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Kultur Prada Meinhoff und Drangsal: Die neueste deutsche Welle
Nachrichten Kultur Prada Meinhoff und Drangsal: Die neueste deutsche Welle
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15:01 05.08.2018
PRADA MEINHOFF Prada Meinhoff Quelle: Christoph Neumann
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Berlin

Ihren Bandnamen Prada Meinhoff haben sich Christin Nichols und René Riewer vermutlich in einer Mate-Wodka-Laune ausgedacht. Darf man das? Mit der Symbolik RAF-Terror, Andreas Baader und Ulrike Meinhof jonglieren? Wollen die beiden Berliner provozieren? Oder protestieren? Wogegen? Wie reagiert das Publikum? “Unterschiedlich“, antwortet Nichols lediglich.

Die 31-Jährige möchte nicht verraten, wie die Findung des Namens tatsächlich verlief und was die Band damit bezweckt. Sie will ihn für sich sprechen lassen. Sicher ist: Er lässt Interpretationsspielraum, hat Störpotenzial, und man vergisst ihn nicht so schnell. Die Sängerin und Schauspielerin scheint die Verwirrung, die er stiftet, zu lieben.

Wie auch immer: Ihr eigensinniger Mix aus Elektro-Pop, Punk und Nostalgie, Melancholie und Tanzen ist die Entdeckung der Saison. “Ich finde es unpunk, Punk noch so zu spielen wie vor 30 Jahren“, sagt der 30-jährige Riewer. Das erste Prada-Meinhoff-Album, das so heißt wie die Band, ist vor Kurzem erschienen.

Prada Meinhoff: Prada Meinhoff Quelle: Label

Der Sound ist hemmungslos retro. Riewers mitsingender Bass erinnert an New Order, Nichols Stimme manchmal an Annette Humpe von den NDW-Ikonen Ideal. Die beiden Musiker genießen es offenbar, mit Pop-Zitaten zu spielen. Am Ende ihres Songs “Gold“ weht eine “Strawberry Fields Forever“-Orgel vorbei. Bei “Schluss“ leuchtet eine U2-Gitarre wie ein blassgelber Vollmond. In “Komplizen“, ein Lied an die eigenen Dämonen, zitieren sie die Hamburger Band Die Sterne. “Was hat uns bloß so ruiniert?“

Trotz der Reminiszenzen, der Rückwärtsgewandtheit, wirken Prada Meinhoff, als wollten sie die neuste deutsche Welle begründen. Sie klingen aufmüpfig, ganz anders als all die mutlosen und verklemmten Lenor-Popper im Radio. “Wir sind nicht gewollt subversiv oder provokant“, sagt Nichols. “Aber wir haben eine Haltung, stellen infrage, uns selbst, die Welt und die Struktur, in der wir leben.“

Prada Meinhoff lehnen sich auf gegen Angst, Selbstzweifel und Unsicherheit. Ihre Texte drücken eine tiefe Sehnsucht nach Seelenfrieden aus. Zu ihren Songs kann man gut wegtanzen aus dem Alltag und der Chaoswelt. Sie bauen ihre Beats für Menschen, “die zum Grübeln neigen, die den Mut aufbringen, ihren eigenen Weg zu gehen, die froh sind, wenn sie mal für fünf Minuten den Kopf abstellen können, mich eingeschlossen“, wie Nichols sagt.

Beats gegen die Angst

“Der Gegner ist die Angst“, “Der Angriff soll jetzt Tanzen sein“, singt sie, “Vergangenheit auf Facebook löschen“, “Schluss mit alten Schlüppis“. Nichols und Riewer gelingt es so, innere Gelähmtheit in Zuversicht zu verwandeln. Das ist eine Kunst. Loslassen, nicht alles zerdenken, sich im Sound verlieren. “Dann spürst du, dass du lebst.“

Nichols ist halb Deutsche, halb Engländerin. Sie wuchs in Spanien auf. “Ich würde depressivere Texte schreiben, wenn ich nicht in Berlin leben würde“, erzählt sie. Insgesamt ist sie in drei Ländern und sieben Städten 21-mal umgezogen. Zuletzt, bevor sie in die Selbstverwirklichungsmetropole kam, wohnte sie in einem Dorf, das sie zermürbte, in dem sie verkümmerte und aus Frust Fischstäbchen aß. Ein Vorbild von ihr sei Robin Williams, sagt sie, der melancholische Clown. Humor, auch Selbstironie, sei häufig die Rettung an Tagen, an denen man sich falsch fühlt, einsam, verloren.

