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Kultur Haben Sie ein Faible für Außenseiterinnen?
Nachrichten Kultur Haben Sie ein Faible für Außenseiterinnen?
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20:24 26.01.2018
Von Simbabwe nach London, von der Finanzjournalistin zur Bestsellerautorin: Paula Hawkins wurde mit “Girl on the Train“ zum Star. Quelle: Ulrich Baumgarten
Berlin

Sie haben mit dem Thriller “Girl on the Train“ einen Weltbestseller geschrieben. Darin geht es um eine Frau, die jeden Tag pendelt und durch das Zugfenster die Leben der anderen beobachtet. Sie haben einmal gesagt, in dieser Figur der Rachel stecke viel von Ihnen selbst. Inwiefern?

Als ich Ende der Achtziger nach London zog, verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit als Pendlerin. Ich hatte vorher ja in Simbabwe gelebt. In London kannte ich niemanden und war ziemlich einsam: genauso wie das Mädchen im Zug. Die Linie, mit der ich gefahren bin, hatte zudem immerzu technische Probleme. Der Zug kam also oft zum Halten, und so schaute ich aus dem Fenster. Die Häuser waren ganz eng an den Gleisen gebaut, man konnte also direkt in die Wohnzimmer schauen. Ich habe immer gehofft, dabei irgendetwas Spannendes zu beobachten, es passierte jedoch überhaupt nichts Interessantes. Die Erfahrung hat dennoch meine Fantasie beflügelt. Da ist dieses Gefühl der Vertrautheit, man hat beinahe das Gefühl, die Menschen hinter den Fenstern zu kennen. Wie Rachel träumte ich mich in ihr Leben hinein, stellte mir auch vor, wie es wäre, in ihren Wohnungen zu leben. Das Zugfahren war für mich damals etwas ganz Neues. Das Pendeln verstärkte das Gefühl, ganz allein zu sein, eine Außenseiterin.

Und heutzutage, da Sie eine erfolgreiche Autorin sind: Gibt es dennoch Momente, in denen dieses Gefühl zurückkommt?

Ja, durchaus. Ich glaube, die meisten Schriftsteller teilen diese Grundhaltung, ein wenig neben der Spur zu sein. Man beobachtet lieber aus der Distanz – wie Journalisten im Übrigen auch. Ich glaube, für einen Autor ist es natürlicher, sich am Rande aufzuhalten, als im Herzen des Geschehens. Ohnehin bin ich nicht so berühmt, dass ich auf der Straße erkannt werde. Mein Privatleben ist also immer noch sehr privat.

Hat das auch Vorteile?

Das hängt vom Charakter ab. Ich mag es lieber familiär. Ich habe zwar viele Freunde, aber ich genieße es auch, für mich zu sein. Einfach dazusitzen, auf meine Umgebung zu horchen, Menschen zu beobachten und sich Geschichten zu ihnen auszudenken. Dieser Prozess ist für mich grundlegend fürs Autorsein. Also ja, das Außenseiterdasein hat Vorteile. Ich muss nicht immer im Zentrum des Interesses stehen.

Wie war das in Ihrer Jugend? Gehörten Sie zur coolen Clique oder eher zu den Nerds?

Ich war ziemlich beliebt und hatte viele Freunde. Aber ich war auch eine sehr disziplinierte Schülerin, wollte gute Noten bekommen, um zu studieren und Journalistin oder Anwältin zu werden. Meine beste Freundin, die im Haus gegenüber wohnte, war wunderschön. Jeder wollte mit ihr befreundet sein. Also war ich eher diejenige, die den Zugang zu den Coolen verschaffte, gehörte aber nicht selbst dazu. Weil meine Freundin so eine tolle Frau war, durfte ich immerhin zu den angesagten Partys kommen.

Sie sind in Simbabwe aufgewachsen. In einem Artikel für Oxfam beschreiben Sie den überwältigenden Eindruck von Armut, sobald Sie das Viertel der Weißen verließen. Verbanden Sie damit Schuldgefühle?

Als Kind kannte ich nichts anderes. Doch als ich heranwuchs, realisierte ich immer mehr, was da vor sich ging. Als Teenager wuchs die Abneigung dagegen, von einem System zu profitieren, das andere benachteiligte. Das ist auch einer der Gründe dafür, dass ich erleichtert war, nach London zu gehen, an einen Ort, wo die Abneigung gegen Rassismus geradezu zelebriert wird. Auch, wenn ich gleichzeitig traurig war, mein Heimatland und meine Familie zu verlassen. Ich bin mit dieser Vergangenheit bis heute nicht im Reinen.

