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Kultur „Ich weiß nicht, ob ich in den Ballon gestiegen wäre“
Nachrichten Kultur „Ich weiß nicht, ob ich in den Ballon gestiegen wäre“
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15:40 20.09.2018
Da geht’s lang: Michael Bully Herbig bei den Dreharbeiten zu „Ballon“. Quelle: Studiocanal/Marco Nagel
Hannover

Was Michael Bully Herbig am Tag des Mauerfalls gemacht hat, weiß er nicht mehr – nur, dass er gerade seinen Wehrdienst ableistete: „Jedenfalls hat uns niemand bei der Bundeswehr vors Fernsehgerät gezerrt und uns auf die Dimension dieses historischen Glücksfalls aufmerksam gemacht“, sagte er mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Herr Herbig, haben Sie schon mal irgendwo in Berlin gestanden und darüber sinniert, wo genau wohl die Mauer verlaufen ist?

Es gibt ja noch Ecken, an denen man sehr genau die Überbleibsel dieses unseligen Bauwerks erkennt - am Brandenburger Tor zum Beispiel. Jüngere Generationen dürften sich heute allerdings gar nicht mehr vorstellen können, was das bedeutet hat, wenn sich eine Mauer durch ein Land oder gar durch eine Stadt zog.

Welche Rolle hat die DDR im Leben des waschechten Müncheners Herbig gespielt?

Eigentlich gar keine. Ich bin 1968 geboren und mit einer allein erziehenden Mutter aufgewachsen - in einer Zeit, in der diese Familienkonstellation nicht unbedingt salonfähig war. Wir zwei mussten erst mal unseren eigenen Alltag bewältigen. Für mich war dieses andere Deutschland hinter der Mauer einfach da. Ich habe es als Kind nicht in Frage gestellt.

Wissen Sie noch, wo Sie am 9. November 1989 waren, als sich die Grenze öffnete?

Ich war Wehrdienstleistender. Mehr kann ich Ihnen gar nicht sagen. Jedenfalls hat uns niemand bei der Bundeswehr vors Fernsehgerät gezerrt und uns auf die Dimension dieses historischen Glücksfalls aufmerksam gemacht.

In Ihrem Kinothriller „Ballon“ erzählen Sie von zwei vierköpfigen Familien, die 1979 in einem selbstgebauten Heißluftballon in den Westen flüchteten. Die Geschichte ist wahr: Wie kommen Eltern dazu, so ein Wagnis mit ihren Kindern einzugehen?

Günter Wetzel und Peter Strelzyk haben mir gesagt, dass sie sich der Gefahr gar nicht recht bewusst gewesen sind. Sie schauten in dieser Nacht 2000 Meter in die Tiefe und sahen nur Dunkelheit. Sie wussten für sich keinen anderen Ausweg. Sie fühlten sich in der DDR bedroht, bedrängt. Sie wollten ein besseres Leben für ihre Kinder. Beide Mütter haben mir aber erzählt, dass sie auch noch Jahre später Albträume hatten.

Ob die Familien auch in den wackeligen Ballon gestiegen wären, wenn sie gewusst hätten, dass ein Jahrzehnt später die Mauer fällt?

Das habe ich sie auch gefragt, und die Antwort lautete: Auf jeden Fall, denn wir lebten zehn Jahre mehr in der Freiheit. Jemand wie ich, der das Glück hatte, im Westen aufgewachsen zu sein, kann dieses Gefühl wahrscheinlich gar nicht wirklich nachvollziehen.

Hätten Sie selbst versucht, die DDR zu verlassen?

Letztlich ist das eine hypothetische Frage. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob ich den Mut gehabt hätte, in diesen Ballon zu steigen. Und natürlich hängt die Antwort immer von der eigenen Sozialisation ab. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass ich irgendwie versucht hätte, der DDR den Rücken zu kehren.

Sind die beiden Familien in Ihren Augen Helden?

Ich glaube nicht, dass sie sich je als Helden gesehen haben. Sie wollten ein selbstbestimmtes Leben und raus aus dem Zwangssystem DDR. Bei meinen Gesprächen hat Peter Strelzyk, einer der beiden Väter, immer wieder gesagt: „Für einen politischen Witz bist du drei Jahre in den Knast gegangen.“ Mir ging das nahe: Beruflich habe ich mein halbes Leben lang Witze gerissen.

Was haben die Familien reagiert, als ihnen klar wurde, dass ausgerechnet ein Komiker aus München ihre Geschichte verfilmen will?

