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Kultur Christian Tagliavini und die Renaissance
Nachrichten Kultur Christian Tagliavini und die Renaissance
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13:05 05.01.2018
"La Moglie dell Orefice". Fotoausstellung in der Galerie Camera Work, Berlin, Dezember 2017 Quelle: Christian Tagliavini / Courtesy
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Berlin

 Welche Anmut? – hätte man in der Renaissance wohl gedacht. Und irgendwie kann man das noch heute. Der Blick der schönen Frau ist abgewendet. Scheu, leicht nach unten gerichtet, die Hände sind artig aufeinandergelegt. Der Künstler hat sein Model ins Halbprofil gerückt. Das Licht kommt von der Seite. „La Moglie dell’Orefice“ – die Frau des Goldschmiedes hat Christian Tagliavini sein Bild genannt. Es versprüht den Geist der Frührenaissance – und wirkt zugleich absolut zeitgenössisch.

Und das ist es auch. Die zehn Werke, die derzeit in der Berliner Galerie Camera Work zu sehen sind, sind Teil des Zyklus „1406“ des Schweizer Fotografen, der erstmals öffentlich gezeigt wird. Tagliavini ist ein neuer Star in der Fotokunst – und das obwohl seine Bilder auf den ersten Blick aussehen, als wären es 600 Jahre alte Gemälde.

Doch nur auf den ersten Blick. Denn Tagliavini verwendet Stunden und Tage, um seine Models zu arrangieren, bis er endlich ein Foto von ihnen machen kann. Die Kleider werden maßangefertigt. Die Materialien sorgfältig ausgewählt, damit sie in die Zeit passen. Die Frage ist nur: In welche Zeit? Denn an die Renaissance erinnern meist nur Haltung, Gesichtsausdruck und die Form der Kleidung. Deren Gestaltung und die Materialien weisen in die Zukunft. So gehört der gigantische Hut der Goldschmiedsfrau eher ins Reich von Science-Fiction. Tagelang hat Tagliavini an den futuristischen Ohrmuscheln mit Hilfe eines 3D-Druckers gearbeitet, die durchlöcherten Plastik-Ovale bemalt, die Zwischenräume mit Stoff bespannt, die Ränder mit spitzen Ornamenten bestückt und auf das reich verzierte Haarband eine schachtelförmige Anhöhe aus stoffbezogenem Karton getürmt.

Der 56-jährige Fotograf, dessen Werk ausschließlich aus Porträts besteht, versteht sich als „Foto-Handwerker“. Entsprechend komplex ist der Produktionsprozess von der ersten Zeichnung der Utensilien, die aufs Foto müssen, über die Digitalisierung, das Drucken in 3D, der Auswahl des Models, Ankleiden, Posen und endlich Fotografieren.

Tagliavinis Rückgriff auf die Renaissance ist allerdings nicht von historischem Interesse geprägt. Es ist eher die Rückversicherung in eine Epoche, die selbst in die Welt der Antike blickte, um schließlich die mittelalterliche Ästhetik nachhaltig bis in die Moderne hinein zu revolutionieren. „Die Renaissance stützte sich auf die Vergangenheit, um mit neuen Mitteln etwas Neues zu erschaffen. Tagliavini macht es ganz genauso“, sagt Alexander Golya von der Galerie Camera Work. Für den Zyklus „1406“ dient ihm der in jenem Jahr geborene Renaissance-Maler Filippo Lippi als Referenz.

Das Neue, das die Renaissance in die Welt brachte, war unter anderem das Porträt. Keine Götter, keine Helden, keine Herrscher, sondern ganz normale Menschen – so sie es sich denn leisten konnten – ließen sich als selbstbewusstes Subjekt abbilden. Entsprechend vorsichtig und unsicher in ihrer neuen Rolle zeigten die Selbstbilder der Frührenaissance diese Bürger. Tagliavini setzt ebenfalls ganz normale Menschen unserer Zeit in Szene. Keine Models, keine Profis, der Fotokünstler holt sich die Porträtierten direkt von der Straße: Menschen, die nicht gelernt haben, vor der Kamera zu posieren. Sie wirken etwas unsicher – und trotzdem auf ihre Art selbstbewusst. Die Frau des Goldschmiedes hat den Blick gar nicht so demütig gesenkt, wie es zunächst scheint. Sie blickt ins Leere, gefasst, vielleicht sehnsüchtig, oder eher trotzig? Allemal behauptet sie sich, indem sie den Betrachter draußen stehen lässt.

Einige der gezeigten Porträts sind hingegen über jeden epochalen Zweifel erhaben. Tagliavinis einziger Akt zum Beispiel blickt den Betrachter direkt an. Und „Alchimiade“ ist alles andere als eine Renaissance-Ikone: ein schwarzes Antlitz unter einer asiatisch-pagodenhaft anmutenden Kopfbedeckung, verziert mit an arabische Ornamente erinnernden Schmuckelementen. Willkommen in der multikulturellen Moderne.

In der Galerie Camera Work sind neben dem Zyklus „1406“ auch Teile anderer Schaffensperioden zu sehen. So der Hochrenaissance-Zyklus „1503“ von 2010 sowie Arbeiten, in denen sich Tagliavini 2015 mit Jules Vernes Abenteuer-Romanen aus dem späten 19. Jahrhundert beschäftigt; bis 24. Februar, geöffnet Di–Sa, 11–18 Uhr; der Eintritt ist frei; Galerie Camera Work, Kantstraße 149 in Berlin

Von Mathias Richter

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