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Kultur Wie der Mensch tickt
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20:46 10.05.2018
Szene aus dem "Leto" (Sommer), dem Film des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov über die russische Rockband „Kino“. Quelle: KinoVista
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Cannes

Eines muss man den Cannes-Verantwortlichen lassen: Ihre Festivalgemeinde haben sie fest im Griff. Mag sich auch halb Frankreich gegen die Reformpläne von Präsident Macron stellen, an der Croisette bleibt alles ruhig. Und sage bitte keiner, Kino und Politik hätten nichts miteinander zu tun: Geradezu nostalgisch wird hier das Festivaljahr 1968 beschworen, und da hängte sich Jean-Luc Godard persönlich an den Kinovorhang und sorgte für den Abbruch von Cannes. So viel Solidarität musste schon sein – im aktuellen Wettbewerb ist der vermutlich nicht mehr ganz so sportliche 87-jährige Godard wieder dabei.

50 Jahre später wird jedoch sogar das vorab heiß umstrittene Selfie-Verbot auf dem roten Teppich brav befolgt. Zückt doch mal einer sein Telefon, muss er schnell sein, sonst stürmt die festivaleigene Selfie-Abfangtruppe heran. Allerdings finden die Galagäste auch folgende Warnung in ihrer Einladung: „Bei Verstößen wird der Eintritt in die Vorstellung verweigert.“ Und was gibt es Schlimmeres in Cannes, als aus dem Kino verstoßen zu werden? Lars von Trier darf nun erst nach sieben Jahren Verbannung am Montag mit einem Serienkiller-Thriller zurückkehren.

Nach all dem Vorgeplänkel hat der Wettbewerb nun endlich Fahrt aufgenommen: Der Eröffnungsfilm des Iraners Asghar Farhadi ist nicht ganz so fein austariert ist wie seine beiden im Iran spielenden Oscar-Filme „Nader und Simin – Eine Trennung“ (2011) und „The Salesman“ (2016), aber lohnenswert ist das psychologische Puzzlespiel „Todos lo saben“ (Jeder weiß es) allemal.

Thema Schuld und Entfremdung: Wie in Teheran so in Spanien

Bislang hat Farhadi vorrangig von einer zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Mittelschicht in Teheran erzählt, vor allem aber von Schuld, die sich Menschen unfreiwillig aufladen. Und siehe da: So etwas passiert auch in Spanien, wo Farhadi erstmals gedreht hat. Auch hier finden Menschen nicht zu-, sondern entfremden sich voneinander, wenn sie unter Druck geraten. Dafür braucht es keinen autokratischen Staat im Hintergrund.

Es reicht, wenn Geheimnisse in einer Familie lauern, die gar keine sind: Jeder weiß, dass die nach Argentinien ausgewanderte Laura (Penélope Cruz) und der Weinbauer Paco (Javier Bardem, Ehemann von Cruz) mal ein Paar waren und sie ihm beim Abschied das Herz brach. Nun ist Laura mit den Kindern zur Hochzeit ihrer Schwester zurückgekommen. Alle scheinen sich über das Wiedersehen zu freuen. Doch dann ist Lauras Tochter Irene verschwunden. Sie wurde entführt – und die Kidnapper scheinen aus dem engsten Familienkreis zu kommen.

Jeder beäugt nun jeden mit wachsendem Argwohn. Welche Wunden aus vergangenen Tagen sind noch immer nicht verheilt? Erschrocken blickt der Kinozuschauer in sich auftuende familiäre Abgründe. Farhadi zeigt, wie der Mensch tickt, egal ob er Spanisch oder Farsi spricht.

Die Würde zwischen Müllbergen und Pyramiden

Manchmal aber feiert das Kino Solidarität da, wo sie niemand vermutet. Im Roadmovie „Yomeddine“ des erst 32-jährigen Regisseurs A. B. Shawky ziehen der von der Leprakrankheit vernarbte Beshay und der Waisenjunge Obama mit Esel Hardy durchs heutige Ägypten. Ausgestoßene sind sie, Freaks, wie es hier heißt. Sie suchen Beshays Familie, die ihn als Kind in einer Leprakolonie abgegeben hatte.

Zwischen Müllbergen und Pyramiden entdecken die beiden ihre Würde. Ein traurigeres Feel-Good-Movie hat man selten gesehen. Klingt nach einem Märchen? Das war Chaplins „The Kid“ auch. Cannes holt mit diesem mit Laienschauspielern gedrehten Debütfilm - der einzige im gesamten Wettbewerb! - Ägypten auf die Weltkarte des Kinos zurück.

Solidarität für russischen Regisseur Serebrennikov

Ein Stuhl blieb in der Pressekonferenz von „Leto“ (Sommer) gestern demonstrativ frei. Auf dem Schild davor war der Name Kirill Serebrennikov zu lesen. Der russische Regisseur steht unter Hausarrest wegen Korruptionsvorwürfen. Kritiker sprechen von einem politischen Schauprozess gegen den 48-jährigen Künstler. Ein Brief des Festivals an Präsident Wladimir Putin habe nichts geholfen, berichteten die Produzenten des Films. Putin habe geantwortet, er würde gern helfen, aber die russische Justiz sei unabhängig.

Im August 2017 war Serebrennikov bei den „Leto“-Dreharbeiten überraschend verhaftet worden. Den Film hat er nach Angaben der Produzenten unter Hausarrest beenden können. „Leto“ feiert das Lebensgefühl junger Rockmusiker in Leningrad der 1980er Jahre. Im Mittelpunkt: Viktor Zoi (Teo Yoo), Frontman der Band Kino, im Westen kaum bekannt, in Russland nicht erst seit seinem Unfalltod 1990 eine Legende.

Die Vorbilder der unentwegt probenden, diskutierenden, rauchenden Musiker heißen Velvet Underground oder The Doors, aber sie machen ihr eigenes Ding mit poetischen, auch regimekritischen Texten. Um Konfrontation geht es ihnen aber nicht. Im Mittelpunkt steht für sie allein die Musik, und so ist das auch bei Serebrennikov: Er lässt Menschen in Bussen singen, blendet Liedtexte auf der gesplitteten Leinwand ein – oder verfremdet Szenen mit dem Zeichenstift, als hätte er Cartoonfiguren vor sich. Wie der Regisseur sich unter so schwierigen Umständen zu so viel Lebenslust aufraffen konnte, kommt einem Wunder gleich.

Bei der „Leto“-Premiere demonstrierte das Filmteam auf dem Selfie-freien roten Teppich für die Freilassung von Serebrennikov. Gut möglich, dass wir solche Szenen schon am Wochenende wieder erleben. Dann ist Jafar Panahis Film programmiert. Auch der Iraner darf sein Land nicht verlassen.

Von Stefan Stosch/RND

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