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15:54 21.01.2018
Kampf gegen Windmühlen? Eine Gruppe von Musikern, Schauspielern und Autoren hat ein Album aufgenommen, um gegen die Gratiskultur, Youtube und Co. zu Felde zu ziehen. Quelle: iStockphoto
Hannover

Wie alt er ist, verrät Lando Van Herzog nicht, nur so ganz grob: Gefühlt manchmal 25, manchmal 80. Der Kölner Musiker fühlt sich aber jung genug, wider die Umsonstkultur in den digitalen Welten zu Felde zu ziehen. Erschreckend fand er den Satz im Jahrbuch 2016 des Bundesverbands der Deutschen Musikindustrie: “Fast die Hälfte der 30- bis 39-Jährigen ist bereit, für Musik zu bezahlen“, steht da zu lesen. “Man stelle sich vor, im Jahrbuch des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels hieße es: ,Fast die Hälfte der Konsumenten ist bereit, für den Einkauf in einem Lebensmittelgeschäft an der Kasse zu zahlen’“, ereifert sich Van Herzog. “Da offenbart sich doch der ganze Irrsinn.“

Nach einem Windmühlenkampf klingt das, gerecht und aussichtslos: Mit Van Herzog als Don Quichote des analogen Medienmittelalters. Das sieht er anders. Er will keine Prozesse führen, keine Strafen auferlegt wissen, sondern ein Bewusstsein schaffen dafür, dass in jeder Kunst nach wie vor Geld und Arbeit steckt, dass Musik so viel wert ist wie früher, als es sie noch ausschließlich auf Tonträgern gab und man dafür Geld an der Ladenkasse hinblättern musste. Dass er siegen wird, daran glaubt er fest. Und führt ein Beispiel für den Erfolg des Prinzips Fairness an: “Fair Trade, der gerechte Handel mit Gütern aus armen Ländern, ist auch in unseren Köpfen angekommen. Wenn es auch 25 Jahre gedauert hat.“

Von Frank Schätzig bis Marianne Rosenberg

Für seine Mission hat der Violinist und Sänger eine Plattenfirma gegründet und ein Konzeptalbum aufgenommen: “Project Fairplay“ ist ein Musik-Text-Werk, auf dem die Söhne Mannheims ebenso zu finden sind wie der Regisseur und Oscar-Preisträger Pepe Danquart, die Youtuberin Joyce Ilg und Marianne Rosenberg. Die Schlagersängerin kommt noch aus der Zeit der Hunderttausende-Alben-Verkäufe. Sie gibt zu bedenken, dass Künstler ihre “Energie nur dann weiterhin aufbringen können, wenn sie von ihrer Arbeit auch leben können“.

Oscar-Gewinner Danquart ist dabei, weil er in diesem Kampf den moralischen Appell seines – von der Gratiskultur ebenfalls betroffenen – Metiers Kino gespiegelt sieht: “Wir erzählen immer von Helden, die sich von ihrem Leid befreien, von Menschen, die nicht mehr der Gier nach Geld verfallen, sondern der Stimme ihres Herzens folgen und gegen materielle Obszönität Menschlichkeit setzen.“ Solche Menschen möchte er jetzt auch in Wirklichkeit sehen.

Vier Jahre dauerten die Arbeiten an dem bunten Mix aus verschiedenen Musikstilen. 74 Minuten mit 17 Songs und vielen Textbeiträgen von Schauspielern wie Ulrich Noethen und Schriftstellern wie Frank Schätzing. Da wird nicht etwa der mahnende Zeigefinger erhoben und gebetsmühlenartig ein gesungenes “Downloade nicht illegal!“ postuliert, sondern Bewusstsein geweckt für die lange Misere der digitalen Ära. “Das wird für die Künstler Jahr für Jahr schlimmer“, meint Van Herzog und verweist auf die Streamripper der jüngsten Zeit, denen es gelungen ist, die eigentlich unkopierbare Musik von Youtube und Co. auf ihre Computer zu laden. “Absolut geklaut“, schimpft der Musiker.

