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Kultur Gehören nackte Nymphen ins Museum?
Nachrichten Kultur Gehören nackte Nymphen ins Museum?
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16:04 06.02.2018
Dieses Bild wurde in Manchester zeitweilig abgehängt. Quelle: Waterhouse Hylas
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Manchester

Sanft und anmutig sehen die barbusigen Nymphen aus. Doch mörderisch sind die Motive dieser Wasserwesen, vor denen, nicht minder anmutig, doch bekleidet, Hylas niederkniet. So hat John William Waterhouse 1896 die griechische Antike präsentiert.

So war sein Gemälde bis vor einer Woche in der Manchester Art Gallery zu besichtigen – bis deren Kuratorin Clare Gannaway das Dokument weiblicher Nacktheit hat abhängen lassen, um, wie sie sagt, „dieser viktorianischen Fantasie“ entgegenzutreten. Prompt ist in den Feuilletons von „Bildersturm“ die Rede gewesen, wurde an den Umgang mit „entarteter Kunst“ erinnert – und nun hängt das Opfer des Bilderverbots wieder. War das Ganze nichts als die Kunstperformance eines zensorischen Akts, ist jetzt alles wieder gut?

Debatte knüpft an MeToo an

Nach der Debatte um Sexismus in der wirklichen Welt drohen tatsächlich die ersten Opfer in der Welt der Kunst. Nach den Enthüllungen sexueller Übergriffe in der Kulturindustrie – den „MeToo“-Vorwürfen von Schauspielerinnen gegen Harvey Weinstein, Dustin Hoffman oder auch Dieter Wedel, vom glamourösen Hollywood also bis zu den biederen Bavaria-Studios – trifft die Erregung somit die Hochkultur. Immerhin hat Manchesters größtes Kunstmuseum eine jahrhundertealte Tradition, immerhin ist Waterhouse einer der prominentesten britischen Maler des 19. Jahrhunderts.

War sein Bild das beste Objekt für eine Zensurperformance? Müssen nicht nur sexistische Übergriffe geahndet werden, sollten, wie in mehreren Fällen ernsthaft gefordert, auch Bilder im Depot landen, wenn Frauen darauf zu Objekten herabgewürdigt werden? Ist das Kunst oder Sexismus – und muss weg?

Nacktheit in der Kunst: "Amor als Sieger" des italienischen Barockkünstlers Michelangelo Merisi Quelle: dpa

Seltsam scheint es schon, dass die Vorwürfe sich ausgerechnet gegen „Hylas und die Nymphen“ richten. Schließlich sind im Mythos um Hylas gerade die Nymphen die handelnden Subjekte, die den androgynen Geliebten des Herakles selbst zum Objekt ihrer Begierde machen, ihn ins Wasser und damit in den Tod zu locken. Andererseits eröffnet hier Waterhouse den Betrachtern des Bildes wie dem darauf gezeigten Hylas einen zweifellos männlichen Blick auf bloße weibliche Haut. Liegt in sichtbarer Nacktheit schon ein Problem?

Nacktheit, völlig unerotisch

Zweifel sind erlaubt. Wer je einen FKK-Strand besucht hat, weiß, wie unerotisch nackte Körper sein können. Voyeurismus bedient eher noch die Darstellung enthüllend knapper Kleidung, etwa das Bild „Thérèse, träumend“ (1938) des Malers Balthus, der jene junge „Thérèse“ darauf mit geschlossenen Augen und offenem Schritt präsentiert. Seit Dezember läuft eine Petition ans New Yorker Metropolitan Museum, das Bild abzuhängen; sie trägt schon mehr als 12 000 Unterschriften.

Gegen dieses Bild gibt es eine Petition: „Therese träumend" von Balthus Quelle: Handout

Wenn Bilderverbote die Lösung sein sollen, eröffnet sich für Geschmackskommissare ein weites, die Ausstellungssäle leerendes Tätigkeitsfeld – von Gauguins Südseeschönheiten über „Brücke“-Maler bis zu Egon Schiele.

