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13:28 16.03.2018
Asne Seierstad.  Quelle: dpa
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Leipzig

Zwei Freundinnen, die sich im Angesicht des Todes aneinanderklammern. Ein Mädchen, das mit der Jacke ihres angehenden Freundes um die Schultern zurückbleibt, während er angeschossen in die Tiefe stürzt. Endlose Minuten des Versteckens, des Lauschens auf die nahenden Schritte von Anders Behring Breivik. So beginnt das Buch „Einer von uns: Die Geschichte eines Massenmörders“ von Åsne Seierstad. Die 48-Jährige wird dafür am 14. März mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Die Norwegerin beschreibt die Hintergründe der Anschläge 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya, bei denen 77 Menschen ums Leben kamen. Seierstad ist am Donnerstag zudem zu Gast in der Autorenarena der „Leipziger Volkszeitung“, das Gespräch können Sie hier im Livestream verfolgen.

Prominente Autoren im Livestream

Asne Seierstad gehört während der Leipziger Buchmesse zu den Gästen in der Autorenarena der „Leipziger Volkszeitung“. Die Höhepunkte können Sie hier im Livestream verfolgen. Seierstad spricht hier am Donnerstag um 14 Uhr über ihre Arbeit. Ebenfalls am Donnerstag, bereits um 13 Uhr, wird Bernhard Schlink – bekannt durch seinen Welterfolg „Der Vorleser“ – mit seinem Roman „Olga“ zu Gast sein. Er beschreibt darin die Geschichte der Liebe zwischen einer Frau, die gegen die Vorurteile ihrer Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpft, und einem Mann, der sich mit afrikanischen und arktischen Eskapaden an die Träume seiner Zeit von Größe und Macht verliert. Bis Sonntag sind Gespräche mit weiteren Promis im Livestream zu verfolgen, unter anderem mit Peer Steinbrück, Gregor Gysi, Sebastian Fitzek und Felicitas Hoppe.

Ein monströses Verbrechen als Vorbild für einen Psychothriller? Schon bei der diesjährigen Berlinale gab es anlässlich eines Utøya-Films Diskussionen darüber, ob die Wirklichkeit für Gänsehautunterhaltung herhalten sollte. Seierstads Buch wird als Mischung aus Psychogramm und True Crime vermarktet. In diesem Genre, das sich an wahren Verbrechen orientiert, ist auch Sebastian Fitzek unterwegs. Seierstads eigener Begriff für ihre Arbeitsweise ist da treffender: literarischer Journalismus. Sie verbindet den Stil von Romanen mit der Rechercheweise einer Dokumentation. Im Nachwort beschreibt sie minuziös ihr Vorgehen: Jeder Moment auf der Insel ist entweder durch Aussagen von Überlebenden oder durch Breiviks eigene Prozessaussagen belegt.

Seierstad machte sich zuvor als Krisenberichterstatterin einen Namen, in ihren Sachbüchern „Der Buchhändler aus Kabul“ (2002) oder „Angel of Grozny“ (2007) erzählt sie die Familiengeschichte eines afghanischen Literaturliebhabers beziehungsweise das Leben von Kindern in den Ruinen Tschetscheniens. Schon mit 23 Jahren, direkt nach dem Abschluss ihres Slawistikstudiums an der Universität Oslo, wird sie Korrespondentin in Moskau. In „Einer von uns“ widmet sich die Autorin das erste Mal ihrem Heimatland. Im Nachwort des Buches heißt es: „Mein Heimatland war ein Rückzugsort, es war kein Ort, über den ich schrieb. Es war gewissermaßen unbekanntes Territorium.“ Zunächst verfasste sie nur einen Auftragsartikel für die „Newsweek“, dann verfolgte sie den Prozess gegen Breivik. Die Briefe, die der Mörder ihr aus der Haft schrieb und in denen er sie als Verkünderin seiner Botschaften anzuwerben versuchte, sind unheimlich in ihrer Monstrosität. Doch die Autorin lässt den Leser nicht im Bann des Verbrechens zurück, hinterfragt ihre eigene Arbeit stets moralisch.

