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Fernsehen Der „Tatort“ bekommt ein Spin-off
Nachrichten Medien Fernsehen Der „Tatort“ bekommt ein Spin-off
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16:38 05.11.2017
Erkenntnisse am Totenbett: Dr. Falko Lammert (Peter Trabner) macht dem „Tatortreiniger“ Konkurrenz. Quelle: ARD
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Dresden

„Lammerts Leichen“ heißt das digitale Spin-off vom analogen „Tatort“, das die ARD ab 6. November online stellt. Im Zentrum dieser sechs fünfminütigen MDR-Miniaturen aus der Dresdner Pathologie steht der biedere Rechtsmediziner Falko Lammert, funkensprühend verkörpert vom unscheinbaren Nebenfiguren-Profi Peter Trabner. In seiner tageslichtarmen Pathologie tief unterm Krankenhaus versucht der Schnauzbartträger die Todesursachen seiner Klienten zu ergründen. Wobei er regelmäßig auf ganz andere Gewissheiten als jene stößt, wie wann und warum jemand ums Leben kam.

In der Folge „Victoria“ etwa liegt ein Mann mit schneidiger Bundeswehrrasur auf dem Seziertisch und hindert Dr. Lammert daran, ins wohlverdiente Wochenende mit seiner Familie zu starten. „Weißte, was der Unterschied zwischen ’ner glücklichen Kindheit und ’ner frühkindlichen Störung ist?“, fragt der Pathologe beim vorschnellen Feierabendbier ins Leere und muss sich naturgemäß selbst antworten: „Manchmal nur so’n Freitagnachmittag, wenn’s auf Arbeit weiter und weiter geht, bis in die Nacht, damit der Samstag auch gleich mit im Arsch ist.“

Peter Trabner glänzt in seiner neuen Rolle. Quelle: MDR/HA Kommunikation

Das ist zunächst mal Werktätigenprosa ohne Standesdünkel, nette Alltagslyrik für die Massen. Könnte man meinen. Bis Victoria, die Frau des Toten (herrlich schnodderig: Katrin Bauerfeind), im Untergeschoss auftaucht und dem verhinderten Vorzeigepapa die Chance offeriert, unter Umgehung bürokratischer Zwänge das versprochene Hochbett seiner Töchter zu bauen. Im hochverdichteten Dialog nämlich wird klar, was die winzige Webserie abseits vom unterschwelligen Humor vollbringt: Große Fragen des Lebens auf kleiner Flamme zu rösten. Das tiefgründige Geplänkel zwischen Diesseits und Jenseits erinnert an das Erfolgsformat „Der Tatortreiniger“. Dessen Regisseur Arne Feldhusen ist der Stammregisseur von Drehbuchautor Ralf Husmann, sie arbeiteten etwa für „Stromberg“ zusammen.

Auch kleinbürgerliche Antihelden wie „Der kleine Mann“ (Bjarne Mädel) und „Dr. Psycho“ (Christian Ulmen) gehen auf die Kappe von Husmann. Bei „Lammerts Leichen“ führt er nun selbst Regie und zeigt, mit wie wenig Aufwand wie viel möglich ist im Fernsehen.

Mit einem toten Schlagersternchen debattiert der Pathologe über Schönheitswahn

Auch die fünf weiteren Fälle sind nur oberflächlich betrachtet ulkig. Herr „Arslan“ zum Beispiel, türkischstämmiger Schwiegervater einer Deutschen, die dessen Sohn mit einem Polen betrogen hat, was den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft entlarvt.

Oder „Vanessa“, ein konturlos hübsches Schlagersternchen, mit dem der Pathologe über ihren Tod hinaus Themen wie Mittelmäßigkeit und Schönheitswahn debattiert. Am Rande der Traumtänzerei zeigen solche Charaktere in durchschnittlich 300 Sekunden Kammerspielduett, woran es unserem Leitmedium ansonsten mangelt: dem Mut, einfach so ins Blaue zu erzählen, ohne beliebig zu werden. Und die Fähigkeit, auch abseits historisch verbriefter oder soziokulturell wuchtiger Erzählungen Tiefgang zu erzeugen.

Im Fernsehen, dem deutschen zumal, gibt es neben Lena Dunhams bitterböser Serie „Girls“ über das Leben von jungen Großstadtfreundinnen oder Aziz Ansaris Kommunikationssatire „Master of None“ vor allem krampfhafte Suchen nach der witzigsten Pointe oder dem krassesten Twist.

Ralf Husmann dagegen begreift, dass der wahre Wahnsinn im Gewöhnlichen steckt – selbst, wenn er sich tief unter einer Klinik entfaltet, wo augenscheinlich nur eines blinkt: Das Neonlicht und ein paar Geschichten, die offenbar zu gut sind fürs Regelprogramm. Und so ist der einzig spürbare Makel dieses „Tatort“-Ablegers, dass ihn die ARD ins Internet abschiebt.

Von Jan Freitag/RND

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