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Kultur Jörg Gollasch: „Ich male hier mit dem breiten Pinsel“
Nachrichten Kultur Jörg Gollasch: „Ich male hier mit dem breiten Pinsel“
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16:02 25.06.2018
Keine fein ziselierten Sachen: Bei Open-Air-Inszenierungen wie dem Hersfelder „Peer Gynt“ „muss die Musik einen großen Schub verleihen“, weiß der Theaterkomponist und -musiker Jörg Gollasch. Quelle: Moritz Haase

Sie haben die Musik zum Bad Hersfelder Festspielauftakt „Peer Gynt“ geschrieben - wieso eigentlich? Zu dem Stück gibt es doch schon Musiken.

Unser Intendant Joern Hinkel wird immer wieder angerufen und gefragt, ob wir denn die originale Musik von Peer Gynt benutzen, die Edvard Grieg für eine Theateraufführung von Henrik Ibsen geschrieben hat. Ibsen sagte damals, diese Musik könne er nicht benutzen, dazu könne man kein Theater mehr spielen, die erzähle schon alles. Für die Hersfelder Inszenierung von Robert Schuster, die eine sehr moderne ist, habe ich eine neue Musik geschaffen, aber mit Erinnerungsrückblicken auf Grieg und auf die Stilistik dieser Musik.

Ist Komponieren für Open-Air-Aufführungen anders als für das Theater?

Ich mache nun zum sechsten Mal Musik für Open-Airs – zweimal war ich in Worms, vier Jahre in Hersfeld. Es gibt unter freiem Himmel große szenische Momente, wo die Musik richtig aufblühen darf. Hier wird Musik dazu benutzt, einen Raum zu definieren. Bei Open-Airs gibt es zahllose Nebengeräusche: Man hört Autos vorbeifahren, man hört die Leute außerhalb des Spielortes reden, man hört Vögel zwitschern. Man muss als Komponist also mehr vorgeben, damit diese Geräuschkulisse nicht vom Wesentlichen ablenkt. Der Musiktheoretiker Diether de la Motte sagte mal, Oper sei für ihn der „breite Pinsel“. Und mit dem „male“ ich hier in Bad Hersfeld. Im Hamburger Schauspielhaus arbeitet man mit sehr feinen ziselierten Sachen, wo mal ein einziger Geigenton aufsteigt aus der Stille – und große Wirkung erzeugt. So etwas kann man hier draußen völlig vergessen.

Wie zeitgemäß ist die Geschichte dieses Lügners und Träumers Gynt, der die Welt erobert und sich selbst verliert, denn heute noch?

Die Zerstreuungsmöglichkeiten sind heute so groß, dass es unendliche Anstrengungen kostet, sich zu fokussieren und sich nicht zu verlieren. Wir stellen im Stück Bezüge zum Internet her, das uns heute die Möglichkeit gibt, als jemand aufzutreten, der wir gar nicht sind. Nimmt man das alles weg – was bleibt dann noch übrig? Ibsen beantwortet diese Frage mit dem berühmten Zwiebelmonolog. Gynt ist auf der Suche nach sich, aber am Ende allen Sich-Schälens ist da kein Kern.

War der „Peer Gynt“ sowieso für Hersfeld geplant, oder wurde er erst ins Programm genommen, als Intendant Dieter Wedel ging und sein Schiller-Reboot „Karlos Komplott“ wegfiel?

Letzteres. Es gab ja tatsächlich vorher keinen Plan B. Längere Zeit war nach Dieter Wedels Rücktritt nicht klar, wie es weitergeht, dann wurde Robert Schuster als Regisseur berufen. Ich kenne ihn seit der Jahrtausendwende, arbeite seit Mitte der Nullerjahre mit ihm zusammen. Er stellt sich solchen Herausforderungen ganz wunderbar.

Keine leichte Aufgabe...

Er musste innerhalb von zwei, drei Monaten seine Sichtweise der Geschichte finden, seine Fassung schreiben. Und er musste damit zurechtkommen, dass die Schauspieler ja für Wedels „Karlos-Komplott“ gecastet waren. Wie verteilt man die auf ein völlig anderes Stück? Robert hat’s geschafft, er hat ein unglaublich tolles Ensemble daraus geformt, die Stimmung ist gut, alle sind mit Volldampf dabei.

Wedels Rücktritt wegen früherer vermeintlicher Übergriffe und Schikane erfolgte auf halbem Weg zum Festival. War da erstmal die Moral flöten und – wenn der Glamour des großen Namens fehlt – auch das Publikumsinteresse?