Ich habe vorsichtig vorgefühlt, damit sie sich nicht wundern, wenn ein gewisser Bully plötzlich vor der Tür steht. Dann bin ich nach Pößneck in Thüringen gefahren. Die Familie Strelzyk ist ja nach der Wende wieder in jenes Haus zurückgezogen, in dem sie einst im Keller jahrelang die Ballons genäht hatten. Ich glaube, die Strelzyks wie auch die Wetzels haben schnell verstanden, dass ich es ehrlich mit ihnen meine.

Warum wollten Sie eine Fluchtgeschichte aus einem untergangenen Staat erzählen?

Diese Geschichte ist wie geschaffen für einen Thriller. Diese Dramatik kann man sich nicht besser ausdenken, und wir konnten auch gar nicht alles im Drehbuch unterbringen. Zum Beispiel: Tatsächlich haben die Familien insgesamt drei Ballons genäht - der erste flog nicht. Im Film steigen wir mit der missglückten Flucht im zweiten Ballon ein, der wurde in der Realität bereits eine Woche nach dem Absturz von einem Pilzsammler gefunden - aber nicht gemeldet, weil der Mann sich dort im Sperrgebiet nicht hätte aufhalten dürfen. So gewannen die Familien zwei Wochen Zeit. Ohne diesen Vorsprung hätten sie es wahrscheinlich nicht geschafft, die Schlinge der Stasi zog sich jeden Tag enger zu.

Über Flüchtlinge wird heute ganz anders geredet als damals: Steckt eine politische Botschaft in Ihrem Film?

Als ich mit dem Projekt vor sieben Jahren loslegte, war das nicht meine Idee. Aber mir ist nicht entgangen, dass sich da gruselige Parallelen auftun. Die Beweggründe einer Flucht sind oft ähnlich, egal ob einer damals aus dem einen deutschen Staat in den anderen flüchtete oder heute jemand das rettende Europa erreichen will. Zuallererst wollte ich einen unterhaltsamen Thriller inszenieren. Aber wenn jemand nun ins Grübeln kommt, was das Thema Flucht bedeutet, dann habe ich nichts dagegen.

Einer Ihrer Hauptdarsteller, Thomas Kretschmann, ist 1983 selbst aus der DDR geflüchtet: War er Ihr Gewährsmann am Drehort?

Wir hatten historische Berater am Set, die darauf geachtet haben, dass alle Details hieb- und stichfest sind. Thomas konnte mir immer wieder bestätigen, dass alles stimmt. Abends war er manchmal fix und fertig, weil die Dreharbeiten in ihm so viele Erinnerungen wieder aufgewühlt hatten.

Ist es richtig, dass die DDR-Verfolger die Familien später sogar noch im Westen drangsaliert haben?

Es gibt da Geschichten, dass die Stasi einen Mitarbeiter in das von Herrn Strelzyk eröffnete Elektrogeschäft geschleust hat. Es hat dort wohl auch mal gebrannt. Aber so genau bin ich da nicht eingestiegen, das war nicht mein Thema. Für die DDR-Führung war diese in den Medien gefeierte Flucht jedenfalls ein Albtraum, und sie haben gewiss alles daran gesetzt, den Familien die Freiheit zu versauen.

Die beiden Familien waren vereint im Ballon, haben sich aber später im Westen schnell zerstritten: Ist das nicht die eigentliche Tragödie?

Tatsächlich hatten die Familien über Jahre nicht miteinander gesprochen. Aber wissen Sie, was das Tolle ist? Bei der Premiere von „Ballon“ haben sie zusammen auf dem roten Teppich gestanden und dann gemeinsam unter stehenden Ovationen die Kinobühne betreten. Dass ein Film so etwas schafft, hat mich tief berührt.

Michael Bully Herbig ..

… ist Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Bekannt wurde der gebürtige Münchener mit der Comedyshow „Bullyparade“, der er 2017 einen Kinofilm folgen ließ. Die Komödien „Der Schuh des Manitu“ (2001) und „(T)Raumschiff Surprise“ (2004) machten den heute 50-Jähigen zu einem der erfolgreichsten Filmemacher Deutschlands. Herbigs Kinofilm „Ballon“ läuft am 27. September an. Erstmal hat er nichts Witziges inszeniert, sondern ein Thriller über eine spektakuläre Fluch zweier Familien 1979 aus der DDR – eine wahre Geschichte.

Von Stefan Stosch / RND

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