Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Medien Israel gewinnt den ESC – Deutschland auf Platz vier
Nachrichten Medien Israel gewinnt den ESC – Deutschland auf Platz vier
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:01 13.05.2018
Netta aus Israel hat den Eurovision Song Contest 2018 gewonnen. Quelle: AP
Anzeige
Lissabon

Ein Kontinent in Partystimmung: Die Favoritin Israelin Netta Barzilai hat mit ihrer gefeierten Hühnertanzperformance „Toy“ die Krone des europäischen Pop gewonnen.

Zur Galerie
Das Finale des Eurovision Song Contests 2018 ist in Lissabon über die Bühne gegangen. Die Bilder der 63. Ausgabe des Musikspektakels sehen Sie hier.

Mit ihrem unvergleichlich skurrilen Mix aus koreanischem Pop, HipHop, Loop-Spielereien und Skat-Gesang siegte sie mit 529 Punkten beim Eurovision Song Contest in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Und die deutsche Durststrecke ist beendet: Michael Schulte aus Buxtehude erreichte mit seiner Hymne auf seinen verstorbenen Vater einen sensationellen vierten Platz (340 Punkte).

„Danke dafür, dass ihr Unterschiede zwischen den Menschen akzeptiert, dass ihr Anderssein toleriert“, rief Netta nach ihrem Sieg. Auf Platz zwei landete die Zypriotin Eleni Foureira mit ihrem an Shakira erinnernden Partysong „Fuego“ - zu Deutsch: „Feuer“ (436 Punkte).

Platz vier also für Michael Schulte: Es ist die beste deutsche Platzierung seit dem Sieg von Lena Meyer-Landrut vor acht Jahren in Oslo. Eine Top-Ten-Platzierung gab es zuletzt 2011 mit Lenas zweitem Auftritt (Platz zehn) sowie 2012 mit Roman Lob und 2004 mit Max Mutzke (jeweils Platz acht). Das verbreitete Vorurteil, Deutschland bekomme einfach durch die Tatsache, dass es Europas ungeliebter Musterschüler sei, automatisch wenig Punkte, ist damit eindeutig widerlegt.

Alles zum Eurovision Song Contest

Alle Informationen rund um den Eurovision Song Contest 2018 am 12. Mai in Lissabon finden Sie hier.

Michael Schulte: Das ist Deutschlands Mann in Lissabon

„Ree, ouch, hey, hm, la!“ – Der ESC-Check

Michael Schulte: Mein Vater ist immer bei mir

ESC-Beiträge: Das waren die Tops und Flops

So lief das zweite Halbfinale des ESC

So lief das erste ESC-Halbfinale

Was macht eigentlich Salvador Sobral?

Australien schickt Aborigine nach Lissabon

„Kann sein, dass nicht alle verstehen, was ich da tue“, sagte Barzilai nach ihrem Sieg. „Aber mir ist es wichtig, zu verbreiten, dass Vielfalt und Anderssein etwas Wertvolles ist.“ Der ESC hat traditionell ein Herz für Menschen, die optisch, menschlich oder künstlerisch durchs Raster fallen – von Conchita Wurst über Dana International und Marija Šerifović bis zu Ruslana und Salvador Sobral.

Zwölf Punkte für Michael Schulte aus vier Ländern

Und Schulte? Für den Normalo aus Buxtehude gab es sogar Höchstwertungen: zwölf Punkte kamen von den Jurys aus den Niederlanden, der Schweiz, Dänemark und Norwegen. Michael Schulte legte einen emotionalen, berührenden Auftritt hin, elegant inszeniert mit Vater-Kind-Bildern und Schlüsselwörtern auf einer aufblasbaren Leinwand. Schultes Song war der einzige melancholische Betrag an den Spitzenplätzen. Ein spektakuläres Ergebnis, das zeigte: Doch, sie können es auch ohne Stefan Raab.

Vom deutschen ESC-Fluch war zuletzt viel die Rede. Aber so ehrlich muss man sein: Das war kein Fluch. Das war selbstgebautes Elend mit mittelmäßigen Songs, halbherzigen Ideen und unsinnigen Inszenierungen. Die Ballade des 28-jährigen Michael Schulte dagegen erreichte genügend europäische Herzen, um die vierte Schmach in Folge zu verhindern.

