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Kultur “Ich wurde traurig, als ich nicht mehr auf Tournee war“
Nachrichten Kultur “Ich wurde traurig, als ich nicht mehr auf Tournee war“
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16:01 24.06.2018
“Die Aufgabe von Sängern ist es, Optimismus zu verbreiten“, meint Nana Mouskouri. Auch mit 83 Jahren hat sich die Sängerin Begeisterung und Neugier bewahrt – und geht wieder auf Tour. Quelle: Label
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Berlin

Auf den ersten Blick erkennt man sie nicht. Denn Nana Mouskouri trägt nicht ihre markante, aus der ZDF-“Hitparade“ bekannte Sehhilfe, sondern Sonnenbrille. Als wollte sie sofort mit “Guten Morgen, Sonnenschein“ loslegen, einem ihrer bekanntesten Schlager. Der Titel erschien vor mehr als 40 Jahren auf ihrem Album “Glück ist wie ein Schmetterling“.

“Ja“, sagt die 83-Jährige beim Interview in einem Berliner Hotel, “Glück ist zerbrechlich. Aber auch tiefste Traurigkeit muss nicht von Dauer sein.“ Dies sei ihr gerade erst wieder bewusst geworden, als sie den Amy-Winehouse-Song “Love Is A Losing Game“ eingesungen hat. “Liebe ist nicht grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Es kann gut gehen“, sagt sie. “Doch Liebe ist nicht selbstverständlich. Du musst sie suchen. Du musst etwas dafür tun.“

Mouskouri gilt mit 300 Millionen verkauften Platten als die zweiterfolgreichste Musikerin nach Madonna. Gern wäre sie Opernsängerin geworden. Doch sie flog vom Konservatorium, weil sie in Jazzclubs auftrat, was bei ihren Lehrern verpönt war.

“Irgendwann wollte ich nur noch Stimme sein“

Damals, als junges Mädchen, fand sie sich selbst nicht schön, offenbarte sie mal. “Irgendwann wollte ich nur noch Stimme sein und kein Körper mehr.“ Auf der Bühne aber verschwand ihre Angst. Sie fühlte sich vom Publikum verstanden.

Ihre Zuhörer schienen das Gleiche zu suchen wie sie selbst: Anerkennung, Liebe, Sicherheit. “Ich wollte immer Lieder singen, die mich selbst beruhigen und auch die Menschen, die sie hören.“ Es ist wohl ein gegenseitiges Trösten. Ihre Stimme spiegelt ihre sanfte, zurückhaltende Art wider. Sie klingt wie etwas Gutes von früher, nach Fernweh und nach Heimweh.

Auf “Forever Young“, ihrem aktuellen Album, interpretiert sie einige Songs von Weggefährten, die sie schon in den Sechzigerjahren kennengelernt hat. Bob Dylan und Harry Belafonte zählen zu ihren Freunden. “Ich suche mir gern Lieder aus der Vergangenheit aus, weil ihnen ein bestimmter Optimismus innewohnt“, sagt sie. Denn Stücke wie “Hey Jude“, die Beatles-Hymne gegen die Angst und das Aufgeben, haben es bis ins Jetzt geschafft, sie haben gewissermaßen durchgehalten – wie Mouskouri selbst.

Schon immer mit Brille: Nana Mouskouri bei einem Auftritt in den Sechzigerjahren. Quelle: united archives

2008 schien es mal so, als würde sie aufhören. Sie verkündete ihr Karriereende und gab ihre vermeintlich letzten Konzerte in Athen am Fuße der Akropolis. Doch danach fehlten ihr die Bühne, das Unterwegssein, die Aussicht auf ein neues Album, eine Perspektive.

Sie fühlte sich niedergeschlagen, erzählt sie, und erinnerte sich an die Worte ihres Freundes Leonard Cohen. Jedes Mal, wenn er gerade ein Album fertig hatte, sagte er zu ihr: “Es gibt immer noch einen weiteren Song.“ Solange man nicht aufhört zu singen. Sie fing wieder an.

Jetzt interpretiert sie Cohens “Halleluja“. Und Dylans “Forever Young“. Den Song hatte dieser 1974 für seinen ältesten Sohn geschrieben. Es ist eine Anleitung für cooles Älterwerden. Jung bedeutet hier nicht, auf ewig rebellisch zu tun wie ein Halbstarker, sondern beweglich zu bleiben, mutig und offen für Unbekanntes – Eigenschaften, die für gewöhnlich jungen Leuten zugeschrieben werden. Mouskouri formuliert es so: “Ich wurde traurig, als ich nicht mehr auf Tournee war, denn ich lernte nichts Neues mehr.“ Sie entschloss sich dazu, weiterzumachen.

Manchmal ruft sie bei Bob Dylan an

Udo Lindenberg, den sie voller Bewunderung als Aktivisten für Frieden und Freiheit beschreibt und von dem sie “Durch die schweren Zeiten“ covert, würde es wohl “weiterzischen“ nennen. Hat sie das Gefühl, langsamer zu altern, indem sie nun wieder von Auftrittsort zu Auftrittsort zischt? “Exactly“, sagt sie. Genauso ist es. Die 83-Jährige lächelt. Ihr Lippenstift hat dieselbe Farbe wie der Rahmen ihrer Sonnenbrille. Es ist ein dunkles Rot.

