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Netzwelt Die vielen Fehler von Facebook
Nachrichten Medien Netzwelt Die vielen Fehler von Facebook
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17:14 18.04.2018
Vertrauen verspielt: Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Quelle: AP
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Berlin

Jetzt auch noch das. Mark Zuckerberg wird in diesen Tagen für vieles verantwortlich gemacht. Die Wahl Donald Trumps, den Brexit, russische Propaganda, ­Fake-News im politischen Meinungskampf, millionenfachen Datenmissbrauch – das von ihm vor 14 Jahren gegründete Freundschaftsnetzwerk galt mal als sinnstiftender Globalisierungsbeschleuniger, mal als revolutionäres Befreiungsinstrument unterdrückter Völker. Heute ist Facebook in den Augen vieler Menschen rund um den Erdball zu einem sehr mächtigen und mitunter zerstörerischen und gefährlichen Instrument der Manipulation geworden. Seit Donnerstag muss der Facebook-Gründer auch noch damit leben, dass er das Liebesleben von Tausenden jungen Menschen durcheinandergebracht hat.

„Fix it“ – reparier das!

In der Nacht auf Donnerstag konnten sich viele US-Nutzer plötzlich nicht mehr mit ihrem Facebook-Account bei der beliebten Flirt-App Tinder anmelden. Grund für die einsame Nacht sind die neuen, strengeren Datenschutzregeln. „Tinder ist kaputt. Das bedeutet, ich bekomme keine Aufmerksamkeit und niemand sagt mir, wie schön ich bin“, twitterte eine Nutzerin in den USA. Um dann in Richtung Zuckerberg zu fordern: „Fix it“ – reparier das!

Tatsächlich hat der 33-jährige Multimilliardär mit dem Reparieren gerade reichlich zu tun – und die kurze Anmeldepause der Flirt-App wird dabei nicht seine größte Baustelle sein.

Facebook ist in der schwersten Krise seit seiner Gründung 2004. Der Börsenkurs ist massiv eingebrochen, in Online-Netzwerken macht der Slogan #deletefacebook (Facebook löschen) die Runde. Zudem wollen Parlamente und Behörden weltweit wissen, wie das US-Unternehmen mit seinem riesigen Fundus an persönlichen Daten umgeht, die es über die Jahre von seinen Nutzern gesammelt und ausgewertet hat. Und die offenbar sehr leicht abgesaugt werden konnten.

Ohne Vertrauen keine Daten

Facebook steckt in einer tiefen Vertrauenskrise. Und Vertrauen ist bei einer Firma, die Geld damit verdient, dass Menschen über ihre Server kommunizieren, ein sehr hohes Gut. Man könnte auch sagen: Ohne das Vertrauen, ohne die Nutzer, die jeden Tag aufs Neue das Netzwerk mit Inhalten befüllen und damit den lukrativen Kreislauf aus Daten, Analyse und personalisierter Werbung in Gang halten, würde das Multimilliarden-Unternehmen Facebook schlicht aufhören zu existieren.

Zuckerberg, für gewöhnlich gegen Kritik an seinem Geschäftsmodell nicht sehr empfänglich, gibt sich in diesen Tagen zerknirscht. „Ich denke, das Leben besteht auch darin, aus Fehlern zu lernen. Jetzt müssen wir herausfinden, wie wir weitermachen können“, erklärte der Facebook-Chef nun in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. „Wenn man so etwas wie Facebook aufbaut, das weltweit beispiellos ist, dann gibt es Dinge, die man zwangsläufig auch mal in den Sand setzt.“

Facebook-Chef begrüßt neue EU-Datenschutz-Grundverordnung

Er gab zu, es sei „ein riesiger Fehler“ und auch sein persönlicher Fehler gewesen, dass Facebook den Umfang seiner Verantwortung nicht frühzeitig erkannt und nicht genug getan habe, um Missbrauch auf seiner Plattform zu verhindern. Facebook werde wohl mehrere Jahre brauchen, um die gegenwärtigen Probleme in den Griff zu bekommen. Bis Ende des Jahres allerdings werde sich schon vieles verbessert haben. Sogar die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung, die im Mai in Kraft tritt und Nutzereinwilligungen für Datennutzung vorschreibt sowie massive Strafen für Datenschutzverstöße vorsieht, begrüßte der Facebook-Chef. „Die Regulierungen sind etwas sehr Positives“, sagte er. Man werde derartige Einstellungen in ähnlicher Form auch außerhalb Europas einführen.

