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Kultur „Ich hatte keine Sprache“: Zum Tod des Schriftstellers Aharon Appelfeld
Nachrichten Kultur „Ich hatte keine Sprache“: Zum Tod des Schriftstellers Aharon Appelfeld
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17:00 04.01.2018
Der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld 2008 auf der Frankfurter Buchmesse. Quelle: dpa
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Jerusalem

Er schrieb über den Holocaust, ohne ihn zu beschreiben. Das Grauen wird transformiert, entsteigt dem Untergrund seiner Texte. In der Nacht zum Donnerstag ist Aharon Appelfeld, einer der produktivsten und angesehensten Schriftsteller Israels, im Alter von 85 Jahren gestorben. Dies bestätigte seine Familie in Jerusalem.

Wie Paul Celan geboren im Schmelztigel der Bukowina – in Jadowa, im heutigen Rumänien – muss Erwin Appelfeld, so sein Geburtsname, mit acht Jahren zusehen, wie nazitreue Rumänen seine Mutter erschießen. Anschließend wird er mit seinem Vater in ein Zwangsarbeitslager im eroberten Transnistrien verschleppt, wo er 1941 vom Vater getrennt wird. Es gelingt ihm zu fliehen, er versteckt sich in Wäldern, arbeitet später auf rumänischen Bauernhöfen. Nach einer mehrjährigen Odyssee gelangt er nach Israel. Da ist er 13. „Ich konnte Deutsch, Rumänisch, Polnisch, Jiddisch und Französisch, aber ich hatte keine Sprache“, sagte er 2002 der LVZ bei einem Besuch in Leipzig. „Hebräisch wurde für mich die adoptierte Muttersprache. Sie ist sehr faktisch, ohne Ornamente. Man verwendet nur wenige Adjektive, schreibt kurze Sätze, wie in der Bibel. So baut sie dein Denken und deine Poetik.“ Die Liebe zur deutschen Sprache blieb ihm jedoch erhalten. „Ich bin in gewisser Weise ein mitteleuropäischer Schriftsteller“, sagte er. „Meine Helden sprechen eigentlich Deutsch, obwohl die Bücher auf Hebräisch verfasst sind.“

1954 trifft er den totgeglaubten Vater wieder

Fast ein Jahrzehnt nach dem Krieg trifft Appelfeld den totgeglaubten Vater wieder – 1954 in einem Aufnahmezentrum, wo dieser bei der Ernte eingesetzt wurde. Der Vater war einen Monat zuvor aus Wien nach Israel eingewandert. „Er hat mich wiedererkannt, ich ihn nicht“, berichtete Appelfeld.

Das jüdische Leben vor dem Holocaust und Erinnerungen an seine Kindheit in Osteuropa – das war das Thema in vielen seiner Romane. Über die Grausamkeiten der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten äußerte er sich dagegen wenig. „Das sind nur Leichen, Leichen, Leichen, Tod, Tod“, sagte. „Das ist ein einziges Grauen, das man nicht beschreiben kann.“

Seine Anfänge als junger Autor seien nicht leicht gewesen: „In den 40ern und 50ern wollte man eine neue Gesellschaft aufbauen mit einem Juden, der kein Schwächling, sondern ein Herkules war. Man wollte nicht mehr an den Holocaust denken, geschweige denn jemals wieder in eine solche Situation geraten. Für meine Geschichten, die genau damit zu tun hatten, war kein Raum. Aber das hat sich sehr schnell geändert. Wir wurden eine Immigrantengesellschaft.“

Appelfeld hat mehr als 40 Bücher geschrieben. Sie wurden in 35 Sprachen übersetzt, darunter viele auch ins Deutsche. Der Schriftsteller erhielt mehrere Auszeichnungen für seine Werke, unter anderem 1983 den Israel-Preis, der als höchste Ehrung des Staates Israel gilt, und mehrmals den National Jewish Book Award (USA). Viele seiner Bücher erschienen beim Rowohlt-Verlag, darunter „Tzili“, „Zeit der Wunder“ und „Ein Mädchen nicht von dieser Welt“. In „Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen“ erzählte Appelfeld von der Geschichte eines jungen Flüchtlings, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Palästina gelangt, sich einer Gruppe Zionisten anschließt, für seine neue Heimat kämpft, aber in seinen Träumen nie den Kontakt zu der Welt verliert, die er hinter sich lassen musste. Der Roman „Bis der Tag anbricht“ handelt von einer jungen Frau, die nicht zuletzt durch äußere Umstände zu einer Mörderin wird. Die Geschichte spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Österreich-Ungarn.

„Wenn das Kultur ist, müssen wir über Kultur nachdenken“

Er habe zwar ein „ambivalentes Verhältnis“ zum Deutschen, könne aber trotz seiner schweren Geschichte keine Wut empfinden, erklärte er. Eine tiefe Wunde blieb Zeit seines Lebens. 2002 sagte er: „Die Juden – nicht nur die in Deutschland – waren sehr deutsch. Bei uns zu Hause war ,deutsch’ mehr als eine Sprache, es war eine Kultur, ja eine Religion. Und aus dieser Kultur sollten nun diese bösen Geister stammen? Umso größer war das Entsetzen, es hat die Struktur des Denkens geändert, bedeutete eine schreckliche Revolution: Wenn diese Musik zu dieser Kultur gehört, müssen wir über Musik nachdenken. Wenn diese Literatur zu dieser Kultur gehört, müssen wir über Literatur nachdenken. Wenn das Kultur ist, müssen wir über Kultur nachdenken.“

Von Jürgen Kleindienst und Stefanie Järkel

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