Prada Meinhoff leiden auf intelligente Art und Weise. Um sich abzureagieren, zieht es sie – wie die Sterne oder New Order – auf den Dancefloor. Denn wenn der Beat einsetzt, wird Graues bunt. “Vergiss doch deine Unterwäsche“, singt Nichols in Anlehnung an das Ginsberg-Gedicht “Geheul“. “Wir sind frei.“

Spielt deutschsprachigen, in das Beste aus den Achtzigern verknallten Wave-Pop: Max Gruber alias Drangsal. Quelle: Drangsal

Herxheim ist ein Fremdenverkehrsort in der Pfalz, südliche Weinstraße, 10 606 Einwohner. Die CDU dominiert den Gemeinderat. Dort, im konservativen Dorf, ist es kein Kunststück aufzufallen, zu stören, ein Außenseiter zu sein. Man muss sich bloß anders kleiden.

So wie Max Gruber zu Schulzeiten. Lange, blondierte Haare, pinkfarbene Fingernägel, grüne Stiefel, Cradle-of-Filth- T-Shirt, darauf stand: “Jesus is a Cunt“. “Ich habe mich schon immer für Gegenkultur, vor allem für die Fußnoten und Merkwürdigkeiten interessiert“, erzählt er. Sekten und Schockrocker, Charles Manson und Marilyn Manson.

Eine ganze Jugendbewegung kann man so, als Sonderling, nicht begründen. “Ich habe gelernt, mich mit mir selbst zu beschäftigen“, sagt der 24-Jährige. Deswegen hat er sein Debüt “Harieschaim“ 2016 einfach allein eingespielt. Mit “Zores“, seinem aktuellen Album, landete er einen Mini-Hit. Platz zwölf. Sein Projekt nannte er Drangsal – nach einem Beerdigungsinstitut. Doch Gruber spielt keinen Black Metal, wie die Vorgeschichte vermuten lässt. Er macht deutschsprachigen, in das wirklich Beste aus den Achtzigern verknallten Wave-Pop.

Inspiriert von DAF und The Smiths

Und das kam so: Im Auto seines Vaters hatte er als Kind immer wieder B-52’s und “Tanz den Mussolini“ gehört. Hören müssen. Die Kneipe, die sein Vater vor seiner Geburt betrieb, gab es zwar nicht mehr, aber die Achtziger-Mixtapes hatte dieser aufgehoben. “Ich fand das fürchterlich“, erzählt Gruber. Doch irgendwann sei er selbst auf die Elektro- und NDW-Pioniere Deutsch Amerikanische Freundschaft gestoßen. “Das ist doch die Mucke, die meine Mutter die ganze Zeit nervte und mein Vater seit Jahren im Keller hört.“

Der Sound hatte sich in seine DNA geschlichen. Unverkennbar haben ihn auch The Cure, Prefab Sprout und The Smiths inspiriert. Dem frühen Morrissey fühlt sich Gruber verbunden. Der Smiths-Sänger wollte kein Misanthrop sein, sondern immer beides: eigensinnig und kommerziell erfolgreich. Geht das überhaupt: Pop vom Eckensteher für alle?

Anders sein zu wollen, unangepasst, aber trotzdem nicht einsam und allein dazustehen, diesen vermeintlichen Widerspruch, erörtert Gruber in vielen seiner Songs. “Ich schwitze Blut, wenn ihr mich zwingt, in eurem Rhythmus zu marschieren“, singt er in “Turmbau zu Babel“. Aber auch: “Die Lippe wünscht Zusammenschluss.“

Drangsal: Zores Quelle: Label

Dass die Suche nach Liebe und Sinn mit 30, 40 oder 50 nicht leichter wird, scheint der 24-Jährige zu ahnen: “Wir Menschen können fliegen, lügen, lieben, uns bekriegen. Doch meine eine Frage, die ich stets mit mir rumtrage: Oh Baby, sag mir, wann fängt das Leben an?“

Die Unsicherheit, Zukunftsangst und Orientierungslosigkeit beschreibt er in “Und du? (Vol. II)“ mit den schönsten Zeilen der Platte: “Gegen die Decke meines Schädels schlägt ein Spalier junger Mädels. Und du? Schaust mir hilflos zu. Gegen die Wände meines Herzens halten hundert junge Jungs heiße Kerzen. Und du? Schaust nur hilflos zu.“

Flucht nach Berlin

Mit 18 war Gruber nach Berlin gezogen, geflüchtet, wie er sagt, aus Perspektivlosigkeit. Sein erster Job: Praktikant bei den Indie-Labels Domino und Mute, unabhängigen Plattenfirmen, die Musik von Sonderlingen fördern.

Gruber sehnt sich nach “guter“ Popmusik. Songs, die nicht billig und berechnend klingen, sondern raffiniert, die nicht nach den immer gleichen Formeln produziert werden und vielleicht deshalb unvergesslich bleiben. Als Beispiel nennt er Grace Jones. “Ich bin nicht bewusst retro. Doch ich vermisse solche Musik, ich glaube, deswegen mache ich sie selbst“, sagt er. “Wir müssen uns den Pop zurückholen.“

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