Der Titel „Einer von uns“ zeugt vom Trauma liberaler Norweger

„Einer von uns“ – der Titel zeugt von dem Trauma der liberalen Norweger, dass einer aus ihrer Mitte zum Massenmörder wurde. Seierstad macht das Unverständliche ein bisschen greifbarer. Auch in ihrem jüngsten Buch untersucht die Autorin die Psychologie des Terrors. Der Titel „Zwei Schwestern. Im Bann des Dschihad“ klingt wie eine antike Tragödie, und ebenso tragisch ist die Geschichte. Zwei Teenagerinnen somalischer Herkunft verabschieden sich eines Morgens von ihrer Familie, um sich von Norwegen aus dem IS anzuschließen. Der Leser rätselt mit den Eltern, wie es dazu kommen konnte: Ayan und Leila hatten sich doch immer so schön an die Regel gehalten, bei jedem Verlassen des Hauses um Erlaubnis zu fragen. Gut, dass mit der Verschleierung hatten sie zuletzt ziemlich übertrieben, aber wie konnten die Kleinen zu Radikalen werden? Diesmal stand Seierstad vor der Herausforderung, dass die Protagonistinnen selbst nicht auf ihre Interviewanfragen reagierten. Als Quelle dienten ihr neben der Familie lediglich die oft erschreckend naiven Botschaften der Mädchen an die Zurückgelassenen: „Think pink  Bruder, es gibt ja noch Skype“, schreibt eine Schwester dem Bruder per Whatsapp, als die beiden gerade festgestellt haben, dass sie sich wohl niemals wieder leibhaftig wiedersehen werden. Es sind diese lapidar über soziale Netzwerke und Messenger-Dienste geteilten Kryptobotschaften aus dem Herzen des Terrors, die den Leser fassungslos zurücklassen.

Der Vater reist ihnen hinterher, will sie zurückholen. Wie Liam Neeson in der Hollywoodreihe „Taken“ kämpft er um seine Familie, gerät dabei in Gefangenschaft und wird gefoltert. „Nicht ohne meine Töchter“ lautet eine der Kapitelüberschriften, und das Buch wirkt tatsächlich wie eine Neuauflage von Betty Mahmoodys Klassiker. Mit dem Unterschied, dass die Kinder hier gar nicht gerettet werden wollen und sich freiwillig in die Unfreiheit begeben. Eine der Töchter schreibt später an die Familie, sie wünsche sich, ihr Ehemann würde sich eine Zweitfrau nehmen, damit noch mehr zukünftige „Gotteskrieger“ geboren werden.

Das Buch gibt Einblicke in das wenig bekannte Alltagsleben im IS

Nebenbei gibt „Zwei Schwestern“ kurze Einblicke in das wenig bekannte Alltagsleben im „Islamischen Staat“. Wie die Frauen Riesentöpfe mit Essen für die Krieger kochen, wie die Kinder statt Sport „Dschihadistentraining“ als Schulfach haben, wie verzweifelte Eltern auf dem Schwarzmarkt Unsummen für Informationen über ihre vom IS rekrutierten Kinder bezahlen. Das Buch zeigt auch, wie unvorbereitet die Behörden auf die Herausforderung inländischer Terroranwärter sind: Die norwegischen Schwestern hatten bei ihrem Zwischenstopp in der Türkei mit ihrem echten Namen im Hotel eingecheckt, der Bruder hatte über das Handy ihren Aufenthaltsort herausbekommen. Doch die Polizei regte sich erst am nächsten Morgen, als es zu spät war.

Beiden Büchern gemein ist, dass sie bei allen literarischen Elementen im Grunde nicht die Dramaturgie von belletristischen Werken haben. Da läuft die Handlung einfach aus, werden einige Passagen ausgewalzt und andere – wegen mauer Quellenlage – nur angerissen. Die Texte wirken dadurch irgendwie unfertig, wie ein nicht überarbeitetes Meisterwerk. Und das ist auch gut so, denn es ruft dem Leser in Erinnerung, dass er hier eben nicht das Drehbuch für den nächsten Hollywood-Actionschinken vor sich hat, sondern ein Sachbuch

Von Nina May/RND

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