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Kultur Was trieb und dachte Erich Kästner im „Dritten Reich“?
Nachrichten Kultur Was trieb und dachte Erich Kästner im „Dritten Reich“?
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16:25 27.03.2018
Erich Kästner am 2. September 1943 auf der Terrasse der Villa von Edith und Erich Stückrath in Neu-Babelsberg (heute Potsdam, Virchowstraße 19/21). Quelle: Nachlass Werner Ruhre/ Repro: Mathias Michaelis
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Potsdam

Sven Hanuschek (53) erforscht seit Jahrzehnten das Leben und Werk Erich Kästners. Gerade die Jahre 1933 bis 1945 werfen immer noch Fragen auf.

Herr Hanuschek, ein Foto vom 2. September 1943 zeigt Erich Kästner mit freiem Oberkörper auf einer Gartenliege in Neu-Babelsberg - in den Völkischen Beobachter vertieft. Haben Sie eine Ahnung, was damals im Kopf dieses Mannes vorging?

Sven Hanuschek: Kästner sieht konzentriert aus und ziemlich finster: Er liest ja offenbar dieses Blatt. Sein Tagebuch, das er damals führte und das ich jetzt unter dem Titel „Das Blaue Buch“ neu herausgegeben habe, besteht in wesentlichen Teilen aus Medienkritik. Er schrieb Meldungen aus Zeitungen und Radio mit und kommentierte sie. Er versuchte, die Propaganda zu durchdringen und zu interpretieren, zu erkennen, was wirklich der Fall ist. Kästner war ein bisschen besser informiert als der Durchschnittsbürger in der Diktatur, er hatte selber früher als Journalist gearbeitet und hatte noch entsprechende Freunde. Trotzdem kann man in den Aufzeichnungen verfolgen, wie oft auch er sich geirrt hat, Gerüchten und Propaganda aufgesessen ist.

Was weiß man über seine Freundschaft zu den Neu-Babelsbergern Edith und Erich Stückrath und zu der Ufa-Filmlegende Brigitte Horney?

Nicht viel: Stückrath war Herausgeber der „Spandauer Zeitung“. Nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1955 hat er für das Bundeswirtschaftsministerium beim Bundesbeauftragten für die Förderung der Berliner Wirtschaft gearbeitet - sowas gab’s im geteilten Deutschland. In der Villa von Stückrath und seiner Frau Edith in Neu-Babelsberg übernachtete Kästner gelegentlich. Er wechselte ja seine Quartiere verstärkt, seit seine eigene Wohnung ausgebombt war. Aber auch schon zuvor, es war wichtig für ihn, nicht in von der Gestapo durchschaubaren Routinen zu leben. Horney und Kästner kannten sich, sie spielt ja eine der wichtigeren Rollen im „Münchhausen“-Film, zu dem Kästner unter Pseudonym das Drehbuch geschrieben hat. Wie gut sie sich wirklich kannten, kann ich nicht sagen - er soll ja einen Teil des Drehbuchs in ihrer Villa geschrieben haben, sie waren jedenfalls lose befreundet, er hat sie auch mal 1951 in Ascona besucht, im Urlaub.

Die Zäsur 1933

Erich Kästner (1899-1974) ist heute für seine Kinderbücher („Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“) und seine Gebrauchslyrik („Her auf Taille“) berühmt, die er vor 1933 schrieb.

In Neu-Babelsberg schrieb Kästner unter Pseudonym das Drehbuch für den Ufa-Film „Münchhausen“, der 1943 als Propaganda-Coup der Nazis in die Kinos kam. Propagandaminister Goebbels soll Kästners Talent geschätzt haben.

Erich Kästner: Das Blaue Buch. Geheimes Kriegstagebuch 1941-1945. Atrium Verlag, 406 Seiten, 32 Euro.

Kästner galt als links-liberaler Schriftsteller, seine Bücher wurden 1933 von den Nazis verbrannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Intellektuellen blieb er in Deutschland. Er bekannte, seine Mutter in Dresden nicht verlassen zu wollen und versprach, aus der Perspektive des Augenzeugen einmal den großen Roman über das „Dritte Reich“ schreiben zu wollen. Klingen diese Motive in seinem geheimen Tagebuch an?

Sein Hauptgrund war sicher, Zeitzeuge sein zu wollen - und dann abschließend, nach Kriegs- und Diktaturende, darüber schreiben zu wollen. Das wird schon sehr deutlich, allein aus den Fragmenten der Sammlung für den abgebrochenen-gescheiterten Roman. Seine anderen Gründe, die Mutter und auch die Fehleinschätzung, der NS-Spuk werde nur ein Jahr dauern, kommen nicht ausdrücklich vor, sie zeigen sich implizit.

Wer „Das Blaue Buch“ liest, ist überrascht, dass Kästner von den Deutschen oft im Plural spricht. Wie würden Sie seinen Patriotismus charakterisieren? Verstand er sich überhaupt noch als Oppositioneller?

