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Medien Hajo Seppelt soll nicht zum zweiten „Fall Yücel“ werden
Nachrichten Medien Hajo Seppelt soll nicht zum zweiten „Fall Yücel“ werden
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17:15 14.06.2018
Zu riskant: ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt fährt nicht zur WM nach Russland. Quelle: Shutterstock
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Moskau

Am 14. Februar 2017 betrat der 43-jährige deutsche Journalist Deniz Yücel aus freien Stücken das Polizeipräsidium in Istanbul. Türkische Sicherheitsbehörden hatten ihn aufgefordert, sich Fragen der Ermittler zum Vorwurf zu stellen, er habe sich der „Propaganda für eine Terrororganisation“ und der „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit“ schuldig gemacht. Er hatte aus Emails von Berat Albayrak zitiert – dem Energieminister und Schwiegersohn des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Yücel lief in eine Falle. Er saß 367 Tage in Untersuchungshaft.

Ein deutscher Journalist, der sich einer Befragung stellt. Ein autokratisch regiertes Land. Staatliche Willkürjustiz. Undurchsichtige Vorwürfe. Geheime Emails mächtiger Männer. Aufgebrachte Potentaten. Aufgestachelte Völker. Es ist der Fall Yücel, der der ARD bei einer folgenschweren Entscheidung als warnende Blaupause vor Augen stand: Das Erste Deutsche Fernsehen hat entschieden, dass Doping-Experte Hajo Seppelt nicht zur Fußball-WM nach Russland fahren wird. Grundlage der Entscheidung waren Gefährdungsanalysen von Bundessicherheitsbehörden, darunter das Bundeskriminalamt, der Nachrichtendienste und das Landeskriminalamt Berlin. Das Risiko erscheint zu groß.

Seppelt drohen bei der WM „kaum kalkulierbare Risiken“

In die Entscheidung war auch Außenminister Heiko Maas eingebunden – ein klares Indiz für die Tragweite des Falles. An einem Gespräch mit Maas hatten neben Seppelt selbst die Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Patricia Schlesinger, und ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky teilgenommen. Ergebnis der Runde: Es besteht ein unkalkulierbares Risiko, falls Seppelt nach Russland reist. Schriftlich heißt es: Das Auswärtige Amt müsse „die Analysen auch der zuständigen Innenbehörden ernst nehmen“ und könne „mit Blick auf Sicherheitsfragen zu keiner andersgelagerten Einschätzung gelangen“. Heißt im Klartext: Sollte Seppelt nach Russland fahren, drohen im unkalkulierbare Gefahren.

„Ich bedaure die Entwicklung“, sagte Seppelt selbst in einer Stellungnahme – „aber ich trage die Entscheidung mit.“ Den Sicherheitswarnungen des Bundeskriminalamtes könne er sich nicht verschließen. „Insgesamt ist es eine besorgniserregende Entwicklung für den Sportjournalismus, wenn die Ausübung des Jobs bei der Fußball-WM mit kaum kalkulierbaren Risiken und womöglich folgenschweren Konsequenzen verbunden ist.“

Angst vor Festnahme oder gar Verletzungen

Seppelt gilt in Russland als unerwünschte Person. Seine Recherchen zum Staatsdoping in Russland führten dazu, dass russische Sportler von den Olympischen Spielen 2016 in Rio und 2018 in Pyeongchang ausgeschlossen worden waren oder nur unter neutraler Fahne antreten durften. Sein Visum für die Reise zur Fußball-WM hatten die russischen Behörden im Mai für ungültig erklärt – er stehe als „persona non grata“ auf der Visasperrliste. Erst nach Intervention des Auswärtigen Amtes wurde ihm doch ein Einreisevisum erteilt. Dieses wird er nun nicht nutzen. Schon damals hatte er gesagt: „Ich werde gemeinsam mit meinem Sender genau prüfen, ob ich am Ende zur WM fahre. Die angekündigte Vorladung vor eine Art Untersuchungsgericht jedenfalls hört sich nicht wirklich einladend an.“

