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Kultur Maxim Gorki war kein Sturmvogel der Revolution
Nachrichten Kultur Maxim Gorki war kein Sturmvogel der Revolution
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14:17 28.03.2018
Mit großer Skepsis betrachtete Maxim Gorki die Pläne der Bolschewisten, seine Landsleute in die Rolle von Erneuerern der Zivilisation zu drängen. Quelle: dpa
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Hannover

„Nachtasyl“ hieß das 1902 uraufgeführte Theaterstück, dem Gorki seinen Durchbruch verdankte. Lew Tolstoi attestierte ihm nach einem Gespräch über das pessimistische Drama: „Sie wissen ziemlich viel vom Leben; mehr brauchen Sie nicht zu wissen“. Das sahen seine westeuropäischen Verehrer ebenso. Anatole France jubelte: „Gorki gehört nicht nur Russland, sondern der ganzen Welt!“

Gorki war ein Pseudonym und bedeutete „der Bittere“. Alexej Maximowitsch Peschkow wählte es als Symbol für die während der Kindheit und Jugend erlittenen Härten. Stefan Zweig notierte bewundernd: „Mit diesem seinem selbstgeschaffenen Namen grüßt ihn dankbar die geistige Welt und alles, was sich wahrhaft als Volk fühlt unter den Völkern, weil seine Bitternis heilkräftig geworden ist für ein ganzes Geschlecht, seine Stimme worttragend für eine ganze Nation und seine Erscheinung ein Glück und eine Gnade unserer geistigen Gegenwart.“

Das Regime brachte den Schriftsteller zum Schweigen

Stalins Regime feierte Gorki euphorisch als „Sturmvogel der Revolution“, doch der norwegische Slawist Geir Kjetsaa kippte 1996 diesen Mythos. Bei Recherchen in Archiven entdeckte er, dass der Autor die Machtübernahme durch die Bolschewisten lange rigoros ablehnte.

Scharfzüngig geißelte der Künstler in geharnischten Artikeln führende Köpfe der Partei. Lenin verkörperte für ihn einen „Schurken“ und „zügellosen Despoten“, ja sogar eine „denkende Guillotine“. Anfangs trotzte Gorki den Drohungen aus dem Lager seiner Widersacher, aber dann brachte ihn die autokratische Führung der Sowjetunion Schritt für Schritt zum Schweigen. Von Depressionen geplagt, emigrierte er deshalb 1921 nach Italien. Laut offiziellen Verlautbarungen begab er sich zum Zwecke einer Kur auf die Insel Capri, um seine stark gefährdete Gesundheit zu stabilisieren.

Gorki erregte den Argwohn der Hardliner

Früh hatte der Schriftsteller vor den Folgen des 1918 ausgerufenen „Kriegskommunismus“ gewarnt. Mit großer Skepsis betrachtete er die Pläne, seine Landsleute in die Rolle von Erneuerern der Zivilisation zu drängen.

Sie erinnerten ihn an die „schwächsten und ungeübtesten Kämpfer“, die sich „plötzlich an der Spitze der Nationen im Endkampf für den Triumph der Gerechtigkeit“ fanden: „Gestern noch betrachtete die Welt sie als Halbwilde, und heute marschieren sie, fast verhungert zum Sieg oder zum Tod.“

Aber seine Texte erweckten noch aus einem anderen Grund Argwohn und Unbehagen bei linken Hardlinern: In ihnen offenbarte sich eine Frömmigkeit, die geradezu ins Auge stach. Diesen Aspekt hebt auch die Literaturwissenschaftlerin Christa Ebert im Nachwort zu einem jetzt publizierten Querschnitt von Meistererzählungen des Querulanten hervor: „Religiöse Motive sind in fast allen Werken Gorkis zu finden, in den Erzählungen bilden sie häufig den einzigen, zumeist jedoch nur schwach ausgeprägten moralischen Halt der Figuren.“ Gorki selbst beteuerte: „Für das Proletariat sind die Zeiten vorüber, wo Glaube und Wissen sich widersprachen wie Lüge und Wahrheit.“

Der Dichter ließ sich von der Propaganda einspannen

Die von der Lektorin Marlies Juhnke mit Fingerspitzengefühl ausgewählten 17 Prosastücke, die mehrheitlich aus den 1890er Jahren stammen, gehören gestalterisch zum Besten, was der Dichter schuf. Sie unterstreichen, was Nina Gourfinkel betonte: „Gorkis Sozialismus kam nie über eine primitive Phase hinaus: Es war Liebe zum Menschen, Vertrauen zum Menschen, eine Menschlichkeit, die seinem Christentum sehr nahe stand“. Wer die Novellen liest, begreift schwerlich, weshalb man den Verfasser als Vater des sozialistischen Realismus etikettierte.

Im Alter ließ Gorki sich für Propagandazwecke missbrauchen. Als er 1928 erstmals wieder aus dem Exil in seine Heimat zurückkehrte, korrumpierte ihn ein glänzender Empfang. Die Regierung dekorierte ihn mit Orden, berief ihn in Komitees und Akademien. Den Höhepunkt erreichte die Farce mit der Inszenierung eines Festaktes in Nischni Nowgorod: Die Geburtsstadt des Autors an der Wolga wurde in Gorki umbenannt. Diese Art der Heiligsprechung des Autors diente dazu, Diskussionen über seine strittigen politischen Anschauungen zu unterbinden.

Lesetipp: Maxim Gorki: Jahrmarkt in Holtwa. Meistererzählungen. Aufbau-Verlag, 288 S., 24 Euro

Von Ulf Heise/RND

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