Grund für die ungewöhnliche Demut ist der Facebook-Datenskandal um Cambridge Analytica, der auch nach vier Wochen noch neue Kreise zieht: Am Mittwoch teilte das Online-Netzwerk mit, dass die Daten von bis zu 87 Millionen Menschen auf unrechtmäßige Weise an die Firma Cambridge Analytica gelangt sein könnten; die Datenauswerter könnten damit sogar einen Anteil am Wahlsieg von US-Präsident Donald Trump gehabt haben. Bislang war Facebook von rund 50 Millionen Betroffenen ausgegangen. Die weitaus meisten davon stammen aus den USA. In Deutschland sind nach neuesten Facebook-Angaben möglicherweise bis zu 310.000 Facebook-Anwender betroffen – die allermeisten davon, weil sie 2014 mit einem von 65 Deutschen oder einem der 270.000 Menschen aus den USA und anderen Ländern bei Facebook befreundet waren, die bei einer Umfrage der App mit dem Namen „thisisyourdigitallife“ mitgemacht hatten.

Zuckerberg hat angekündigt, die Datenschutzeinstellungen zu verändern – und Drittprogrammen nicht mehr so einfach Zugriff auf Facebook-Profile und persönliche Daten von Facebook-Nutzern zu gewähren, etwa religiöse und politische Haltungen, Beziehungsstatus oder Fitnessaktivitäten. Deshalb funktionierte nun auch die Anmeldung per Facebook zum Online-Flirt nicht mehr richtig.

Schlupflöcher bereits 2014 dicht gemacht?

Facebook wolle die Personen, deren Daten weitergegeben wurden, am 9. April informieren, sagte Zuckerberg. Außerdem betonte er, dass die Software-Schnittstellen, die einer Umfrage-App einen so breiten Zugriff auf Nutzerdaten überhaupt möglich machten, bereits 2014 dicht gemacht worden seien.

Das Unternehmen kündigte außerdem eine ganze Reihe von Schritten an, um die Daten von Nutzern besser gegen den Zugriff von Dritten zu schützen. So soll der Zugang zu Terminen und Informationen über Anrufe auf Smartphones für Drittanbieter verboten sein. Es soll auch nicht mehr möglich sein, andere Nutzer auf Facebook durch die Eingabe von Telefonnummern und E-Mail-Adressen im Suchfeld zu finden. Mit dieser Suche könnten Basisdaten wie Profilfoto, Wohnort oder Arbeitgeber von nahezu allen zwei Milliarden Nutzern abgefragt worden sein, erklärte Zuckerberg. Zwei Milliarden, das wäre fast ein Drittel der Weltbevölkerung.

Zuckerberg ist bisher kaum als Datenschützer in Erscheinung getreten. Im Gegenteil: Der Kampf gegen das Private ist eigentlich so etwas wie sein Lebensthema. Seine Vision, die er früher noch offensiver vertreten hat, zielte schon früh auf die digitale Veröffentlichung des Lebens. „Wir glauben, dass die Leute mit der Zeit mehr Informationen von sich preisgeben wollen“, hatte er einst gesagt.

Schon an der Universität hatte Zuckerberg, damals gerade mal 18 Jahre alt, 2003 eine Website namens „Facemash“ programmiert, auf der Studenten die Person mit dem besten Aussehen wählen konnten. Die Seite musste nach wenigen Tagen wieder vom Netz genommen werden, weil die Server ständig überlastet waren. Und, weil sich viele der bewerteten Studenten beschwert hatten, dass ihre Fotos ohne ihre Erlaubnis veröffentlicht worden waren. Zuckerberg entschuldigte sich damals mit großer Geste öffentlich. Und gründete ein halbes Jahr später Facebook.