Mouskouri stammt aus einer anderen Ära, sagt sie selbst, aus einer “alten Zeit“. Sie erwähnt das mehrfach, als fühlte sie sich außerirdisch fremd in der heutigen Welt der Überallerreichbarkeit, die ihr immer komplizierter vorkommt und immer aggressiver. Es überrascht nicht, dass sie das Whatsapp-Tempo nicht mitgeht.

Viele Menschen isolieren sich allein schon dadurch, dass sie unentwegt auf ihre Mobiltelefone starren, findet sie. Sie kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als das Telefon populär wurde. Zu telefonieren, dieses einstige technische Wunder, die Stimme des Gesprächspartners von irgendwoher zu hören, gefällt ihr bis heute. Manchmal ruft sie sogar bei Bob Dylan an.

Nana Quelle: Label

Mouskouri bezeichnet sich als “europäische Griechin“. Sie saß mal, von 1994 bis 1999, im Europaparlament. Als Abgeordnete in Brüssel erkannte sie jedoch, dass aus ihr niemals eine Politikerin wird. “Die Aufgabe von Politikern ist es, Probleme friedlich zu lösen. Die Aufgabe von Songschreibern ist es, Wahrheiten zu formulieren. Die Aufgabe von Sängern ist es, Optimismus zu verbreiten.“

Das versucht sie auch jetzt, in Zeiten von Spaltung und Abschottung, in denen in vielen Ländern antidemokratische Kräfte immer bedrohlicher wirken. Die Griechen haben die Demokratie erfunden, Mouskouri ist also Expertin. Was soll man tun? “Ich vertraue auf die Mehrheit der Menschen“, antwortet sie. “Dass sie bereit ist, aus der Geschichte zu lernen.“ Woran hapert es? “Wir müssen einander besser zuhören.“

Verständnis für andere aufzubringen, Trennendes zu überwinden, das scheint der Weitgereisten mühelos zu gelingen. Auch, weil sie ihre Lieder in mehreren Sprachen veröffentlicht. Ihren ersten Hit außerhalb Griechenlands landete sie ausgerechnet im Land des ehemaligen Kriegsgegners. Sie hat niemals Groll gehegt gegen die Deutschen, deren Besatzung ihre Kindheit geprägt hat.

Aufrichtigkeit ist ihr Anspruch

Ihre Erkennungsmelodie “Weiße Rosen aus Athen“ nahm sie am 4. Juli 1961 in Berlin auf, gut einen Monat, bevor die DDR mit dem Mauerbau begann. Die Deutschen lieben sie. “Sie erkannten in mir wohl eine aufrichtige, junge Frau“, vermutet Mouskouri.

Aufrichtigkeit ist ihr Anspruch. Dem will sie immer gerecht werden, Lied für Lied, Konzert für Konzert, ganz im Sinne ihres Förderers und Freundes, des griechischen Lyrikers Nikos Gatsos, der einige ihrer Liedtexte schrieb. An dessen Rat hält sie sich bis heute: “Es gibt keinen vorgezeichneten Weg. Du baust die Straße deines Lebens selbst, Schritt für Schritt, im gleichen Moment, in dem du gehst.“

Nana Mouskouri Quelle: Label

Gerade erst war sie wieder auf Konzertreise in Nordamerika, auch dort ist sie seit den Sixties ein Star. Der spätere Michael-Jackson-Produzent Quincy Jones nahm mit ihr 1962 in New York ein Jazzalbum auf. Sie tourte mit Harry Belafonte. Sie bezeichnet den Musiker und Menschenrechtler als ihren “Lehrer“, obwohl er ihr verbieten wollte, Brille zu tragen. “Kein Künstler trägt eine solche Brille auf der Bühne.“

Drei Konzerte lang fügte sie sich. Dann ging sie zu ihm: “Wenn du mich nicht so akzeptierst, wie ich bin, dann breche ich die Tour mit dir ab.“ Zumal sie auch nicht sehen konnte. Mouskouri setzte sich durch. Wer in ihr bloß eine schlichte Schlagersuse sieht, der verkennt sie.

“Ich denke die ganze Zeit an den Tod“

Wir sprechen über den Tod. “Ich denke die ganze Zeit an den Tod“, sagt sie. Seit dem Tag, an dem ihre Mutter starb. Mouskouri war damals 35. Jedes Mal, wenn ein Freund stirbt, zuletzt Leonard Cohen, fühle sie sich ein bisschen einsamer.

Früher hatte sie Angst vor dem Tod. Heute nicht mehr. Sie habe sich im Laufe der Jahre an den Gedanken gewöhnt. Sie habe gelernt, mit dem Unvermeidbarem zu leben. “Wieso musste Amy Winehouse mit 27 sterben – und nicht ich?“

Ihre Frage beantwortet sie selbst: “Bestimmte Dinge, die man nicht ändern kann, musst du akzeptieren.“ Sie glaube daran, ihre Lieben irgendwann wiederzusehen, sagt sie. “Vielleicht werden wir dann Schmetterlinge sein.“

Nana Mouskouri kommt auf ihrer “Forever Young“-Tour im Oktober und November für sechs Konzerte nach Deutschland.

Von Mathias Begalke

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