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Kultur Hannah Arendts Essay über Freiheit, Befreiung und Revolution
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12:37 31.01.2018
Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Soziologin Hannah Arendt (1906-1975). Quelle: dpa
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Leipzig

Hannah Arendt raucht. Günter Gaus auch. „Zur Person“ heißt die Sendung, und Arendt ist 1964 der erste weibliche Gast. Sie spricht über Philosophie, Nationalsozialismus, Emigration, den Holocaust, das Schreiben als Teil des Verstehensprozesses. Das einstündige TV-Gespräch wird zum Fest des Denkens wie auch der geschliffenen Sätze. Und derzeit ist es ein YouTube-Hit – was als Phänomen wahrgenommen wird und doch einleuchtet. Denn die Faszination, die davon ausgeht, mag einer Ästhetik geschuldet sein – vor allem aber beeindruckt jedes einzelne Wort der deutsch-amerikanischen Soziologin, Politologin und Historikerin.

Das lässt sich nun auch in einem rund 40 Seiten umfassenden Text nachvollziehen, der erstmals auf Deutsch vorliegt. „Die Freiheit, frei zu sein“ ist Mitte der 60er entstanden und vom Verlag mit einem Nachwort versehen, in dem der in München lehrende Philosoph Thomas Meyer auf die Entstehungsgeschichte des Textes eingeht, auf Arendts Denkwege und die Brisanz der Überlegungen für die heutige Zeit.

Das Volk wird sichtbar

Vor allem stellt er den Bezug des Titels (die Formulierung taucht in der Mitte des Essays auf) auf ein Zitat her, das von Henry David Thoreau (1817–1862) stammt, aus dessen „Leben ohne Prinzipien“. Darin fragt der US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph: „Was bedeutet es, frei geboren zu sein, aber nicht frei zu leben? Welchen Wert hat politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel ist für moralische Freiheit? Ist es die Freiheit, Sklave zu sein, oder die Freiheit, frei zu sein, auf die wir stolz sind?“

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer. dtv; 64 Seiten, 8 Euro Quelle: dtv

Thoreau argumentiert, dass der Amerikaner sich in seinem Unabhängigkeitskampf „von einem politischen Tyrannen befreit hat“, doch immer noch „der Sklave eines ökonomischen und eines moralischen Tyrannen“ ist, zwar frei von König George, aber „weiterhin Sklave von König Vorurteil“. Darum „wird es Zeit, dass man sich um die res privata – den Zustand des Einzelnen – kümmert“. Dem widmet 100 Jahre später auch Hannah Arendt ihre Aufmerksamkeit, wenn sie zwischen Befreiung und Freiheit unterscheidet und schreibt, dass die Befreiung der Menschen die Befreiung aus dem Elend, von Not und Zwang sein müsse, damit sie frei wirklich sein können. Sie geht dabei aus von den beiden großen Revolutionen des 18. Jahrhunderts, in Frankreich und in Amerika.

Letztere verdanke ihren Erfolg „zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven in den Kolonien der Neuen Welt“, weshalb sie die Existenz der Elenden übersah und damit „die beachtliche Aufgabe aus dem Blick verlor, diejenigen zu befreien, die weniger durch politische Unterdrückung als durch die einfachsten Grundbedürfnisse des Lebens“ gefesselt waren. Diese Revolution blieb eine „lokale Angelegenheit“. Als in Frankreich 1789 zum ersten Mal das Volk auf der Straße sichtbar wurde, stellte sich heraus, „dass nicht nur die Freiheit, sondern auch die Freiheit, frei zu sein, stets nur das Privileg weniger gewesen war“. Die Französische Revolution war für Arendt das Vorspiel, entscheidend für alle weiteren, ein Wendepunkt in der Weltgeschichte.

Die Autorin erinnert daran, dass „die Überwindung der Armut eine Voraussetzung für die Begründung der Freiheit ist“ und „die Befreiung von der Armut etwas anderes als die Befreiung von politischer Unterdrückung“. Während der Begriff „Revolution“ eine „radikale Veränderung erfuhr, passierte mit dem Wort ,Freiheit’ etwas ganz Ähnliches, allerdings viel Komplizierteres“

Aufgeladen und ausgehöhlt

Freiheit ist ein übergroßes Wort. Sie steht auf Transparenten, ist als Forderung so bedeutend wie als Fakt. Und genauso falsch verstanden kann sie sein, ein leeres Versprechen, ein nicht nur aufgeladener, sondern auch ausgehöhlter Begriff. Hierzulande ist lieber von Selbstbestimmung die Rede, Gleichheit oder Gerechtigkeit.

So groß, wie Freiheit sich in der New Yorker Statue und als Parole der französischen Republik zeigt, so groß und gleichzeitig nicht verhandelbar bleibt sie – in all ihren Facetten – in der Realität. Sie ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert und im Grundgesetzt der Bundesrepublik. „Für das Wort und die Freiheit“ wirbt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, „Mut zur Freiheit“ forderte zum 25. Jahrestag des Mauerfalls ein Schriftzug am Brandenburger Tor. Kein Parteiprogramm kommt ohne dieses Wort aus, als Grundwert definiert. Und gern gekoppelt an Sicherheit.

Der Einzelne wird vernachlässigt

Es bleibt die Frage nach dem Einzelnen. In der DDR habe in Folge der Friedlichen Revolution von 1989 der vermeintliche Vorrang des Ökonomischen jedweden möglichen „Stolz“ des „Neuanfangs“ in die Nüchternheit von Zahlen und Zwecken überführt, konstatiert Thomas Meyer im Nachwort. Und wurde so zur von Arendt analysierten negativen Freiheit, da „lediglich in Abgrenzung von den überkommenen Machtverhältnissen definiert“.

Das Rosa-Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ hatte im Januar 1988 zu Verhaftungen und erstern Straßenprotesten geführt, im Herbst 1989 war Freiheit eine der Forderungen. Einheit eine andere. „Wie es den Einzelnen ging, das ist nicht gefragt worden“, sagt Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping.

Die Auseinandersetzung damit ist ebenso dringlich wie die mit deutschen Waffenlieferungen oder die mit den Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsmigranten zu unterscheiden. Wir können, beschließt Hannah Arendt ihren Essay, „so befürchte ich, allenfalls darauf hoffen, dass die Freiheit in einem politischen Sinn nicht wieder für Gott weiß wie viele Jahrhunderte von dieser Erde verschwindet.

Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Wirthensohn. Nachwort von Thomas Meyer. dtv; 64 Seiten, 8 Euro

Von Janina Fleischer

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