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Netzwelt SXSW – die Selbstkritik der digitalen Avantgarde
Nachrichten Medien Netzwelt SXSW – die Selbstkritik der digitalen Avantgarde
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18:32 12.03.2018
Die Angst, etwas zu verpassen: SXSW-Festivalbesucher im Convention Center von Austin/Texas Quelle: AP
Austin

Auf der 6th Street ist kein Durchkommen. Sobald die Sonne hinter den Hochhäusern verschwindet, blüht die Partymeile der texanischen Hauptstadt auf. Livemusik, eines der Markenzeichen der Universitätsstadt, ist gleich aus mehreren Bars zu hören und vermischt sich in dem dichten Gewusel mit den Sirenen eines Krankenwagens, dem kaum jemand Beachtung schenkt. Dieser Sonntagabend ist einer der ersten Höhepunkte auf der „South by Southwest“, kurz SXSW, genannt: 70.000 Menschen werden zu dem einwöchigen Festival erwartet, aber es scheint, als ob sie sich alle an diesem Abend auf dieser einen Straße versammeln wollen.

Das Festival wird gern als Seismograph der Digitalbranche beschrieben. Doch so einfach ist es nicht, die Stimmung in dem scheinbar unbeschwerten Treiben zu erkennen. Die Lage ist mehr als unübersichtlich: Etwa 5000 Vorträge und Veranstaltungen erwarten die Gäste, hochkarätige Redner treten zum Teil zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten auf. Viele spornt daher nicht allein die Neugierde an, sondern eher die Fomo: die „Fear of missing out“, die Angst, etwas zu verpassen.

Es gehört zum Mythos der SXSW, dass sich gerade durch den wilden Themenmix, die gedrängte Zeit und die vibrierende Atomsphäre etwas Neues ergeben könnte. Sozusagen ein Happening mit Gewinnerwartung. Ohnehin ist die Mammutkonferenz mit ihren Ursprüngen im Musikfestival und der überaus präsenten Filmindustrie weit davon entfernt, die Computerfreaks unter sich zu lassen.

Unliebsame Fragen in Richtung Silicon Valley

Das Unvorhergesehene, auf das die Gäste hier im Herzen von Texas so sehnsüchtig warten, könnte in diesem Jahr in der Selbstreflexion liegen. Ausgerechnet gegen das Silicon Valley mit seinen dominierenden Firmen Google, Apple und Facebook richten sich unliebsame Fragen. Zu den Wortführern unter den Kritikern zählen die Softwareentwickler von „Choice Architects“, die unter anderem der Frage nachgehen, ob die Nutzer der sozialen Medien unbewusst zu bestimmten Aktionen bewegt werden. Geht es bei Facebook, Snapchat oder Twitter nur um neue Kommunikationswege? Oder zielt das Design in erster Linie darauf ab, die Nutzer möglichst lange und möglichst oft auf dem Portal zu halten? Gerade Facebook, das seit der Präsidentschaftswahl als dringend sanierungsbedürftig gilt, muss sich Fragen nach „dark patterns“ (dunklen Mustern) gefallen lassen. „Wir erziehen die Nutzer zu einem irrationalen Verhalten, um den eigenen Gewinn kurzfristig zu erhöhen. Aber auf lange Sicht verlieren wir alle“, sagt Lauren Bugeja. Es würden sich unzählige Fragen stellen: Verändert die Quantifizierung, beispielsweise von Scores und Likes, unser Denken? Geht die Qualität bereits in die Quantität über?

„Die Welt, die wir schaffen, lässt sich für uns und gegen uns nutzen“

Die Google-Mitarbeiterin, die auf sogenanntes Interaction Design spezialisiert ist, will ihre Arbeit nicht länger in einem quasi luftleeren Raum betrachten: „Die Welt, die wir schaffen, lässt sich für uns und gegen uns nutzen.“ In einer Diskussionsrunde mit Gleichgesinnten bringt es Bugeja auf den Punkt: „Es geht um unsere gesellschaftliche und politische Verantwortung.“

Die New Yorkerin beschreibt die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Staatsoberhaupt als eines der einschneidendsten und bedrückendsten Erlebnisse ihres Lebens. Auf den ersten Schock habe sie mit ganz konkreten Aktionen reagiert: Um möglichst vielen Amerikanern den Weg zur Protestaktion „Women’s March“ in Washington zu ebnen, schuf sie gemeinsam mit einem Bekannten die „MarchMatch“, eine Website, um Menschen, die Mitfahrgelegenheiten und Unterkünfte in der US-Hauptstadt suchten, mit denen in Verbindung zu bringen, die entsprechende Hilfe anbieten konnten.

Es gebe eben unzählige ehrenwerte Ansätze im Kleinen, sagt Bugeja. Im Großen seien dagegen ganz andere Entwicklungen zu beobachten: „Die Daten über das Onlineverhalten werden intensiv genutzt. Sie dienen leider nicht nur dazu, die Produkte zu verbessern, sondern die Nutzer zu manipulieren.“ Anstatt sich an einem „ethical design“ zu orientieren, hätten die Entwickler von Apps und Websites zumeist kommerzielle Ziele im Blick.

Punktesystem zur Kontrolle: So wird in China das Internet zum Intranet

In der Debatte um die dunkle Seite des menschlichen Designs richten sich die bohrenden Fragen zuallererst in Richtung Silicon Valley. Zumindest am Rande kommen Vordenker wie Bugeja, Elayne Safir und Diana Gonzalez aber auch auf staatliche Akteure zu sprechen, die das Netz aus einer ganz anderen Richtung bedrohen: Wie sich das Internet zum Intranet degradieren lasse, zeige sich am Beispiel Chinas. Ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Land der Welt müssen die Menschen mit ansehen, wie sich das Tor zur Welt immer mehr schließt. Die Regierung kontrolliert Meinungsäußerungen überaus streng, und nun entsteht sogar noch ein Punktesystem zur allgegenwärtigen Überwachung und Bewertung. Die staatlichen Lenker aus Peking würden sich perfider Methoden bedienen, indem sie die Aktivitäten in den sozialen Netze filtern und auswerten. Angesichts der harten Konsequenzen lässt sich da von einer virtuellen Welt kaum noch sprechen.

Dass es weder im Silicon Valley noch bei den Nerds in Austin einen Aufschrei gegen diese neue Unfreiheit gibt, hat für die New Yorker Aktivistin Bugeja einen einfachen Hintergrund: „Alle hoffen auf einen neuen großen Markt. Da will man es sich mit den Mächtigen nicht verscherzen.“

Von Stefan Koch/RND

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