Kann ich nicht genau sagen. Ich war in Berlin und habe an meinen Sachen gearbeitet, habe die Zeitung aufgeschlagen und davon gelesen. Ich vermute aber schon, dass das erstmal zu totaler Hektik geführt hat. Ein Intendant leitet ja sehr intensiv auf allen Ebenen, da geht es dann auch auf allen Ebenen erst mal nicht weiter. Ich finde aber, dass man mit Joern Hinkel genau den richtigen Nachfolger gefunden hat. Der ist in die Materie hier in Hersfeld eingeweiht, hat einen ganz wunderbaren Führungsstil und macht das ganz großartig. Er war ja schon ganz lange Dieter Wedels rechte Hand in Worms.

Wie haben Sie selbst die Zusammenarbeit mit Dieter Wedel empfunden?

Er ist als Regisseur halt jemand, der sich einer Sache total verschreibt. Mein Eindruck ist, dass die Festspiele von ihm und seiner Intendanz unglaublich profitiert haben. Allein auf technischer Ebene war es ein Sprung von 30, 40 Jahren, der hier in den vergangenen vier Jahren gemacht wurde. Wedel hat wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt. Zu den Vorwürfen kann ich nichts sagen, die stammen aus einer Zeit, lange bevor ich mit ihm zusammen gearbeitet habe.

Warum hat Joern Hinkel nicht einfach auch die „Karlos“-Regie übernommen?

Dieter Wedel hatte angekündigt, das Drama sehr stark umzuschreiben. Ich vermute mal, dass man solch ein stark von Wedels Autorenschaft geprägtes Stück, nicht einfach übernehmen oder weitergeben wollte. Auch bei Wedels „Luther“ im letzten Jahr war für mich kein anderer Regisseur vorstellbar. Außerdem: Es ist schwierig, wenn man die Intendanz übernimmt und alles an allen Seiten lichterloh brennt, in der Kürze der Zeit auch noch so eine Rieseninszenierung zu stemmen.

Wie kamen Sie als Komponist mit der plötzlichen Programmänderung klar?

Es ist beim Theater anders, prozesshafter als beim Film, wo der Komponist oft erst einsteigt, wenn der Film fertig ist. Ich schreibe für jede Inszenierung zunächst mehrere Musiken, die unterschiedliche Temperamente abdecken. Auf der Probe im Theater entwickeln sich dann noch so viele unvorhersehbare Dinge, dass diese Stücke großen Schwankungen unterworfen sind. Das Problem mit „Peer Gynt“ war, dass Robert Schuster mit seiner Interpretationsarbeit zu einem Zeitpunkt angefangen hat, zu dem ich normalerweise die ersten Stücke schreibe. Ich habe trotzdem losgelegt, einiges war dann eben nicht benutzbar. Überhaupt wurden viele Entscheidungen, die sonst viel früher feststehen, erst auf der Probe getroffen. Die Fassung des Stücks wurde zwei Tage vor Probenbeginn fertig. Es war für alle Beteiligten das anderthalbfache Pensum (lacht).

Gibt es ein Orchester?

Wir haben uns aus Zeitgründen dagegen entschieden. Das ist zum einen schade, weil es natürlich toll ist, Musikern an der Hersfelder Ruine beim Live-Musizieren zuzusehen. Aber so konnte ich viel viel schneller arbeiten. Ich denke mir was aus und produziere das am Computer mit meinen Instrumenten – ohne Übergabe an Musiker. Es ist ja doch sehr sehr viel Musik im Stück.

Woran liegt das?

Beim Berliner Ensemble etwa ist die Bühne 15 Meter breit. Der Schauspieler ist binnen einer Sekunde vom Off an der Rampe. In Hersfeld sind es 60 Meter. Bis jemand in der Bühnenmitte ankommt, vergeht schon etwas Zeit (lacht. Da muss die Musik einen großen Schub verleihen. Entfernung macht Musik an diesem großartigen Ort.

Wie inspirieren Sie sich? Sitzen Sie zu Hause übers Piano gebeugt, gehen Sie in der Natur spazieren, oder sinnieren Sie vor der Ruine?

Diese Ruine ist überwältigend, wie der Kölner Dom ohne Dach. Man steht davor und fragt sich, wer hier wohl alles vor tausend Jahren gebetet hat. Wenn ich an die Musik für Bad Hersfeld denke, habe ich immer dieses Gebäude vor Augen. Ich arbeite nur hier so, wie ich gerade arbeite.

Wie läuft jetzt die Schlussphase? Herrscht Nervosität?