Wofür muss sich Seppelt fürchten? Gleich von zwei Fronten drohe ihm in Russland Gefahr, urteilten die deutschen Sicherheitsexperten. Tatsächlich sollte er in Russland durch ein staatliches Ermittlungskomitee in der Strafsache Grigori Rodschenkow befragt werden. Der frühere Leiter des russischen „Anti-Doping-Zentrums“ war 2016 in die USA geflüchtet und befindet sich dort im Zeugenschutzprogramm des FBI. Er ist der Kronzeuge des Westens im russischen Dopingskandal. Falls das russische Komitee der Auffassung sei, Seppelt kooperiere nicht, könnte er – ähnlich wie Yücel in der Türkei – festgesetzt werden. Daran könnte sich eine „rechtliche Eskalation“ durch die Behörden im WM-Gastgeberland anschließen.

Als „russophober Lügner“ beschimpft

Und auch der geballte Volkszorn könnte sich über Seppelt entladen. „Spontane Gewalttaten selbstmotivierter Akteure“ seien nicht auszuschließen, hieß es. Seit Monaten ist er Zielscheibe von Behörden, von Politikern, von Kreml-treuen Journalisten und Sportverbänden. Er wurde als „unerwünschte Person“ beschimpft, als „russophober Lügner“, als „Agent der CIA und der deutschen Regierung“, als „Beleidiger des russischen Volkes“ und als „Propagandist, der in unfairer Weise gegen das souveräne Russland mit dem Ziel arbeiten, dort ein anderes politisches System zu etablieren“.

Der Chef des russischen Journalistenverbandes, Wladimir Solowjow, hatte unverhohlen gedroht: „Man sollte Seppelt unbedingt unter Schutz stellen, damit er nicht zufällig von einem Kenner seines ,journalistischen Talents‘ verprügelt wird.“ Genau das befürchten nun offenbar die deutschen Geheimdienste.

Der Fall Seppelt offenbart die massiven Unterschiede im Selbstverständnis zwischen westlichen und vielen russischen Journalisten, denen kaum zu vermitteln ist, warum freie und auch kritische Berichterstattung ein schützenswertes Gut sein sollen. „Journalisten, die für regierungsnahe und staatliche Fernsehsender arbeiteten, hinterfragen die Position des Kreml nicht, sondern verstehen sich als dessen Vertreter und als Patrioten ihres Landes“, erklärt der ARD-Korrespondent Udo Lielischkies.

Ein Dilemma für ARD und ZDF

Der Vorgang zeigt aber auch warnend, welche Folgen die wachsende Nähe des Weltfußballverbands Fifa und des Internationalen Olympischen Komitees zu Autokraten und Unterdrückern hat: Beiden Verbänden ist zunehmend bewusst, dass sportliche Großereignisse in Demokratien politisch schwerer durchsetzbar sind als in Autokratien. Das bedeutet im Umkehrschluss: Eine kritische Berichterstattung von sportlichen Großevents abseits der Jubelbilder wird immer schwieriger.

Das stellt auch ARD und ZDF vor ein Dilemma: Allein für die TV-Rechte an der WM in Russland haben beide 218 Millionen Euro bezahlt. Das macht sie automatisch zu Partnern des globalisierten Milliardengeschäfts. Wie kritisch aber kann man etwa aus Russland berichten, wenn man selbst im Boot sitzt? Beim Sender versichert man, der Rückzug Seppelts bedeute keineswegs den Verzicht auf journalistische Hartnäckigkeit. Aber, so sagte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky: „Die Sicherheit von Hajo Seppelt steht bei uns an erster Stelle.“

Die Reiseabsage der ARD ist keineswegs als Rache-Schachzug nach dem Visumsstreit zu werten oder als Versuch, das WM-Gastgeberland schlecht aussehen zu lassen, sondern als konkrete Schutzmaßnahme für einen gefährdeten Mitarbeiter. Dass diese erforderlich scheint, ist dramatisch genug.

Von Imre Grimm

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