben. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das nicht der Fall, aus dem einfachen Grund: Alle idealen Züge des Menschen werden konterkariert durch weniger ideale Züge. Das ist nicht nur bei anderen Menschen so, das ist auch beim Selbst so. Nur dass Menschen das bei sich selbst in Kauf nehmen, bei anderen aber nicht. Wenn es gelingen würde, davon etwas runterzukommen, wäre das sicher hilfreich für Beziehungen.

Aber das Netz mit seinen unendlichen Möglichkeiten nährt doch gerade den Glauben, dass irgendwo der perfekte Partner wartet.

Ja, die Gefahr ist da, dass Menschen ständig träumen: Dieser Mensch ist nicht ideal, im Internet werde ich aber den idealen Partner finden. Aber ich würde auch hier sagen: Das sollen der und die Einzelne ausprobieren, um dann, nach ein paar Jahren, zu merken: Es gibt doch nicht das Ideal, so oft ich auch ins Internet gehe – und dann aus eigener Einsicht darauf zu kommen, sich auf die eigene Beziehung mit all ihren Schwierigkeiten einzulassen, statt immer neu zu „hoppen“.

Leben wir insgesamt in neo-romantischen Zeiten?

Die Romantik ist jedenfalls nicht auf dem Rückzug. Ich sehe sie sogar auf dem Vormarsch.

Woran machen Sie das fest?

Ich spreche mit jungen Menschen, habe selbst vier Kinder. Die Romantik ist nicht zu töten. Wäre ja auch verwunderlich, in einer Zeit, die insgesamt etwas kälter und nüchterner zu sein scheint als noch vor Jahrzehnten. Dann wächst natürlich das Bedürfnis nach Wärme. Und nur Romantik verspricht Wärme, nicht Pragmatik. Aber an einem bestimmten Punkt werden Menschen nicht vorbeikommen, ob mit oder ohne digitale Medien: Das ist der Punkt, sich zu entscheiden – ich will mit diesem Menschen zusammen sein und tue auch einiges dafür.

Jugendliche starten heute unter sehr speziellen Bedingungen in ihr Liebes- und Beziehungsleben. Viele haben schon vor ihrer ersten Partnerschaft unzählige Pornos auf ihren Handys gesehen. Was macht das mit ihnen?

Ich kann keinen gewaltigen Unterschied sehen gegenüber den Zeiten, in denen ich groß geworden bin, und in denen das versteckte Pornoheft eine Quelle der Inspiration ersten Ranges war. Interessanterweise ist das Ziel noch immer die lebenslange Beziehung, ganz wie früher. Das erreichen sie, mehr oder weniger, aber das war vor Jahrzehnten auch schon so.

Was raten Sie Eltern?

Ich habe mich bei meinen Kindern in diesem Punkt nie eingemischt. Nicht ein einziges Mal. Es sind dennoch anständige Menschen geworden. Das Geheimnis der Erziehung ist Beziehung, nicht Überwachung. Wenn eine gute Beziehung da ist zu den Kindern, und wenn die Kinder eine gute Beziehung vor Augen haben – der Eltern, auch falls sie getrennt sein sollten – dann wirkt das viel stärker als Misstrauen oder Verbote, die in der heutigen Zeit gegenstandslos sind. Ich kenne die Untersuchungen zum Konsum von Pornografie im Internet, und ich habe diesen Untersuchungen Entwarnung entnommen.

Ihnen ist um die Liebe nicht bang?

Mir ist nicht im Geringsten bang. Die Liebe bleibt die Liebe, mit ein paar Modifikationen vielleicht. Der Grund dafür, dass Menschen lieben wollen, bleibt derselbe: Sie suchen nach Sinn – und die Liebe ist das Phänomen, das Sinn im Überfluss bieten kann, ähnlich wie Religion. Von der Religion jedoch haben sich viele Menschen abgewandt – und gerade deshalb suchen sie den Sinn umso stärker in der Liebe.

Von Thorsten Fuchs/RND

Robert Plant macht mit den Sensational Spaceshifters eine ganz eigene Art von Rock. Das Album „Carry Fire“ speist sich aus vielen Stilen und ist ein schönes, verwegenes Alterswerk. Am Freitag, den 13. Oktober, kommt wes auf den Markt.

06.10.2017

Sie kam gerade von einem Termin mit Außenminister Sigmar Gabriel: Als die Journalistin und Autorin Sylke Tempel in einem Waldstück in Berlin anhielt, um einen Ast beiseite zu räumen, der die Straße blockierte, traf sie ein umstürzender Baum tödlich.

06.10.2017

Wer tötete Luna Pink? Im neuen Münchner „Tatort“ (Sonntag, 8. Oktober, 20.15 Uhr, ARD) ermitteln Batic und Leitmayr im Pornomilieu. Schwieriges Gelände. Wenn alle nicht mehr weiter wissen, wird in der Folge „Hardcore“ erst mal in typisch bairischer Gemütlichkeit ein Tee getrunken.

06.10.2017