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Atelierrundgang

13. Zinnober-Kunstvolkslauf in Hannover

Lauf mit Hindernis: 40 hannoversche Atelierhäuser, Galerien und Kunsträume haben an diesem Wochenende zum 13. Zinnober-Kunstvolkslauf eingeladen.
Mauerschau in der Eisfabrik.

Mauerschau in der Eisfabrik.

© Christian Burkert

„Die Schwelle möglichst niedrig halten“ – so lautete lange Zeit das Kunstcredo. Der kleine, aber ehrgeizige hub:kunst.diskurs-Verein, der sich speziell der Kunst im öffentlichen Raum und der Kunstvermittlung widmet, hält jetzt dagegen: Am Zinnober-Wochenende, an dem rund 40 Atelierhäuser, Galerien und Kunsträume zum Kunstvolkslauf einluden, legte der Verein die Schwelle hoch, sehr hoch. Eine rund zweieinhalb Meter hohe Holzwand mussten Besucher überwinden, um in die Blaue Halle der Eisfabrik zu gelangen.

Dahinter fiel der Blick auf eine weitere Barriere. Und dahinter sitzt noch vier Wochen lang, umgeben von dicken Theoriewälzern (zu „Guerilla Art“, „Subversive Action“ und philosophischen Theorien), der eigenwillige Hamburger „Handlungskünstler“ Jan Holtmann. Er nutzt den Raum als „noroomgallery“, lebt und arbeitet dort, und freut sich auf Besucher.

Zur Handlungskunst zählen Werke von Thomas Hirschhorn, Jonathan Meese oder Christoph Schlingensief. Holtmann nutzt den Arbeitsaufenthalt in Hannover, um zu ergründen, wie sich Kunsthandlungen archivieren lassen. Wenig Sympathie hat der Absolvent der Hamburger Kunstakademie für „Museumskunst“ oder „White-Cube-Kunst“. Da ginge es immer bloß um Form, Farbe, Textur, Licht, nicht um echte Anliegen.

Typische White-Cube-Kunst, höchst exquisite vom amerikanischen Action Painter und abstrakten Expressionisten Sam Francis (1923–1994), bietet die Galerie Koch – und das Publikum drängte sich am Sonnabend bei der Eröffnung mit Sektempfang. Die Eröffnungsrede hielt Kristin Schrader, Kuratorin der Kestnergesellschaft. Besondere Aufmerksamkeit erheischt ein getropftes Selbstporträt von 1974. Die Sam-Francis-Ausstellung läuft bis 9. Oktober in der Galerie Koch, Königstraße 50.

Der Düsseldorfer Malerfürst Markus Lüpertz empfiehlt sich in der Nord/LB art gallery (Friedrichswall 10) bis 24. Oktober mit Zeichnungen irgendwo zwischen wildem Genie und Altem Meister. Am Wochenende kam noch ein weiterer Einfluss dazu: Draußen gab es eine Schlagerparade. Während das Publikum Lüpertz Totenschädel, Weltkriegshelme und Putti betrachtete, dröhnte von der Straße „Zicke zacke“ herein. Der Künstler Hannes Malte Mahler hatte in seinem feinkunstraum den Altmeister Timm Ulrichs zu Gast: In den Kellerräumen von Mahlers Atelier- und Showroom zeigte Ulrichs ein „Underground“-Filmprogramm, bestehend aus typischen Schulfilmen. Man sah Erbsen keimen, Bienen ausschwärmen und Würmer im Watt wuseln. Die betont sachlichen Erzählstimmen aus den Lehrfilmen überlagerten einander: ein surreales Vergnügen.

Die Galerie Holbein4 (Holbeinstraße 4) lud am Zinnober-Wochenende zum Künstlergespräch mit dem Hamburger Fashionfotografen und Künstler Carsten Witte ein. Er zeigt bis 1. Oktober schlanke, ranke Modells mit täuschend echt wirkenden Schmetterlingsflügeln – dank Fotocollage. Die Frauen erscheinen aufgespießt wie Insekten in naturkundlichen Sammlungen. Fotografie mache genau das, erklärte Witte, „Sie hält Schönheit für die Ewigkeit fest, aber als etwas Totes“. Der von der Stadt Hannover veranstaltete Zinnober-Kunstvolkslauf war wieder abwechslungsreich. Anneke Schepke vom Kulturbüro meldete am Sonntagabend 13.200 Besuche.

Und in das zum Kunstvolkslauf erfolgreich gestartete digitale Künstlernetzwerk der HAZ haben sich bereits mehr als 60 Künstler eingetragen.

Jan Holtmann ist bis 3. Oktober in der Eisfabrik, Seilerstraße 15d, zu erleben, freitags und sonnabends 18 bis 20 Uhr, sonntags 15 bis 18 Uhr. Donnerstag-Veranstaltungen unter www.kunst-diskurs.de.

[Johanna Di Blasi]

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