Was ist mit Lovis Corinths „Bacchanale“ (1897), jenem Werk, dessen Erwerb das Landesmuseum Hannover gerade stolz präsentiert hat und das nackte Frauen und Männer beim Bacchanal und darin letztere in offen handgreiflichem Liebesstreben zeigt?

Was mit Gustave Courbets Venushügel-Porträt „Ursprung der Welt“ (1866)? Was gar mit „Amor vincit omnia“ (1601), für das Michelangelo Merisi da Caravaggio den Kopf seines Freundes Mario Minitti einem knabenhaften Körper mit gespreizten Schenkeln aufgepflanzt hat – und so seiner homoerotischen Neigung Ausdruck und Päderasten Betrachtungsstoff verschafft? Sollte auch dieses Barockgemälde nun aus der Berliner Nationalgalerie abgehängt werden, wie bereits 2014 in einem Offenen Brief verlangt?

Und muss man sich freuen, dass der Caravaggio nicht ebenso übertüncht wird, wie dies mit Eugen Gomringers Gedicht („Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“) an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule geschehen soll?

Retuschen an der Realität

Weghängen, was nicht ins Bild passt? Retuschen an der Realität führen zu deren Verdrängung, nicht zu ihrer Bewältigung. So treten Tabus an die Stelle einer offenen Debatte – also Bilder-, Rede-, Denkverbote. Aufklärung geht anders, sie ist auf An- und Einsichten, auf Diskurs und Dialog angelegt. Droht hinter der Pose eines fortschrittlichen Feminismus nur eine Renaissance reichlich altbackener Prüderie? Junge Autorinnen wie die westdeutsche Jana Kreutzer oder die ostdeutsche Katrin Rönicke beklagen eine Gesellschaft, die massenmedial „oversexed“ ist – und zugleich Nacktheit in Nischen verfolgt.

Iovis Corinth: Bacchanale, 1896 Quelle: Landesmuseum Hannover

Wenn ein Bild so sehr Anstoß erregt, dass Kuratoren es, wie in Manchester, verstecken wollen, steht seine Aktualität ja ebenso außer Zweifel wie der Gesprächsbedarf. Dann müssen auch jahrhundertealte Werke von Neuem diskutiert und reflektiert, in den heutigen Diskussionszusammenhang eingeordnet werden, müssen „historisiert“ und „kontextualisiert“ werden, wie Kunsthistoriker das nennen – und Kuratoren es tun sollten. „Die Abwesenheit des Bildes hat klargemacht, dass viele Menschen starke Gefühle mit den angesprochenen Themen verbinden“, räumt Amanda Wallace, Chefin der Manchester Art Gallery, nun ein. „Wir wollen diese Stärke für zukünftige Debatten nutzen.“

Chance zur Kommunikation

Kunst genießt die Freiheit, menschliche Haltungen und Neigungen tabulos zum Ausdruck zu bringen. Dafür sind die dem „Wahren, Schönen, Guten“ gewidmeten Kunsthäuser der richtige Rahmen. Wahr kann indes auch sein, was nicht von allen als schön und gut empfunden wird, was aber Menschen, ihre Gefühle und ihre Moral ausmacht – auch in der Abweichung von ästhetischen Idealen oder ethischen Normen. „Solche Momente sind die Chance zur Kommunikation“, sagt Ken Weine, der Sprecher des Metropolitan-Museums, zur Balthus-Verbannungspetition. „Visuelle Kunst ist eines der bedeutendsten Mittel, die wir für die Reflexion von Geschichte und Gegenwart haben.“ Genau diese Kommunikation anzuregen ist die Aufgabe von Kuratoren - nicht aber das Abhängen von Bildern. Die muss man ja zeigen, um die Diskussion darüber zu befeuern. Das macht gerade die Kunst aus. Und deshalb darf das nicht weg. In Berlin oder New York ebensowenig wie in Manchester.

Von Daniel Alexander Schacht

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