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Kultur Cyrano in Berlin – „Das schönste Mädchen der Welt“
Nachrichten Kultur Cyrano in Berlin – „Das schönste Mädchen der Welt“
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06:01 04.09.2018
Richtiger Riecher für die große Liebe: Bei der Klassenfahrt setzt sich die schöne Roxy (Luna Wedler) im Bus unverhofft neben Cyril (Aaron Hilmer, r.). Quelle: Foto: Tobis
Hannover

Wer schreibt heute noch kunstvolle Liebesbriefe wie der berühmte „Cyrano de Bergerac“, der Fechtmeister und Poet? Der war im 17. Jahrhundert wegen seiner gewaltigen Nase zu schüchtern, um sich seiner verehrten Cousine zu nähern und verfasste statt dessen im Namen eines Kadetten, in den die Dame verguckt war, herzergreifende Zeilen.

Der Gascogner Kadett Cyrano wird durch einen Schüler ersetzt

Das Drama wurde mehrfach verfilmt, erstmals als Stummfilm 1923. Als Aron Lehmann das Drehbuch zu einer Neu-Adaption erhielt, rührte er es vor Schreck erst einmal nicht an, war doch Jean-Paul Rappenaus „Cyrano de Bergerac“ von 1990 mit Gérard Dépardieu in der Titelrolle sein absoluter Lieblingsfilm. Ihn trieb die Frage um, ob man dieses von Edmond Rostand vor 120 Jahren geschriebenes Theaterstück überhaupt in die Gegenwart verpflanzen kann.

Ja, man kann! Wenn man die Gascogner Kadetten im Original durch aufgeweckte Schüler ersetzt, die weibliche Figur modernisiert, kein passives Objekt der Begierde vorstellt, sondern eine freche, selbstbewusste und sensible junge Frau und statt altmodischer Verse aktuelle Punchlines (Rap-Zitate) präsentiert.

Im Mittelpunkt steht ein tolles Trio: Cyril (Aaron Hilmer), ein Außenseiter, der wegen seinem riesigen Riecher gehänselt wird, Roxy (Luna Wedler) die Neue in der Klasse, die sich auf der Oberstufenfahrt nach Berlin spontan neben ihn setzt, und der hübsche Rick (Damian Hardung), leider nicht besonders helle.

Gutes Drehbuch, gute Darsteller, mitreißende Musik

Ausgerechnet in den verguckt sich Roxy und Cyril schreibt für den „Konkurrenten“ hinreißende Nachrichten und Songs, weil er bis über beide Ohren selbst verliebt ist, sich aber nicht traut. Roxy ist von den Texten auf ihrem Smartphone angetan, beim Date enttäuscht der geistig schlichte Knabe. Ein weiterer Kandidat ist Benno (YouTuber Jonas Ems), der das Mädchen nur aus Angeberei flachlegen und die Bilder ins Netz stellen will, was Cyril mit allen Mitteln verhindern möchte.

Lehmann verfügt über das richtige Fingerspitzengefühl, fand mit Lars Kraume und Judy Horny die passenden Drehbuchautoren. Er setzt auf harte Hip-Hop-Beats, rasante Sprüche und junge talentierte Schauspieler, die sich mit Verve in die Rollen stürzen, ihre Liebesbotschaften per knackige WhatsApp-Nachrichten verschicken, mit der Wortdynamik der Rap-Musik bezirzen statt mit Minnesang.

Wenn Cyril beim Battle-Rap aus Angst vor neuer Häme mit goldener Maske auftritt, als Unbekannter die Hip-Hop-Szene aufmischt und nach dem Sieg verschwindet, ahnt man seine ungeheure Kraft und Kreativität, aber auch tiefe Verwundbarkeit.

Ein Einser-Abiturient spielt den intellektuellen Tiefflieger

Hilmer, der schon in „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ überzeugte, lässt zwischen Traurigkeit und Trotz seine inneren Verletzungen durch den ständigen Spott wegen seines Aussehens spüren und seine verborgenen Sehnsüchte, Hardung (übrigens ein Einser-Abiturient), bringt den intellektuellen Tiefflieger optimal rüber und die Schweizerein Luna Wedler, „European Shooting Star“ der diesjährigen Berlinale, kann als „Das schönste Mädchen der Welt“ auch tüchtig austeilen beim Kampf mit ihren männlichen Rap-Battle-Kollegen. Allesamt famose Nachwuchsschauspieler, von denen man noch hören wird.

Der Produzent bewarb das Projekt als „Cyrano de Bergerac meets Fack ju Göhte“. Stimmt nicht ganz! Beide Filme treffen mit der Jugendsprache ins Schwarze, schauen den Kids aufs Maul. Aber „Fack ju Göhte“ sei mehr eine Satire über das Bildungssystem und mache sich über die Dummheit der Menschen lustig, feiere das richtig, meint der Regisseur: „In diesem Punkt sind wir ein Anti-,Fack ju Göhte’-Film. Unser Film sagt, ,Dummheit ist nicht sexy’“.

Diese Jugendkomödie vermeidet voyeuristische Kamerafahrten

Diese Jugendkomödie ist rundum ein Glückgriff. Im Gegensatz zu anderen Teenie-Filmen für die kinoaffine Zielgruppe nimmt sie ihre Protagonisten ernst, reduziert sie nicht aufs Handywischen, Tindern oder auf dümmliche Sprüche und vermeidet die oft üblichen voyeuristische Kamerafahrten über wohlgeformte Körperrundungen.

Zwischen Kinderfilm, banalen US-Highschool-Machwerken oder obszönen deutschen Teenie- Klamotten und Filmen für junge Erwachsene fehlt es ja durchaus an Filmen für die 14 bis 17jährigen, die sich auf sie einlassen – auf ihre Albernheiten und Nöte, Peinlichkeiten und Unsicherheiten.

Und auf die erste und große Liebe. Auch der offene Umgang mit dem Thema Mobbing im Schulalltag funktioniert. Cyril gilt zwar als Einzelgänger, wird aber nicht als Opfer dargestellt, auch wenn es sich brutal anhört, wie er in der 5. Klasse ins Spind gesperrt wurde, bis er sich in die Hosen machte. Inzwischen hat er gelernt, wann es sich lohnt, zu kämpfen, beherrscht seine Waffen: Intelligenz, Humor, das Wort.

Dreh- und Angelpunkt ist natürlich die Musik. Musikproduzent Konstantin „Djorkaeff“ Scherer und Songwriter Robin Haefs leisten ganze Arbeit mit romantischen und harten Lyrics, die über das junge Zielpublikum hinaus Zuschauer berühren. Und die ermutigende und klare Botschaft – „mach` dir nichts aus Äußerlichkeiten, sei du selbst“ – , tut nicht nur Jugendlichen gut.

Von Margret Köhler / RND

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