In Ihrem zweiten Thriller “Into the Water“ gibt es auch eine Figur, die fremd in der Stadt ist: die Kommissarin Erin. Bei ihren Ermittlungen bemerkt sie all diese jahrzehntelang schwelenden Konflikte der Kleinstadt, ist selbst aber nicht von dort. Haben Sie auch als Autorin ein Faible für Außenseiterinnen?

Ich finde, sie bringen eine interessante Perspektive mit, weil sie mit frischem Blick auf Dinge schauen. Erin kommt in dieses klaustrophobische Dorf, in dem jeder alles von seinen Nachbarn weiß. Sie selbst muss ihre Geheimnisse erst noch ergründen und hat damit die Position des Lesers. Sie hilft auf diese Weise bei der Navigation durch die Geschichte.

In beiden Thrillern haben Sie eine sehr ungewöhnliche Erzählhaltung: In „Girl on the Train“ ist das diese labile und alkoholsüchtige Frau, deren Ansichten der Leser nicht trauen kann, in “Into the Water“ schildern Sie das Geschehen aus vielen verschiedenen Perspektiven. Wissen Sie schon, wie das beim nächsten Buch sein wird?

Ich bin da noch in der Planungsphase. Bitte entschuldigen Sie die vage Antwort. Ich bin noch dabei herauszufinden, wie ich diese Geschichte erzähle. Es wird aber wieder ein Psychothriller sein. Das Buch wird sich um die Nachwirkungen eines schrecklichen Verbrechens drehen, und es werden wieder Frauen im Zentrum stehen.

Die Vielzahl an weiblichen Figuren fällt in der Tat auf. Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Ja, absolut. Ich glaube auch, dass meine Romane feministisch sind. Ich nehme mir das nicht vor: “So, jetzt schreibe ich einen feministischen Roman.“ Aber ich hoffe dennoch, dass meine Haltung in den Geschichten zum Ausdruck kommt.

Worin äußert sie sich sonst noch?

In meinen Wahlentscheidungen oder in der Auswahl meiner Lektüre. Ich denke sehr viel über Feminismus nach, das beeinflusst meinen Alltag sehr.

Sie haben jahrelang als Finanzjournalistin gearbeitet, übrigens wie Ihre Schriftstellerkollegin Sophie Kinsella. Inwiefern wirkt sich diese Erfahrung auf Ihre literarische Arbeit aus?

Ich habe da viele nützliche Dinge gelernt: die Abgabe von Texten innerhalb einer Frist, die Fähigkeit, den Kern einer Geschichte zu erkennen, Schreiben an sich. Also solche Dinge wie: “Streiche alle Adjektive“. Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenn man Interviews führt, dann denkt man immer gleich mit, was die Gesprächspartner vor einem verschweigen. Man lernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Dieser Instinkt kommt auch dem Romanschreiber zugute. Oft ist das, was die Menschen nicht sagen, ja viel interessanter als das, was sie sagen.

“Girl on the Train“ ist Ihr erster großer Erfolg und Ihr erster Spannungsroman, aber Sie haben ja auch davor schon geschrieben. Von diesen Romanen hört man wenig. Weshalb?

Es stimmt, ich habe vorher schon vier Romane unter dem Pseudonym Amy Silver geschrieben. Dazu wurde ich beauftragt: Jemand anders hatte die Idee für diese romantischen Komödien, und ein Verlag fragte meine Agentur, ob ich die Romane ausformulieren könnte. Es war in Ordnung, aber ich habe mich in diesem Genre nie zu Hause gefühlt. Ein Nachteil war, dass ich nicht besonders witzig bin, da fängt es schon an. Ich bin auch kein Mensch, der Happy Ends mag oder auch nur daran glaubt, dass sie möglich sind. Geschichten über die Suche nach dem Traumprinzen haben sicher ihre Berechtigung, aber sie berühren mich persönlich nicht. Meine Romane wurden zusehends düsterer. Irgendwann realisierte ich, dass ich da zwei Dinge gleichzeitig wollte, die nicht zusammenpassen. Also beschloss ich, es unter meinem eigenen Namen zu versuchen.

Stimmt es, dass Sie sich dafür Geld von Ihrem Vater leihen mussten?

Ja. Der letzte Roman war kein großer Erfolg. Um mich ganz aufs Schreiben konzentrieren zu können, brauchte ich ein Startkapital, um diese Idee in mir niederzuschreiben. Ein Jahr lang bin ich kaum ausgegangen, habe nur an meinem Manuskript gesessen. Aber ich habe meinem Vater längst alles zurückgezahlt.