Klar. Für alle ist es ein großes Wagnis. Vorher hat man in der kleinen Halle geprobt, jetzt steht man auf der Riesenbühne, vieles muss noch korrigiert werden. Es sind nur noch ein paar Tage. Und viele Leute aus der Kulturszene schauen auf diese Inszenierung.

Nach Wedels Rücktritt wurde medial lange nur noch über den Fall Wedel geredet. Hat das dem Festival geschadet?

Ich komme ja nur als Gast zu den Proben. Die kommerzielle Entwicklung kenne ich nicht und möchte das auch nicht wissen, weil ich immer schlecht schlafe, falls die Nachrichten schlecht sind. In den Proben spielt das Thema Wedel aber keine Rolle. Allen ist klar, dass wir ohne seine Übernahme der Intendanz vor vier Jahren nicht hier arbeiten würden. In meinem Umfeld und in den Anfragen von außen geht es aber inzwischen meist um „Peer Gynt“ und nicht um die #MeToo-Debatte.

Filmmusik, Oper, Operette und Musical bekommen ihre Tonträger. Theatermusik nicht, die vergeht einfach. Ist das nicht frustrierend für Sie?

Jein. Ich mache ja auch Filmmusik und Hörspiel. Und es ist schon schön, wenn man dann ein Ergebnis in der Hand hat. Aber das ist ja auch das Tolle am Theater: In dem Moment, wo man drin ist, gibt es das, und ist das Stück aus dem Programm, gibt es das nicht mehr. Ich mache das jetzt seit 20 Jahren. Man gewöhnt sich an die Vergänglichkeit.

Jörg Gollasch

Jörg Gollasch, geboren 1967 in Peine, ist ein Theater-, Hörspiel- und Filmkomponist. Er studierte Angewandte Kulturwissenschaften in Hildesheim und ging 1997 nach Berlin. An der Baracke am Deutschen Theater und später an der Schaubühne arbeitete er als Komponist und musikalischer Leiter. Seit 2002 ist er freier Komponist, Arrangeur und Produzent an verschiedenen Theatern (Burgtheater Wien, Schauspielhaus Zürich, Schauspielhaus Hamburg, Berliner Ensemble, Deutsches Theater Berlin, Kammerspiele München, Residenztheater München, Schauspielhaus Bochum, etc.). Er arbeitete mit Regisseuren wie Claus Peymann, Tom Kühnel, Karin Henkel. Haken Savas Mican zusammen. Von 2013 bis 2017 war er auch als Komponist für die Inszenierungen von Dieter Wedel bei den Wormser und Bad Hersfelder Festspielen tätig. Auch für die 68. Bad Hersfelder Festspiele war er mit der Musik für Dieter Wedels Schiller-Adaption „Karlos-Komplott“ beauftragt. Nach Wedels Rücktritt im Januar dieses Jahres wurde er als Komponist für Robert Schusters „Peer Gynt“ berufen, mit dem die Festspiele am 6. Juli eröffnen.

Die 68. Bad Hersfelder Festspiele

Mit einer Aufführung von Ibsens „Peer Gynt“ werden Anfang Juli die 68. Bad Hersfelder Festspiele eröffnet. Zur Eröffnungspremiere am 6. Juli wird viel Prominenz erwartet. Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hält vor der Premiere eine Festrede. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) wird die Festspiele danach offiziell eröffnen. Sie dauern bis zum 2. September, auf dem Programm stehen unter anderem die historische Komödie „Shakespeare in Love“ und das Hippie-Musical „Hair“. Am 3. September findet als „Nachklapp“ ein Konzert der Band Die Prinzen statt. Der komplette Festival-Spielplan samt Ticketinformationen ist zu finden unter

https://www.bad-hersfelder-festspiele.de/

„Peer Gynt“

In dem Stück, das Henrik Ibsen 1867 als dramatisches Gedicht verfasste, versucht der Titelheld mit Lügengeschichten der Realität zu entfliehen und träumt sich in eine bessere Welt hinein. Er führt ein ausschweifendes, exzentrisches Leben und kommt erst zur Besinnung, als er bestohlen und von allen verlassen in seine Heimat zurückkehrt. Hier findet er mit Solveig, die er vor Jahren bei einem Tanz verzaubert hatte, seinen Frieden. In der Bad Hersfelder „Peer Gynt“-Inszenierung des Regisseurs Robert Schuster werden unter anderen Christian Nickel, Corinna Pohlmann, Nina Petri, Andreas Schmidt-Schaller, Pierre Sanoussi-Bliss, Anouschka Renzi, Claude-Oliver Rudolph und Andre Hennicke auftreten.

Von Matthias Halbig / RND

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