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Medien Sollen ARD und ZDF Sport und Unterhaltung den Privaten überlassen?
Nachrichten Medien Sollen ARD und ZDF Sport und Unterhaltung den Privaten überlassen?
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16:38 11.10.2018
„Entertainment ist nur die Verpackung, die Inhalte können auch relevant sein“: Die ARD-Unterhaltungsstars (obere Reihe v. l. n. r.) Elton, Guido Cantz, Bernd Hoecker, Christian Ehring, Dieter Nuhr und Alexander Bommes. Untere Reihe v. l. n. r.): Barbara Schöneberger, Mareile Höppner, Jörg Pilawa, Florian Silbereisen, Kai Pflaume, Maren Kroymann, Carolin Kebekus und Eckart von Hirschhausen. Quelle: imago
Hamburg

Sie sind stolz bei der ARD auf dieses Bild, keine Frage. Da drängen sich 14 Granden der ARD-Unterhaltung auf ein Sofa. Schöneberger, Pilawa, Cantz, Nuhr, Hirschhausen, Silbereisen, Kebekus. Hinter jedem stehen Millionen Zuschauer. Man muss nicht alle mögen, man muss nicht jedermanns Tun feiern, aber niemand wird widersprechen: Wenn hier im Altonaer Kaispeicher in Hamburg jetzt eine Bombe einschlüge, würde es grauer im Land.

Offiziell geht es der ARD beim etwas gravitätisch benannten „Unterhaltungsgipfel“ um kontrollierte Offensive: Man will einmal gebündelt dokumentieren, was das Erste in Sachen Entertainment im Portfolio hat. „Gute Unterhaltung braucht Selbstbewusstsein“, findet ARD-Programmdirektor Volker Herres.

Es geht um die Zukunft des Fernsehens

Inoffiziell aber geht es um Angst. Es geht um die eigene Legitimation, um Milliarden von Euro und die Zukunft des deutschen Fernsehens.

Denn nicht nur die private Konkurrenz schielt argwöhnisch auf die expandierende Spaßfraktion von ARD und ZDF. Sie wittert ihre Chance, der beitragsfinanzierten Konkurrenz, der ohnehin der Wind entgegen weht, einen Stab in die Speichen zu stecken. Unterhaltung? Das könnten RTL & Co. doch besser! Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei in den letzten 20 Jahren „immer mehr in Gebiete vorgedrungen, in denen die Privaten zu Hause sind“, zürnte jüngst RTL-Anke Schäferkordt. Er solle sich gefälligst „auf seinen Kern“ konzentrieren. Für Schäferkordt sind das: Kultur, Information und Bildung.

Auch in der Politik werden Fragen nach den Grenzen des Programmauftrags laut. Elisabeth Motschmann etwa, kultur- und medienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, findet, „dass ARD und ZDF zu viel Gewicht auf die Unterhaltung legen“. Und die AfD will ARD und ZDF ohnehin an die Kette legen oder in ihrer jetzigen Form ganz abschaffen und als zentral gesteuerte Neugründungen zum politischen Instrument umfunktionieren. Da werden böse Erinnerungen wach.

Die einen machen gaga, die anderen Goethe?

Im Zentrum der Debatte steht nicht die Frage, ob Florian Silbereisen tatsächlich nationales Kulturgut ist oder die Welt ohne Zuckerwatteschmonzetten wie „Rosamunde Pilcher“ eine bessere wäre. Die Frage lautet: Was passiert, wenn ARD und ZDF das Feld der Unterhaltung den Privaten und den Sport den Pay-Anbietern überlassen? Die Monopolkommission, ein Beratergremium der Bundesregierung, fordert von den beitragsfinanzierten Sendern „vor allem Inhalte von gesellschaftlicher und kultureller Relevanz, die von privaten Anbietern nicht in einem ausreichendem Maße angeboten werden“. Die ARD kontert kühl, es sei bekannt, dass das Gremium „traditionell einen marktliberalen Ansatz verfolgt“.

Wofür geben ARD und ZDF ihr Geld aus?

Diese Frage ist wegen eines komplizierten Umlagesystems in der ARD-Familie komplex. Grundsätzlich gilt: Acht Milliarden Euro kassieren öffentlich-rechtliche Anstalten pro Jahr. Rund ein Viertel davon geht für Personalkosten und Pensionen drauf. Hinzu kommen 444 Millionen Euro für die betriebliche Altersvorsorge. Der Monatsbeitrag von 17,50 Euro schlüsselt sich wie folgt auf: 12,81 Euro gehen an die ARD, 4,32 Euro ans ZDF, 48 Cent erhält das Deutschlandradio, 33 Cent die jeweilige Landesmedienanstalt
. Die ARD berechnet ihren Anteil wie folgt:

Etwa neun Euro gehen an das jeweils Dritte Programm (NDR: 8,34 Euro, MDR: 9,01 Euro), 3,85 Euro gehen ans ARD-Gemeinschaftsprogramm.

