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Kultur Anastasia und der Arztsohn
Nachrichten Kultur Anastasia und der Arztsohn
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16:03 18.04.2018
Am Fenster: Die falsche Zarentochter Anastasia. Quelle: Avant-Verlag
Hannover

Verkannte Polarforscher, musikalische Wikinger, eiffelturmverkaufende Hochstapler: Es sind ungewöhnliche Menschen und deren Geschichten, denen sich Simon Schwartz verschrieben hat. Um sie auf seine Art zu beschreiben. Auf seine Art - das heißt in Graphic Novels. Nach seiner Biografie des dunkelhäutigen Matthew Henson, der es vermutlich als erster Mensch an den Nordpol, aber nicht in die Geschichtsbücher schaffte, und der Sammlung von Lebensminiaturen in „Vita obscura“ widmet er sich nun der Geschichte der falschen Zarentochter Anastasia.

Schwartz, seit 2012 Träger des renommierten Max-und-Moritz-Preises, erzählt in seinem neuen Werk „Ikon“ eine Doppelbiografie. Eine der beiden Hauptpersonen ist Gleb Botkin, Sohn des russischen Leibarztes der letzten Zarenfamilie. Er wächst zusammen mit den fünf Zarenkindern auf, und damit auch mit der frechen, wuseligen Anastasia. Als in den Wirren der Oktoberrevolution die Zarenfamilie in den Ural gebracht wird, sind der Leibarzt Botkin und sein Sohn Gleb dabei. Während der Vater gemeinsam mit dem letzten russischen Monarchen und dessen gesamter Familie von den Bolschewiki erschossen wird, kann der junge Gleb fliehen. Er siedelt in die USA um, wo er die Liebesgöttin Aphrodite anbetet und eine neue Kirche gründet.

Anfang der Zwanzigerjahre taucht in Berlin eine junge Frau auf, die zwar erst Anna Tschaikowsky, dann Franziska Czenstkowski und noch später Anna Anderson heißt, aber steif und fest behauptet, die Zarentochter Anastasia Nikolajewna Romanowa zu sein und als Einzige den Mord an ihrer Familie überlebt zu haben. Diese Geschichte wird sie bis an ihr Lebensende 1984 erzählen – und sie wird bis zum Schluss Menschen finden, die ihr glauben. Sie bleibt Anastasia, als sie 1928 auf Einladung ihrer vermeintlichen Cousine Xenija nach New York fährt. Sie bleibt Anastasia, als sie Anfang der Dreißigerjahre in der Psychiatrie in Ilten bei Hannover landet. Sie bleibt Anastasia, als ihr großer Fürsprecher und Unterstützer Prinz Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg ihr eine Baracke in Unterlengenhardt im Schwarzwald einrichtet. Und sie bleibt Anastasia, als Glen Botkin sie in die USA holt und als Zarentochter verehrt.

Schwartz zeichnet die beiden Lebensläufe in Schwarz-Weiß. In ausdrucksstarken Bildern erzählt der 35-Jährige von der falschen Zarentochter und dem richtigen Arztsohn, spielt mit Überblendungen, springt mit Rückblenden durch die Zeit und das Leben dieser beiden entwurzelten Menschen. Er paart diesen Montagestil noch mit Exkursen zur Geschichte der Ikonenmalerei - schließlich geht es bei den Ikonen genauso wie bei „Ikon“ um den Glauben an Bilder. An der einen und anderen Stelle seiner Graphic Novel biegt Schwartz die historische Wahrheit ein wenig. So kann nicht Gleb Botkin Anna Anderson 1984 aus einem Pflegeheim entführt haben, da Botkin bereits 1969 starb. Stattdessen war es Ehemann John Eacott Manahan. Doch das steht dem Lesespaß dieser fantastisch gezeichneten, glänzend erzählten, hochambitionierten Graphic Novel in keiner Weise entgegen. Nicht zuletzt wegen des fulminanten Finales.

Von Kristian Teetz/RND

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