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Mary Gauthier – Lieder, die den Krieg besiegen

Pop Mary Gauthier – Lieder, die den Krieg besiegen

Täglich begehen US-Veteranen Selbstmord: Die Sängerin Mary Gauthier hat aus ihrer Arbeit mit ehemaligen Soldaten ein Album gemacht. „Rifles & Rosary Beads“ erzählt elf bewegende Geschichten.

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Schrieb Songs mit Kriegsveteranen: Mary Gauthiers neues Album „Rifles & Rosary Beads“ erzählt zum warmen Americana-Sound Geschichten über den Krieg, der mit den Soldaten nach Hause kommt.

Quelle: Thirty Tigers

Hannover. „Was dich im Kampf rettet, kann dich zuhause umbringen“, singt die amerikanische Songwriterin Mary Gauthier. Eine elektrische Gitarre zieht hinter ihrer wehmütigen Stimme auf wie ein fernes Gewitter. Ein dunkler und wunderschöner Song. Denn was den Horizont schwarz färbt, kann die schönsten Sonnenlichteffekte ergeben. Das Lied, das Gauthiers neues Album „Rifles and Rosary Beads“ eröffnet, heißt „Soldiering On“. Eine Wortschöpfung, die das Problem von Veteranen bezeichnet, die den Kampfeinsatz daheim nicht loslassen können, die der Militärdienst und der Krieg nicht loslässt. Die 53-jährige Gauthier hat an dem gemeinnützigen US-Hilfsprojekt „Songwriting With: Soldiers“ (SW:M) mitgewirkt, das bereits vierhundert Songs hervorbrachte. Und jetzt zum ersten Mal ein richtiges Album.

Soldaten haben es schwer mit dem Zurückkehren

„Heimzukehren ist ein gewaltiger Übergang für einen Soldaten“, sagt Gauthier dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Viele kämpfen mit ihren Erlebnissen - seelischen Verletzungen, einem Schädel-Hirn-Trauma oder moralischen Dilemmas. Diese Dinge machen es ihnen schwer, in ihre Familien und ihre Gemeinschaft zurückzufinden.“ In eine Gesellschaft, die kaum noch etwas von ihrem Tun weiß, die keine offenen Arme hat, die zu beschäftigt ist für Trost und Verständnis. Die Situation ist ernst, die 55-Jährige verweist auf eine schreckliche Zahl. „22 amerikanische Soldaten begehen jeden Tag Selbstmord.“ Das US-Department for Veterans Affairs gibt als offizielle durchschnittliche Selbstmordrate unter Veteranen „nur“ 20 pro Tag an. Was dieses Sterben unter Soldaten kein Deut erträglicher macht. Jeden. Tag.

Die Dämonen kennt Gauthier aus eigenem Erleben

Gauthier war selbst nie beim Militär. So hielt sie sich, als das Angebot von „SW:M“ kam, erst einmal für fehl am Platz. Aber den Umgang mit den Dämonen, die an einem fressen, kennt die in New Orleans geborene Musikerin aus anderen Zusammenhängen. Sie war ein Waisenkind, lange alkoholsüchtig, mit 16 in der Entziehungsklinik, mit 18 im Gefängnis - eine Jugend als Ausreißerin auf der Straße. Gefragt, ob sie zunächst Angst vor den Treffen hatte, antwortet sie: „Ich war nervös, ja. Aber ich habe schnell begriffen, dass ich einfach nur dasitzen und den Geschichten der Soldaten zuhören muss.“ Am Ende war immer ein Lied da. „Wenn ein menschliches Wesen fühlt, dass es gesehen und gehört wird, und nicht in irgendeiner Weise vorverurteilt wird“, weiß Gauthier, „dann beginnt er oder sie auch zu reden.“

Elf Songs, elf anrührende Leidensgeschichten enthält „Rifles …“, verpackt in elegische, vornehmlich zeitlupenhafte Americana-Songs, in Countrymusik ohne Kitschintarsien. „The War after the War“ handelt von den Strapazen einer Beziehung mit jemandem, der aus einem Kriegsgebiet heimkehrt. „Iraq“ erzählt die Geschichte einer Armeemechanikerin, die von ihren eigenen Kameraden gedemütigt und sexuell unterdrückt wurde. Und der Titelsong schildert das Leben eines katholischen Soldaten im Kriegsgebiet, der erschüttert ist vom steten Anblick ausgebombter Schulen und Häuser, der die eine Hand an der Waffe hat, und mit den Fingern der anderen die Perlen des Rosenkranzes herunterbetet. „Spiegel erschrecken mich“, heißt es im Text, „ich erkenne den nicht, den ich darin sehe.“

„Liederschreiben war mein Rettungsboot“

Manche der versammelten Finsternisse waren nicht ohne poetische Umschreibungen in Worte zu fassen. Aber die Veteranen hätten durch die Sitzungen „posttraumatisches Wachstum“ erfahren, eine Erleichterung, Stärkung und Zufriedenheit durch die Musik. „Man kann ein Kriegstrauma überwinden“, sagt Gauthier. „Aber das glückt nur, wenn da Hoffnung ist. Und ein Lied kann Hoffnung bringen.“ Diesen Effekt kennt Gauthier aus eigener Erfahrung: „Wenn ich auf meine inzwischen zehn Alben umfassende Karriere zurückblicke, dann war das Liederschreiben mein Rettungsboot, nachdem ich vor fast 30 Jahren mit dem Trinken aufgehört hatte. Musik war mein größter Heiler.“

Auch die Arbeit an „Rifles …“ sei ein Segen für sie selbst gewesen, sinnstiftend. „Es hat meine Leidenschaft für das, was ich tue, erneuert, und mein Selbstverständnis vertieft. Lieder, die die Herzen von Menschen verbinden, sind Alchemie. Sie können etwas Schönes aus dem Biest machen“, sagt Gauthier. „Der Schreibprozess ist dabei zwar zutiefst therapeutisch, aber selbst keine Therapie, er ist das Erschaffen von Kunst.“

„Ja, ich sorge mich um sie““

Mit ihren Soldaten, die im Booklet als Co-Autoren genannt sind, steht Gauthier immer noch in Verbindung. Sorgt sie sich darum, dass sie es auf Dauer vielleicht trotzdem nicht schaffen könnten, mit dem Leben klarzukommen? „Ja, ich sorge mich um sie“, sagt sie. „Ich liebe sie. Und ich bin froh - bis jetzt geht es ihnen gut.“

Mary Gauthier: „Rifles & Rosary Beads“ (Thirty Tigers Records), erscheint am 26. Januar

Von Matthias Halbig / RND

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