Facebook droht das Vertrauen der Nutzer zu verspielen

Vielleicht liegt es auch an solchen Geschichten, dass Zuckerbergs plötzliche Läuterung auf Misstrauen stößt. „Unabhängige Experten wie die Datenschutzbehörden müssen die Möglichkeit erhalten, im Unternehmen zu prüfen, ob und in welcher Weise die Verbesserungen auch tatsächlich durchgesetzt werden“, erklärte am Donnerstag Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD). „Dazu zähle auch, dass Facebook gegenüber den Behörden in der EU die Funktionsweise seiner Algorithmen offenlegen muss. „Der Staat muss seiner Schutz- und Ordnungsfunktion auch im Netz nachkommen können.“ Facebook habe das Vertrauen der Nutzer verspielt.

Die EU-Kommission verschickte am Donnerstag einen Brief an das US-Unternehmen mit der Aufforderung, sich innerhalb von zwei Wochen zu dem Datenskandal zu erklären – immerhin seien EU-Bürger betroffen. Zuckerberg soll am 11. April zu dem Thema im US-Kongress aussagen. Vor den Parlamenten in Großbritannien und der EU will er nicht erscheinen, sondern einen „seiner besten Leute schicken“ – Technikchef Mike Schropfer oder Produktchef Chris Cox.

Der Social-Media-Riese selbst ist ein Problem

In dem Datenskandal geht es vordergründig um die Frage, welche Rolle die Daten von Cambridge Analytica im US-Wahlkampf des damaligen Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump gespielt haben. Es geht um die Grundfeste der Demokratie: Konnte der Wahlkämpfer Trump individuelle Wähler mit illegal erbeuteten Informationen und maßgeschneiderten Botschaften so manipulieren, dass das Wahlergebnis zu seinen Gunsten verändert wurde? Noch ist diese Frage nicht endgültig geklärt, auch wenn vieles dafür spricht, dass dafür die Fähigkeiten von Cambridge Analytica nicht ausreichten.

Das Datenleck ist allerdings nur die eine Sache, gewissermaßen der sichtbare Teil eines sehr viel größeren Problems: Die Debatte um die Manipulationskraft von Daten in Kommunikation mit Werbung und Kommunikationsnetzwerken bewegt sich längst auf Facebook selbst zu. Immer mehr Menschen scheinen durch die Diskussionen gewahr zu werden, was sie eigentlich schon lange hätten wissen könnten: Facebook selbst ist ein Datenschutzpro­blem. Ein Unternehmen, dass sehr viel mehr über sie weiß, als viele ihrer Freunde, Familienmitglieder oder Polizeibehörden je zusammentragen könnten. Über ihre Freundschaften, Interessen, geheimen Leidenschaften, Konsumgewohnheiten, ihren Tagesrhythmus, ihre politischen Einstellungen und kulturellen Prägungen. Jeder Klick wird gespeichert und in die große Algorithmenmaschine geschmissen. Mit immer neuen Filtern lässt sich jenes Drittel der Welt mit Facebook-Konto beliebig sortieren, verknüpfen und gezielt ansprechen.

Daran will auch Zuckerberg bisher nichts ändern. Seine angekündigten Reparaturen an der Facebook-Architektur beziehen sich bisher lediglich auf die Weitergabe der Daten an Dritte. Facebook selbst will weitersammeln. Es lebt davon.

Zuckerbergs Demut in dem Telefoninterview reichte denn auch nicht allzu weit. Er halte sich weiter für die richtige Person, um Facebook zu führen. Im Übrigen, deutete er an, habe sich die Aufregung der vergangenen Wochen im laufenden Geschäft bisher kaum bemerkbar gemacht. Die Kritik im Datenskandal, die Aufrufe, Facebook nicht mehr zu nutzen, all das habe die Nutzung des Online-Netzwerks bisher kaum gebremst. „Ich glaube nicht, dass es einen bedeutenden Effekt gab.“ Tinder zumindest funktionierte am Donnerstag schon wieder.

Von Dirk Schmaler/RND

Rund um die Uhr können sich Verbraucher über Anwaltsportale juristisch beraten lassen. Das ist meist günstiger als ein Termin in der Kanzlei. Verbraucherschützer empfehlen die Beratung aus dem Netz aber nur für bestimmte Fälle.

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