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Übersicht „Babylon Berlin“: Es lebe die Sünde!

Mammutserie startet „Babylon Berlin“: Es lebe die Sünde!

Die 40-Millionen-Euro-Serie „Babylon Berlin“ ist ein glamouröses Sittenspektakel – und eine Wette auf die Zukunft des deutschen Fernsehens.

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Ein Hauch von Philipp Marlowe: Gereon Rath (Volker Bruch) ermittelt im Sündenpfuhl Berlin.

Quelle: X Filme

Berlin. Doch – die Gefahr bestand, dass das alles hier mächtig in die Hose gehen könnte. Dass diese Serie der Superlative zum Superflop werden könnte, zum „Heaven’s Gate“ des deutschen Fernsehens. Der 40-Millionen-Euro-Etat. Die 180 Drehtage. Die absurd hohen Erwartungen. Es schien, als wollten die deutschen Serienmacher mit einem gewaltigen Kraftakt all ihre Versäumnisse der letzten Jahre wettmachen, um auf Krampf aufzuschließen zu den Perlen des Golden Age of Television, zu „Downton Abbey“, „The Crown“, „House of Cards“. Aber zur Großartigkeit verdammte Kunst ist ja selten genau das: großartig. Zwischendurch gab’s gar Gerüchte, das Spektakel stehe vor dem Aus. Zu teuer, zu riskant, zu anders.

Weltniveau mit Ansage – geht das? Ja, das geht. „Babylon Berlin“ ist das Gegenteil von einem Flop. Es ist ein Triumph. Im Fußball würde man sage: Geld schießt eben doch Tore.

Die Story folgt grob den historischen Krimis von Volker Kutscher („Der nasse Fisch“, 2007): Der vom Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs seelisch zerrüttete Kölner Kommissar Gereon Rath (wundervoll umrätselt: Volker Bruch) startet 1929 bei der „Sitte“ in Berlin. Er soll einen Erpressungsfall lösen, hebt einen Pornoring aus („So! Die Genitalien eingesammelt!“) und lernt bei einem Paternosterunfall die junge Aushilfssekretärin Lotte kennen (kraftvoll und sexy: Liv Lisa Fries). Die verkauft ihren Körper nachts an schwitzende Moppel, um das Rattenloch, in dem ihre Familie haust, bezahlen zu können.

Der Stress der Moderne ist großes Fernsehen

Es entfaltet sich ein pralles Panoptikum um die „schwarze Reichswehr“ – die heimlich die Wiederbewaffnung Deutschlands betreibt –, um eine Trotzkistentruppe, die mit einem Eisenbahnwaggon voller Gold die Konterrevolution in Russland finanzieren will, um Gangsterbosse, Flittchen, mordende Priester, schuftende Kinder, Spieler und Sünder. Ein farbsatter Bilderrausch voller extremer Gegensätze: Elend und Ekstase, Koks und Krankheit, Konsumtempel und Kommunisten. Ganz stark: Bruno Wolter als abgezockter Altbulle, Matthias Brandt als smarter Polizeichef und Fritzi Haberlandt als verblühte Kriegerwitwe.

Das Regietrio Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries inszeniert das alte Polente-&-Pomade-Berlin als soghaften Kosmos, als Schmelztiegel einer Welt im Umbruch, mühsam zusammengehalten von einer verletzlichen, fragilen Demokratie. In diesem düsteren Kaleidoskop der Angst eilen Getriebene, Suchende, Großkotzige, Kaputte und Kranke durch die schwefligen Nächte. Der Stress der Moderne ist die perfekte Folie für großes Fernsehen.

Die Elite hat sich eingerichtet in ihrer Zigarettenspitzenidylle. Die Reichen tanzen sich im Tanztempel Moka Efti mit Charleston in kollektive Räusche, während in den Katakomben gevögelt wird – Analogien zum „Berghain“ sind kein Zufall. Absinth tropft auf Zuckerwürfel. Und mitten in diesem preußischen Babylon zwischen Todestaumel und Zukunftsbesoffenheit ermittelt, hadernd und schweigsam wie Philipp Marlowe: Rath, der Katholik aus Köln.

Das Leitmotiv ist die „German Angst“

Die Analogien zur Gegenwart waren beim Produktionsstart 2013 kaum absehbar: eine konfuse Zeit voller zerbröselnder Gewissheiten, diffuse Ängste überall, überwältigende Veränderungen in einer Welt, die sich immer schneller dreht, bis der Ruf nach der Eisenfaust laut wird, der harten, ordnenden Hand – das klingt schon ein bisschen nach 2017. Die neue alte „German Angst“ ist das Leitmotiv von „Babylon Berlin“, diese tiefe deutsche Zukunftsskepsis. Wer die Macht über die Ängste hat, zieht die Fäden. Angstgestört sind die „Kriegszitterer“, die ihre Panikschübe aus Verdun nur mit Morphium in den Griff bekommen. Angstgestört ist auch das Proletariat, das nur ein Stück Brot und eine verlauste Bettdecke vor dem Abgrund bewahrt. Manche Sequenz wirkt beklemmend albtraumhaft, eine Reminiszenz an die großen, grotesken Dämonen der Zwanziger, die stummen Albträume der frühen deutschen Filmkunst: Nosferatu, Dr. Caligari, Mabuse.

Das ist die Kunst des historischen Filmemachens: dass die Figuren so spielen, als wüssten sie nicht, was passieren wird. Hitler? Wird nur einmal kurz erwähnt. Die große Leistung von „Babylon Berlin“ besteht darin, die Zeitläufte zu verdichten, ohne in Klischees zu flüchten oder die Story aus dem Auge zu verlieren. Es geht um viel mehr als den viel zitierten „Tanz auf dem Vulkan“ vor Börsencrash und Nazi-Zeit: Es geht um Weltentschlüsselung, menschliche Abgründe, großes Entertainment. Es ist die beste deutsche Serie seit Wolfgang Petersens „Das Boot“.

Die beste deutsche Serie seit „Das Boot“

In 60 Länder ist „Babylon Berlin“ bereits verkauft. Von einem Erfolg aber mag das Team noch nicht sprechen. „Wenn wir sechs Staffeln gemacht haben und die halbe Welt auf Staffel 7 wartet“, sagt Regisseur von Borries – „dann ist es ein Erfolg“.

Das ist deutsches Serienfernsehen mal weit weg von singenden Nonnen und Zahnarztgattinnen an Bergseen. Es ist ein televisionärer Teufelsreigen, ein dichtes, pralles Sittengemälde, das Zeitläufte und Schicksale zu einem Meisterwerk verschmilzt. Für Serien wie diese sind bewegte Bilder erfunden worden.

„Babylon Berlin“ | Sky 1 Serie mit Volker Bruch, Liv Lisa Fries, Matthias Brandt, Fritzi Haberlandt 16 Folgen, Start am 13. Oktober bei Sky

Von Imre Grimm

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