Zur Person: Paula Hawkins

Beim Interview im Hinterzimmer eines schicken Londoner Cafés wirkt Paula Hawkins dezidiert britisch: Wie sie distinguiert den Tee trinkt, mit prononcierten Bewegungen und einer gewissen royalen Kühle. Dabei lebte die 45-Jährige bis 1989 in der Hauptstadt von Simbabwe, die während ihrer Kindheit noch Salisbury (heute Harare) hieß und eine britische Provinz war.

Als ihr Vater, ein Akademiker, im Jahr 1989 eine wissenschaftliche Auszeit nahm, zog die damals 17-jährige Hawkins nach London, wo sie bis heute lebt. Nach eigener Aussage gefällt ihr dort das regnerische Wetter. Nachdem sie ihre Familie bis 1998 an Weihnachten in der Ferne besucht hatte, war sie mehrere Jahre lang nicht in ihrer alten Heimat. Erst 2017 kehrte sie zurück, um für die Hilfsorganisation Oxfam einen Artikel über ihre “Heimkehr“ zu schreiben. Darin berichtet sie davon, wie prägend der Eindruck von Armut und eigener Privilegiertheit als Teil der weißen Oberschicht für sie war.

Hawkins arbeitete 15 Jahre lang als Finanzjournalistin – wie auch ihr Vater –, bevor sie mit dem Schreiben von Büchern begann. Ab 2009 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Amy Silver romantische Komödien, von denen bislang drei auch ins Deutsche übersetzt wurden. Sie ähneln von Stil und Themensetzung jenen der britischen Autorin Sophie Kinsella. Der erste Band trägt den Titel “Confessions of a Recessionista“, wobei Recessionista eine Frau ist, die aus der Wirtschaftskrise einen Modestil ableitet. Zudem ist Hawkins Autorin des Finanzratgebers “The Money Goddess“ (Die Geldgöttin).

Ihr erster Spannungsroman “Girl on the Train“ wurde 2015 zu einem internationalen Phänomen: übersetzt in mehr als 40 Sprachen, mehr als 18 Millionen Mal verkauft und schon ein Jahr nach dem Erscheinen mit Emily Blunt verfilmt. Zu dem Thema Alkoholismus – die Hauptfigur ertränkt ihre Sorgen mit Schnaps – hat sich die Autorin nach eigener Aussage von den trunksüchtigen Briten inspirieren lassen.

Für ihren jüngsten Thriller namens “Into the Water“ brauchte die Autorin drei Jahre. Auch dieses Mal beeindruckt die Frau mit den auffälligen grünen Augen mit einer Sprache, die so klar ist wie der Fluss jenes kleinen britischen Provinzdorfes, das Selbstmörderinnen, Hexen und Mörder magisch anzieht.

Die Dramaturgie aus verschiedenen – meist weiblichen – Perspektiven macht den Roman bis zuletzt spannend. “Drowning Pool“, so wird der Teil eines Flusses genannt, der immer wieder weibliche Opfer fordert. Das Schicksal einer Reihe von Frauen ist eng verknüpft mit diesem Gewässer: Da ist Jules, die den Hilferuf ihrer Schwester auf dem Anrufbeantworter ignorierte und sich nun für ihren Tod verantwortlich führt. Da ist Lena, ihre Nichte, die selbst in Gefahr gerät. Und da ist Erin, die Kommissarin, die als Fremde in den Ort kommt und versucht, den Bann des Drowning Pool zu brechen. Alle Frauen erzählen in dem Roman „Into the Water“ von ihrer spezifischen Warte aus von den rätselhaften Todesfällen.

Wieder ist es der Britin Paula Hawkins gelungen, eine ganz spezifische Perspektive zu finden: Das war schon bei “Girl on the Train“ so, ihrem Überraschungsbestseller, bei dem der Leser die Geschichte quasi durch das Fenster eines Pendlerzuges verfolgt.

Zurzeit schreibt sie an ihrem dritten Spannungsroman, ein Erscheinungstermin steht noch nicht fest. Die deutschen Untertitel zu ihren beiden erfolgreichen Romanen gehören übrigens eher nicht zu den Glanzleistungen der Übersetzung: “Girl on the Train. Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich“ oder “Into the Water. Traue keinem. Auch nicht dir selbst“ verweisen zwar auf das psychologische Element der Thriller, klingen aber zu gewollt spannungstreibend.

Hawkins hat sich einmal als Elster bezeichnet: So wie der Vogel stehle sie von anderen Autoren die glitzernden Dinge für sich selbst. Im Gespräch kommt der nonchalante Humor der Autorin zum Ausdruck: Der zeigt sich schon darin, dass die 45-Jährige behauptet, keinen Humor zu besitzen.

Von Nina May

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