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Kultur Die „Imagine“-Offensive von John und Yoko
Nachrichten Kultur Die „Imagine“-Offensive von John und Yoko
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15:38 11.10.2018
„Die gewalttätigsten Menschen streben nach Liebe und Frieden“: John Lennon mit Yoko Ono bei den „Imagine“-Dreharbeiten in New York 1971. Quelle: Iain MacMillan ©Yoko Ono Lennon
Hannover

„Vier Typen, die die Welt erschütterten“, steht dort, wo die Beatles am Beginn ihrer Karriere 292 Konzerte spielten. Eine Skulptur mit dieser Inschrift erinnert in der Liverpooler Mathew Street an den Konzertkeller Cavern Club. Nach John Lennons Ermordung am 8. Dezember 1980 hat man zwei Strophen aus dem unsterblichen „Imagine“, seinem bekanntesten Song, hinzugefügt.

Am 9. Oktober wäre der Musiker und Friedensaktivist 78 Jahre alt geworden. Für Yoko Ono, seine Witwe, ist auch dieser unrunde Geburtstag ein passender Anlass, um Lennon nachfolgenden Generationen zu empfehlen. Die gleichsam idealistische wie geschäftstüchtige 85-Jährige hat mit Plattenfirma und Buchverlag eine wahre „Imagine“-Offensive gestartet. Das Boxset „Imagine – The Ultimate Collection“ und das Buch „Imagine John Yoko – Mit Beiträgen von allen, die dabei waren“ erlauben ein tiefes Eintauchen in die Partnerschaft der beiden, die Entstehung des Liedes und die Aufnahmen des gleichnamigen Albums im Jahr 1971.

„You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one“: John und Yoko 1971 auf ihrem Anwesen Tittenhurst Park. Quelle: Iain MacMillan © Yoko Ono Lennon

Die Revolution war vorbei, der „Summer of Love“ nur eine fiese Finte. 1968 hatten kommunistische Panzer den Prager Frühling plattgemacht. In Paris hatten die Mächtigen die Studenten niederknüppeln lassen. In Memphis war der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen worden. In Vietnam tobte noch immer ein Stellvertreterkrieg.

Mit „Imagine“ schrieb Lennon allen Gleichgesinnten eine Hymne. „You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one.“ Imagine, stell dir vor, es gäbe keine Religionen, keine Grenzen, keine Gier … Naiv klang das schon damals, doch der Songwriter ließ sich nicht beirren und hatte mit der Avantgarde-Künstlerin Yoko Ono eine Seelenverwandte an seiner Seite. Sie war seine Muse. Ihr Buch „Grapefruit“ hatte ihn zu „Imagine“ inspiriert. „In seinem Denken war er fast so etwas wie ein sehr scharfsinniger Priester, der an Güte, Gerechtigkeit und Freiheit für alle glaubt, mit viel Humor dazu“, schreibt sie über ihn.

„Imagine“ war nach „John Lennon/Plastic Ono Band“ Lennons zweites Soloalbum nach der Beatles-Trennung. „Die Beatles hatten mich zur Marionette gemacht“, sagt er in einem im Buch abgedruckten Interview. Einerseits versuchte er, sich von seiner Ex-Band loszureißen, indem er Paul McCartney mit dem garstigen Blues „How Do You Sleep?“ attackierte. Andererseits huldigte er seinem ehemaligen Songwriterpartner mit mehreren Paul-typischen Pianoballaden und gab Beatles-Fans so das Album, nach dem sie sich sehnten; keine experimentellen Soundcollagen, wie er sie noch zu Beatles-Zeiten mit seiner Frau produziert hatte, sondern Songs, die in ihrer Machart an „Let It Be“ erinnerten.

