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Festival

Alain Platels „Out of Context – for Pina“ beim Tanztheater International

Wahnsinn mit Methode: Für Alain Platels Choreographie „Out of Context – for Pina“ gab es beim Tanztheater International in der Orangerie in Herrenhausen viel Beifall.

Die Produkte der Firma Sennheiser zeichnen sich durch erfreuliche Solidität aus. Man kann viel mit ihnen anstellen. Man kann so ein Mikrofon zum Beispiel auf den Boden fallen lassen, herumschleudern, oder man kann es sich tief in den Mund schieben und dann anfangen, hässliche Geräusche zu machen. Die Akteure von Alain Platels Compagnie „les ballets C de la B“ probieren all dieses aus. Wie sie überhaupt vieles mal auszuprobieren scheinen. Ihr Tanz, mit dem die 25. Ausgabe des erfolgreichen Festival „Tanztheater International“ jetzt zu Ende ging, ist gewagt. Denn Platels Thema bei dieser Arbeit ist der Wahnsinn. Und der hat in seiner Choreographie Methode: Seine neun Tänzer gucken debil, ziehen den Mund schief, stapfen trampelig herum, storchen durch die Gegend, summen und brummen, verknoten sich selbst mit ihren Gliedmaßen, geben wunderliche Geräusche von sich, brüllen herum, winden sich, grimassieren, reiben sich aneinander, machen sich zum Affen. Platel spielt mit dem Bewegungsrepertoire der Psychiatrie: Hospitalismus und Spastiken aller Art zeigt er auf. Schön ist das nicht. Jedenfalls nicht immer. Aber der Choreograph verfügt über etwas, das im zeitgenössischen Tanztheater jeden Anflug von Kritik immer gleich zum Schweigen bringt: ein durchtrainiertes, hochpräzis agierendes, sehr athletisches Ensemble. Man tanzt in Unterwäsche und zeigt schöne Körper. Dass die Bewegungen zuweilen hässlich sind, stört nicht weiter. Hauptsache sie sind ausgefallen und synchron.

Aber gelingt es dem belgischen Choreographen wirklich mit den gesunden Körpern vom kranken Geist zu erzählen? Die Tragik bleibt merkwürdig fern. Gezeigt werden Zwangshandlungen, aber nicht das Leiden dahinter und daran.

Nach der Hälfte der sehr lange 90 Minuten dauernden Aufführung überwölbt ein stampfender Vierviertelrhythmus die Kakophonie der Wahngeräusche aus der Anstalt. Man stimmt Hits an, wie sie auf N-Joy zu hören sind und tanzt dazu in zackigen Bewegungen, die am Ende wie ein Marsch aussehen. Von der geschlossenen Abteilung geht es direkt in die Disco und weiter zur Love-Parade. Sicher, die populäre Musik voin heute ist stumpf und dumm, und man sollte das auch kritisieren, aber diese Verbindung zur Psychiatrie wirkt dann doch wie ein Kurzschluss.

Alain Platel geht gern dahin, wo es weh tut. Vor einigen Jahren war er schon einmal in Hannover zu Gast: Bei den Theaterformen zeigte er „Allemaal Indiaan“, eine beklemmende Vorstadttristesse. Die Jungs trugen Lederjacken, die Mädchen Leggings. Alles war heruntergekommen und billig – aber eben auch sehr poetisch. Diese Poesie des Abseitigen aber fehlt „Out of Context – for Pina“– das trotzdem bei den Tanzkritikern sehr gut ankam. Sie wählten die Choreografie in der Umfrage der Zeitschrift „Tanz“ vor kurzem zur Produktion des Jahres.

Und auch die Zuschauer in der Orangerie waren sehr angetan: viel Beifall. Gejubelt wurde oft an den elf Abenden dieser Jubiläumsausgabe von Tanztheater international. Die Zuschauer strömten nur so in die Vorstellungen; Festivalleiterin Christiane Winter nannte am Freitag die Platzausnutzung: 93 Prozent. Einen Termin für die nächste Ausgabe von Tanztheater international gibt es auch schon: Vom 1. Bis zum 10. September 2011. Nur die Finanzierung ist noch nicht gesichert. Aber das kennt man ja. Auch dieser Wahnsinn hat Methode.

[Ronald Meyer-Arlt]

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