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Kultur Über Widerstand: „Das schweigende Klassenzimmer“
Nachrichten Kultur Über Widerstand: „Das schweigende Klassenzimmer“
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00:19 03.03.2018
Gemeinsam sind sie stark: Eric (Jonas Dassler. v. l.), Theo (Leonard Scheicher), Lena (Lena Klenke), Paul (Isaiah Michalski) und Kurt (Tom Gramenz) mit ihren Mitschülern. Quelle: Foto: Studiocanal
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Hannover

Zwei Minuten gemeinsam schweigen: Das klingt doch nach einer prima Aktion, ist keine große Sache, eher ein spontaner Spaß. Jedenfalls sehen Kurt, Theo, Lena und die anderen Schüler das so. Wenn man so jung ist wie sie, dann hat man jedes Recht, gegen die Ungerechtigkeiten der Welt zu protestieren.

In einem Kino im Berliner Westen, wo Kurt (Tom Gramenz) und Theo (Leonard Scheicher) gar nicht hätten sein dürfen, haben sie in der „Wochenschau“ Szenen vom Aufstand der Ungarn gegen die sowjetischen Machthaber gesehen und waren sofort Feuer und Flamme – dabei ging es ihnen bei ihrem heimlichen Ausflug in den Westen ursprünglich um die Darbietung danach, um den „Film mit den Möpsen“.

Die SED-Hardliner lassen den „Jugendstreich“ nicht gelten

In Ungarn, so hieß es in den West-Nachrichten im Kino fälschlicherweise, sei ihr Fußballidol Ferenc Puskás erschossen worden (dabei befand sich der Spieler nicht einmal in Budapest, blieb nach der Niederschlagung der Revolte gleich im Ausland und siegte fortan für Real Madrid).

Nach ihrer Rückkehr nach Stalinstadt – die später in Eisenhüttenstadt aufging – entscheiden die Jugendlichen aus einer Laune heraus, im Geschichtsunterricht zwei Minuten lang einfach nicht den Mund aufzutun. Nicht nur innerlich grinsen sie, als ihr Lehrer tobt. Der Mann hatte ja keine Ahnung, was überhaupt los ist mit seiner Klasse, in der nicht einmal die besten Schüler auf einfache Fragen antworten.

Beinahe wäre die Sache als Jugendstreich ad acta gelegt worden. Rektor Schwarz (Florian Lukas) hätte es am liebsten so. Er weiß, welche Lawine da auf die Schule zurollen könnte. Aber da hat sich der Vorfall schon rumgesprochen bei einem besonders staatstreuen Lehrer im Kollegium. Nun lässt sich nichts mehr gnädig vergessen.

Die Jugendlichen schwiegen auch unter Druck

Die Staatsmacht macht einen Staatsakt draus – mit drastischen Folgen: In den Weihnachtstagen flüchtet beinahe eine ganze Schulklasse in den Westen. Es zieht sich ja noch keine Mauer durch Berlin. Eine beinahe unglaubliche Geschichte vom jugendlichen Widerstand hat sich damals abgespielt, wenn auch in Storkow in Brandenburg.

Regisseur Lars Kraume hat einen Spielfilm daraus gemacht, Titel: „Das schweigende Klassenzimmer“. Die Jugendlichen schwiegen auch dann noch solidarisch, als der Druck auf jeden Einzelnen mit Perfidie erhöht wird. Sie wollten die Namen der Anführer nicht verraten. „Das war eine Mehrheitsentscheidung“, sagen sie im Film. „Es wurde durch die Reihen geflüstert.“

Kraumes Film ist frei von Pathos. Und die Schüler sind auch nicht als Helden geboren, sie werden dazu gegen ihren eigenen Willen gemacht. Je mehr sie in die Enge gedrängt werden, desto enger schließen sich notgedrungen die Reihen.

Lars Kraume hat Übung, von vergessenen Helden zu erzählen

Der Regisseur Kraume kann so etwas erzählen. Er hat schon einmal feinfühlig einen anderen zwischenzeitlich beinahe vergessenen Helden ins Kino geholt: den hessischen Staatsanwalt Fritz Bauer, der beinahe im Alleingang die Auschwitz-Prozesse initiiert hatte und ein unbeirrbarer Aufklärer der NS-Vergangenheit war („Der Staat gegen Fritz Bauer“, 2015).

Die Oberschüler in Stalinstadt wollen Abitur machen. Sie glauben durchaus an ihren Staat, die DDR, die meisten von ihnen zumindest. Und dann rückt der leibhaftige Volksbildungsminister Lange (Burghart Klaußner) an, ist über jeden Einzelnen bestens informiert und droht, ein Exempel zu statuieren: Er werde die ganze Klasse vom Abitur ausschließen, wenn keine Namen preisgegeben würden. Von „Konterrevolution“ und „Klassenfeinden“ schwadroniert er.

Die Schüler wissen gar nicht recht, wie ihnen geschieht. Aber eines wissen sie genau: Noch sind sie vom Leben nicht so verbogen, als dass ihnen ihre Ideale nichts mehr wert wären.

Die Geschichte sitzt Eltern und Lehrern im Nacken

Eine Leistung dieses Kinofilms besteht darin, die unterschiedlichen Biografien so vieler Beteiligter in die Historie einzubetten: Eltern und Lehrern sitzt die Geschichte im Nacken. Die, die sich als die größten Ideologen aufspielen, haben Leichen aus der NS-Zeit im Keller. Oder sie waren selbst einmal Rebellen wie Leonards Vater (Ronald Zehrfeld), der am 17. Juni 1953 protestierte und jetzt für seinen Sohn ein besseres Leben möchte als jenes, das er selbst im heißen Stahlwerk führt. Der einstige KZ-Häftling und Bauernsohn Schwarz glaubt an den Sozialismus, der ihm eine Chance als Schulleiter gibt.

Man wüsste in diesem Film gern genauer, wo die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verläuft. Manches wirkt allzu gerundet, etwa die Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Theo, Kurt und Lena (Lena Klenke). Und Michael Gwisdek spielt einen knorrigen Altkommunisten, wie man sich ihn sich als Jugendlicher nur wünschen kann, wenn die Welt gerade über einen hereinbricht.

„Das war eine elende Verengung der Welt“

„Alles treffsicher“, hat Dietrich Garstka über diesen Film gesagt. Er war einer der schweigenden Schüler von 1956 und hat ein Buch darüber geschrieben. Bei der Sichtung von Kraumes Film sei in ihm sofort die Verachtung wieder hochgekommen, „dass es selbst bei Schülern nur noch darum gehen sollte, ob sie für oder gegen das Regime waren.

Bist du für den Frieden oder gegen den Frieden, hieß es immer, bist du für die DDR oder gegen sie. Das war eine elende Verengung der Welt.“ Und weiter: „Ja, so sind sie, dachte ich, ja, so waren sie, die Diktatoren, die sich auch gegen Jugendliche richteten und sie ernst nahmen als Gefährder ihrer Macht, deren Protest sie durch nichts entschuldigten, weil sie fixiert waren, weil sie keine Veränderung duldeten.“

Garstka war am 19. Dezember 1956 der Erste, der „Republikflucht“ beging. Er nahm den Frühzug von Storkow bis Berlin-Königs Wusterhausen und fuhr mit der S-Bahn in den Westen. Alle anderen, bis auf vier Mädchen, folgten in den nächsten Tagen in kleinen Gruppen. In der Bundesrepublik wurden die Grenzgänger als politische Flüchtlinge anerkannt. Ihr Abitur machten sie im anderen deutschen Staat.

Von Stefan Stosch / RND

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