Auf Platz drei landete überraschend der Österreicher César Sampson mit seiner Partynummer „Nobody But You“. Bei den Jurypunkten hatte er lange vorne gelegen. Die Wertung beim ESC setzt sich je zur Hälfte zusammen aus Publikums- und Expertenstimmen.

Es war ein Abend der Gegensätze. Europa musste sich entscheiden: Party oder Pathos? Melancholie oder Mackertum? Am Ende war dem Kontinent nach Feiern zumute. Und der ESC 2018 war an der Spitze auch das Duell zweier Frauenbilder: Auf der einen Seite die Israelin Netta Bazilai, die mit voluminösem feministischen Selbstbewusstsein symbolhaft für die #MeToo-Bewegung dem Machotum ordentlich einen einschenkte. „Ich bin nicht dein Spielzeug, Dummkopf!“, sang sie.

Sie sieht sich als Aushängeschild jener neuen Weiblichkeit, die auf die Bewunderung der Kerle nicht angewiesen ist und mit ihrem Hühnergackern die Vorurteile der Kerle über schnatternde Weiblein karikierte, quasi als Parodie der Parodie.

Ganz anders die Zypriotin Eleni Foureira: Als klassische ESC-Diva feierte sie herkömmliche Sexyness mit viel Haut und laszivem Hüftschwung. „Was ist falsch daran, sexy zu sein?“, fragte sie jüngst in einem Interview. Da prallten zwei weibliche Welten aufeinander, die derzeit in einer globalen Debatte um die Deutungshoheit beim Zeitgeist kämpfen.

Alexander Rybak kann seinen Erfolg nicht wiederholen

Und die weiteren Favoriten? Alexander Rybak, norwegischer ESC-Sieger von 2009, gelang es am Ende nicht, seinen Triumph zu wiederholen. Mit seinem funkigen Songwriterworkshop „That’s How You Write A Song“ landete er nur auf Platz 15.

Der hoch gehandelte Ire Ryan O’Shaugnessy ließ zu seiner Gitarrenballade ein schwules Pärchen herumzinnobern – kam aber nur auf Platz 16. Der chinesische Fernsehsender Mango TV hatte die Szene im ersten Halbfinale ausgeblendet. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) untersagte den Chinesen daraufhin die Übertragung des zweiten Halbfinals und des ESC-Finales. Ein gutes, klares Signal gegen Zensur der ansonsten politisch so zögerlichen und sich oft wegduckenden EBU.

Versagt haben die Organisatoren freilich beim Auftritt der coolen Britin SuRie, als ein Zuschauer die Bühne stürmte und ihr das Mikrofon entriss. Das Angebot, noch einmal zu singen, lehnte die britische Delegation ab – SuRie sei mit der Performance hochzufrieden. Am Ende wurde sie aber nur Drittletzte. Die rote Laterne trug diesmal der Gastgeber selbst: Portugal.

Die Estin Elina Nechayeva schraubte sich stimmlich mit ihrer Crossover-Ballade „La Forza“ in die Höhe, hatte aber ein bisschen Pech mit Startplatz sechs und landete auf Platz acht. Immerhin stand sie im Zentrum des spektakulärsten Trickkleids seit Helene Fischers Wasserfallmodell.

Das französische Paar Madame Monsieur lieferte mit „Mercy“ einen der Ohrwürmer des Abends – die Geschichte eines fiktiven Flüchtlingsmädchens, das auf einem Boot im Mittelmeer geboren wird. Es war kein hochpolitischer ESC wie zuletzt in Kiew oder Aserbaidschan, aber dass auch Lieder mit Haltung wie die französische Menschlichkeitshymne oder das italienische Anti-Terror-Lied ihren Platz haben, ist erfreulich. Frankreich kam auf Platz 13, Italien sogar auf Platz fünf.

Salvador Sobral berührt mit bewegendem Auftritt

Das spanische Liebespärchen Alfred & Amaia bebusselte sich planmäßig, erreichte aber keinen Spitzenplatz, ebensowenig die fast ungeschminkte litauische Balladeuse Ieva Zasimaukaité. Aus Serbien gab’s therapeutisch-transzendenten Ethno-Folk zu Flöte und Trommel, aus Tschechien einen cool rappenden Hosenträgernerd samt Salto aus dem Stand. Und das trotz einer Rückenverletzung in der Probe.