Auf jeden Fall, er ist ja auch zweimal verhaftet worden, auch wenn das immer nur ein paar Stunden waren; andere Verhaftungswellen sind knapp an seinem Kopf vorbeigegangen, als hätte manchmal jemand seine Hand über ihn gehalten. Dass er stets als Regimegegner gedacht hat, wird auch in den lakonischen und ironischen Kommentaren des Tagebuchs sehr deutlich. Der patriotische Zungenschlag mag irritierend wirken, immer „wir“ und „die unseren“ und „der Russe“, ganz die Sprache der Zeit. Dieser Zungenschlag nimmt aber ab (geführt hat er das Tagebuch ja nur 1941, 43 und 45, und nur 1945 ganz ausführlich). Das könnte mit der Entstehungsgeschichte zu tun haben: Das Buch sollte nicht in falsche Hände fallen, weil es zwar in Gabelsberger Kurzschrift geschrieben ist, die konnten damals aber viele Leute lesen. Nach Stalingrad war ja den meisten klar, wie der Hase läuft. Aber erst 1945 scheint Kästner der Gedanke an unerwünschte Mitleser egal gewesen zu sein, und er hatte das Büchlein ja auch immer bei sich.

Warum schreibt er so wenig darüber, wie Menschen die Diktatur und die Luftangriffe verkraftet haben?

Ich denke, das hat mit der fortlaufenden Medienkritik zu tun, dem Versuch, zu durchdringen, was einem da täglich an Meldungen aufgetischt wird. Dass die Notizen dabei oft kühl wirken, hat auch mit Kästners neusachlicher Ästhetik zu tun - Existentielles beschreiben, ohne die Emotionen ausdrücklich hinzuschreiben, sie aber schon ‚triggern’, wissen, wie Menschen ihr Eigenes ja ohnehin dazutun. Er fühlte nicht die Gefahr, seine Emotionen zum Mitgeteilten zu vergessen, sehr wohl aber einzelne Meldungen zum Kriegsverlauf, das Tagebuch ist nicht zur Veröffentlichung geschrieben worden, sondern als Gedächtnisstütze.

In Babelsberg schrieb Kästner das Drehbuch für den Ufa-Film Münchhausen, der im März 1943 als Propaganda-Coup der Nazis in die Kinos kam. Propagandaminister Goebbels schätzte Kästners Talent und machte es möglich, dass er für viel Geld den Auftrag erhielt, nur sein Name durfte nicht genannt werden. Die Geschichte spiegelt die beschränkte Welt der Nazis. Können Sie verstehen, dass Kästner sich für dieses Drehbuch nicht geschämt hat?

Es gibt ja eine regelrechte Forschungsdebatte über den Film: Wie regimekonform ist er, wie sehr ist er auch Ausdruck von Kritik? Wo sind Doppeldeutigkeiten, Sklavensprache usw.? Wie alle seine Produkte aus der Diktatur, hat Kästner auch diesen Film nicht kommentiert, wir wissen also nicht wirklich, was er später davon gehalten hat, er hat es aber später für einen Fehler gehalten, dass er NS-Deutschland nicht 1933 verlassen hat.

Manche meinen, der „Münchhausen“-Film ziehe sogar die antisemitischen Register des Auftraggebers?

Das sehe ich nicht, aber er funktioniert natürlich als Durchhaltepropaganda, er hat in Teilen ein Geschichtsbild inszeniert, das dem NS entspricht. Dazwischen hat er ein paar Ambivalenzen - den Satz „Die Zeit ist aus den Fugen“, sogar eine sehr kurze Führer-Karikatur in der Cagliostro-Figur, die mal kurz in Polen einmarschieren möchte und dazu wahnsinnig mit den Augen rollt. Als Durchhaltefilm funktioniert er schon allein durch den irren Aufwand. Mitten im Krieg hat die Ufa einen Farbfilm gedreht, mit aller Tricktechnik, die ging, mit aufwendigen Kostümen - die Leute müssen gedacht haben, na, wenn so ein Film noch geht, dann kommt vielleicht doch noch die Wunderwaffe. - Andererseits ist der Film Hitler vorgeführt worden und soll einen Wutanfall hervorgerufen haben, als er erfuhr, wer hinter dem Pseudonym „Berthold Bürger“ steckte. Der Film hat zu Kästners Totalverbot geführt, von da an hatte er die kleinen Fluchten wie Publikationen im Ausland, Boulevardstücke unter Pseudonym usw. nicht mehr. Von 1943 an lebte er von der Substanz. Den Führerbefehl mit diesem Totalverbot gibt es übrigens im Marbacher Nachlass, Kästner muss davon einen Durchschlag bekommen haben. Er hatte den nach dem Krieg in München hinter Glas an der Wand hängen!

Interview: Karim Saab

Von Karim Saab

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