„Vier Typen, die die Welt erschütterten“: Die Skulptur des Künstlers Arthur Dooley an einer Hauswand in der Liverpooler Mathew Street erinnert an den Konzertkeller Cavern Club. Nach John Lennons Tod wurden zwei Strophen von „Imagine“ hinzugefügt. Quelle: Sven Diestelhorst

Lennon, das wissen wir, war der Nowhere Man und das Walross, er schien eine Zeit lang nur aus Haaren und Brille zu bestehen, hatte Ärger mit dem FBI wegen der Drogen und der Black Panther. Er war der Prototyp des prominenten Musikers, der sich für idealistische Ziele einsetzt. Dass er ein eifersüchtiger, besitzergreifender Typ war, der gegen Männer kämpfte und Frauen schlug, ist dagegen weniger bekannt.

„Ich bin ein gewalttätiger Mann, der gelernt hat, nicht gewalttätig zu sein“, offenbarte er in einem Interview aus dem Jahr 1980. „Die gewalttätigsten Menschen streben nach Liebe und Frieden.“

Diese Aussagen, die Yoko Ono im Buch dem Kapitel „Jealous Guy“ zugeordnet hat, suggerieren, dass Lennon Friedens- und Freiheitslieder wie „Happy Xmas (War Is Over)“ und „Power to the People“ nur schreiben konnte, weil er ein geläuterter Schläger war. Auch diese beiden großen Nicht-Album-Singles enthält das Boxset. Zusammen mit dem Buch zeichnet es ein differenziertes Porträt eines Künstlers, der Tage im Bett verbrachte, um gegen Krieg zu protestieren, und doch eigentlich immer bloß inneren Frieden suchte.

„Imagine“-Offensive: Das Buch „Imagine John Yoko“ zeigt 1300, zum Teil noch nicht veröffentlichte Fotos, das Boxset „Imagine – The Ultimate Collection“ bietet die Songs des in der soundpolierten Albumfassung, als akustische Demos und Übungsraumversionen. Quelle: Edel Books, Universal Music

„Imagine“ ist heute ein zwiespältiges Lied. Für die einen ist es nur noch eine Floskel, ein Schlager, auf dem so viel herumgetrampelt wurde, wie auf dem „Imagine“-Mosaik im New Yorker Central Park, gleich gegenüber dem Dakota Building, wo John und Yoko gelebt haben und vor dem er erschossen wurde.

Für andere ist „Imagine“ mit jedem Krieg mehr, aber spätestens am 11. September 2001 zur Hymne aller Hoffnungslosen geworden. Denn Lennons Utopie lässt die Wirklichkeit noch schlimmer erscheinen. Die spukhafte Version von Antony and the Johnsons, eine von vielen Interpretationen, drückt dieses Gefühl sehr gut aus. Sie ist nur noch ein Selbstgespräch. Antony singt „mir“ statt „uns“. Ein Kunstgriff: „No hell below me, above me only sky.“ Irgendwo bellt noch ein Hund. Sonst ist niemand mehr da.

Für viele wiederum hat das Lied überhaupt nicht an Kraft verloren, für sie scheint es jetzt, in Zeiten der Angstmacher und der Spaltung, sogar eine gewisse heilende Wirkung zu haben. „Wir brauchen es heute mehr denn je. Es ist ein Choral für nicht religiöse Menschen, der alles auf den Punkt bringt“, meint etwa Lennons frühere Sekretärin Diana Robertson, die im Buch zu Wort kommt.

So sieht es auch Joan Baez. Die Ikone des gewaltfreien Protests und Woodstock-Heldin bezeichnet sich selbst als Realistin, nicht als Optimistin oder Idealistin, singt aber trotzdem bei jedem Konzert „Imagine“. Wie passt das zusammen? Weil der Song Menschen verbindet, weil sie ihn mitsingen, sagt die 77-Jährige. „Das Lied ist ansteckend.“

Info: John Lennon: „Imagine – The Ultimate Collection“, verschiedene Formate, Universal Music / „Imagine John Yoko – Mit Beiträgen von allen, die dabei Waren“, 320 Seiten, Edel Books.

Von Mathias Begalke/RND

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