Emotional dann der Auftritt des portugiesischen Vorjahressiegers Salvador Sobral. An der Seite des brasilianischen Weltmusik-Superstars Caetano Veloso legte der gerade von einer Herztransplantation genesene 28-Jährige eine zauberhafte Version seines Siegertitels „Amar pelos Dois“ hin.

Lange war offen geblieben, ob sein Körper ihm den Auftritt beim Heim-ESC erlauben würde. Zudem hadert er mit der Rolle des portugiesischen Nationalhelden. Er lehnt es ab, zum Cristiano Ronaldo der Musik zu werden, er wolle nur Künstler sein, nicht Star. Das freilich ist schwer, wenn man 180 Millionen Europäern unvergessliche drei Minuten geschenkt hat.

Ein bisschen Quatsch gehört zum europäischen Kindergeburtstag dazu

Die musikalische Bandbreite des ESC-Jahrgangs war erfreulich groß: Viele der debileren Europop-Unglückslieder mit ihren Stampfbeats aus der Hölle hatten bereits das Halbfinale nicht überstanden. Und so war das Spektrum breiter als sonst. Vielleicht doch eine Spätfolge des Sieges von Salvador Sobral mit seiner leisen Jazzballade „Amar Pelos Dois“ („Liebe für uns beide“). Direkt nach seinem Sieg in Kiew hatte er dem Plastikpop den Kampf angesagt, hatte für Musik geworben, „die etwas bedeutet“. Nicht jede Nation beim ESC 2018 hat diese Botschaft angenommen. Aber ein bisschen Bauerntheater und Quatsch gehört zum europäischen Kindergeburtstag dazu.

Warum genau entstieg der ukrainische Jungvampir Mélovin einem Klaviersarg? Wieso schneite es bei der Wikingershow des dänischen Nordmannes Rasmussen? Und war das seltsame Klappmobil des rumänischen Trios DoReDoS wirklich von IKEA?

Auch Russland war nach dem öden Ballädchen der Sängerin Julia Samoilowa auf ihrem Pappmaché-Vulkan erstmals nicht unter den Finalisten. Das sorgte für ganz neue Effekte bei der Punktevergabe: Höchstwertungen aus früheren Ostblockländern, die ansonsten sicher beim großen Bruderstaat gelandet wären, verteilten sich ganz neu.

Es hat schon glutvollere ESC-Finalshows gegeben

Und die Inszenierung? Es hat schon glutvollere ESC-Finalshows gegeben. Die vier (!) portugiesischen Moderatorinnen bestätigten die Theorie, dass Masse nicht zwingend Klasse mit sich bringt. Das erste weibliche Moderationsquartett der ESC-Geschichte arbeitete sich bemüht an seinen Kärtchen ab, zu oft gab’s die Stille nach dem Gag. Zu brav, zu artig war das alles – und über das Bemühen der ESC-Macher, die Endlosshow mit allzu vielen Showeinlagen in die Länge zu ziehen, kann man nur staunen. Die kultige Punktevergabe, eines der historischen Hochämter des europäischen Entertainment, streicht man auf eine Kurzversion zusammen – aber für allerhand Folklore hat man dann ordentlich Sendezeit übrig?

Der deutsche Bühnendesigner Florian Wieder verzichtete diesmal auf eine überdimensionale XXL-LED-Wand im Bühnenhintergrund – das zwang die Choreographen zu Kreativität. Das Ergebnis: lebende Adventskalender mit Klapptüren, seltsame Leuchtgestänge, Eiszacken, Schneestürme und ordentlich Feuerwerk. Bei dem, was da in Lissabon an Pyro abgefackelt wurde, bekäme der Deutsche Fußball-Bund Schnappatmung.

Netta also. Man darf gespannt sein, wie oft es in den kommenden Monaten in europäischen Hauptstädten spontanes Hühnergegacker zu hören gibt.

Von RND/Imre Grimm

Es ist entschieden: Netta aus Israel hat den Eurovision Song Contest in Lissabon gewonnen. Deutschlands ESC-Hoffnung Michael Schulte landete auf Platz vier.

13.05.2018

Macht Michael Schulte das Rennen um Europas Musik-Thron? Hier können Sie den Eurovision Song Contest 2018 im Livestream verfolgen.

12.05.2018

Am Sonnabend geht der 63. Eurovision Song Contest in Lissabon über die Bühne. Wie die Chancen für die deutsche ESC-Hoffnung Michael Schulte und die anderen Kandidaten stehen, lesen Sie hier.

12.05.2018
Anzeige