2,13 Euro kostet der Bereich Politik inklusive Nachrichten wie „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ im Monat.

1,15 Euro kosten die Filme und -Serien im Monat (davon 15 Cent „Tatort und „Polizeiruf“)

87 Cent pro Monat werden für Sport und Sportrechte inklusive Fußball-Bundesliga veranschlagt.

72 Cent kostet die Unterhaltung (Shows, Quiz, ESC).

45 Cent gehen an den Bereich Kultur und Wissenschaft.

27 Cent kostet der Einzug des Rundfunkbeitrags pro Monat.

10 Cent kosten die Talkshows wie „Anne Will“ im Ersten.

Also Schluss mit lustig? Die einen machen gaga, die anderen Goethe? So einfach ist das nicht. Erstens hat das Bundesverfassungsgericht immer wieder präzisiert, dass ARD und ZDF nicht nur dafür da sind, die Lücken zu schließen, die die Privaten lassen, weil dort kein Geld zu holen ist. Grundversorgung heißt nicht Mindestversorgung. Und auch die Unterhaltung gehört dazu – das hat Karlsruhe schon 1986 entschieden und 2014 in seinem ZDF-Urteil noch einmal bestätigt.

Zweitens ist völlig unklar, was „kulturelle Relevanz“ – sogenannter „Public Value“ – überhaupt sein soll. Man rümpft in diesem Land aus einer Position der kulturellen Erhabenheit schnell die Nase über vermeintliches „Opium fürs Volk“. Es ist eine kulturgeschichtliche deutsche Besonderheit, zwischen „U“ und „E“ zu trennen. In den besseren Bürgerhäusern des Landes ist Witz traditionell wertlos oder allenfalls als „höhere Heiterkeit“ zulässig. In der Tat liefert ein „Adventsfest der 1000 Lichter“ gute Argumente, am Abendland zu verzweifeln. Allein Jörg Pilawa hat inzwischen mehr als 4000 Quizsendungen moderiert. Und die Krimiflut hat den Punkt der Planerfüllung längst überschritten. Halbgare Nachahmung ist nicht die richtige Taktik im Umgang mit der Privatkonkurrenz.

„Das Supertalent“ könnte nie in der ARD laufen

Aber die Wahrheit ist auch: Das Menschenbild einer öffentlich-rechtlichen Unterhaltungssendung unterscheidet sich fundamental von dem der privaten Konkurrenz. Eine zynische Pupskünstler-Parade wie „Das Supertalent“ (RTL) ist meilenweit entfernt von einer Familienshow wie „Frag doch mal die Maus“ (ARD). Ein Flatulenzkomiker wie Chris Tall hat nichts zu tun mit dem klugen Witz von Dieter Nuhr. Das kann man jedoch – als Medienpolitiker oder Gremienmitglied – nur vergleichen, wenn man sich tatsächlich mal in die Niederungen der Privatfernsehunterhaltung hinab begibt, statt sich in bildungsbürgerlich abgesicherter Spaßgriesgrämigkeit zu suhlen.

Es ist in der Tat höchste Zeit, den Auftrag von ARD und ZDF zu aktualisieren und zu präzisieren. Es braucht dringend einen strukturellen Wandel, damit die Öffentlich-Rechtlichen mit dem vielen Geld, das sie bekommen, auch in Zukunft auskommen – und vor allem digital nicht hemmungslos expandieren. Das ist Aufgabe der Politik. Die integrative Kraft handwerklich sauberer TV-Unterhaltung aber ist kaum zu überschätzen. Denn während Fiktionales im linearen Fernsehen an Relevanz verliert, weil die Streamingkonkurrenz explosiv erstarkt, werden gemeinschaftsstiftende (Live-)Unterhaltungsevents wieder wichtiger. Auch TV-Kultur ist Kitt für eine Gesellschaft. „Entertainment ist nur die Verpackung, die Inhalte können auch relevant sein“, erinnert Eckart von Hirschhausen.

Es wäre fatal, im Zorn über die Dickfelligkeit der Anstalten und ihre absurden Geldforderungen nun das Kind mit dem Bade auszuschütten. ARD und ZDF nur noch als Studienratsfernsehen für eine interessierte Kulturelite? Die Folge hieße: Dieter Bohlen für alle. Immer und überall.

Von Imre Grimm

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