Will gegen Umsonstkultur in den digitalen Welten zu Felde zu ziehen: Musiker Lando Van Herzog Quelle: fairplay

Freilich konnte die gute Seite der Popmacht hier zuletzt einen Sieg feiern. Im September wurde die größte Streamrip-Website YouTube-mp3.org dichtgemacht. Cary Sherman, Chef der Record Industry Association of America (RIAA), wertete den Schlag gegen die Illegalen als “bedeutsamen Sieg für Millionen Musikfans, Musikschaffende und legale Musikanbieter“. Don Quichote ist nicht allein.

Die Streamingdienste zählen für Van Herzog allerdings auch zu den Bösen. “Wir haben dort die Kontrolle über unser geistiges Eigentum längst verloren.“ Multinationale Großkonzerne sieht er da am Ruder, denen es nur noch um Monetarisierung gehe statt um Künstler. “Erschreckend gering“ seien die Verdienste dort. “Geht man von 0,2 Cent pro Stream aus, verdient ein deutscher Superstar, der 500 000 Streams eines Songs erreicht, damit 1000 Euro – für sein Label.“ Habe ein Musiker ohne Fanbase nur 5000 Streams, dann verdiene sein Label 10 Euro. “Streaming“, jetzt klingt Van Herzogs Stimme wie zornige 25, “ist der Verkauf von Kultur zu Dumpingpreisen.“

Youtube ist der größte Musikdienst der Welt“

Der Bundesverband Musikindustrie betrachtet Van Herzogs Kampf mit Sympathie: “Da steckt Emotionalität dahinter“, sagt Vorstandsvorsitzender Florian Drücke, “und wir leben davon, dass Leute sich engagieren und nicht alles den Verbänden überlassen.“ Aber die 52 Prozent Nichtzahler, die Van Herzog so entsetzen, ließen sich nicht gleichsetzen mit “52 Prozent Musikdieben“. Es gehe hier eher um diejenigen, die ihren Musikkonsum zum Beispiel übers Radio oder über die werbefinanzierten Angebote der Streamingdienste decken. Die Branche freut sich über das Wachstum bei den Abos im Streamingbereich.

“Wir hoffen, dass da eine Generation mit einer neuen Nutzungswelt aufwächst und sich gar nicht erst in den Dschungel der Piraterie verirrt“, sagt Drücke. Die zehn Euro Gebühr, die etwa ein Spotify-Premiumabo kostet, seien weit mehr als das, was der Durchschnittskäufer ausgäbe, fügt er hinzu. Er sieht in einer wachsenden Käuferreichweite auch zukünftige höhere Erlöse für die Musiker insgesamt. “Generell ist unser Interesse, dass wir ein möglichst hohes Niveau an Vergütungen für alle bekommen.“

Ein Dorn im Auge sind ihm dabei Plattformen wie Youtube, die sich darauf berufen, „nur technisch neutraler Dienstleister“ zu sein. “Youtube ist der größte Musikdienst der Welt. Er zahlt auf Basis veralteter Bestimmungen aus der Frühzeit des Internets nur einen Obolus, ein Vielfaches weniger als Spotify. Da passt das Postulat des Fairplay gut rein – denn das ist wirklich unfair und unzeitgemäß.“ Der Verband arbeitet auf eine Änderung der Rahmenbedingungen auf europäischer Ebene hin, “damit Dienste wie Youtube sich nicht mehr rausreden können“.

“Wer Erfolg hat, wird auch davon leben können“

Berücksichtigt man alle Verdienstmöglichkeiten wie klassische Tonträgerverkäufe und Live-Erlöse, dann sieht Drücke den Beruf des Musikers nicht von Armut bedroht. “Wer Erfolg hat, wird auch davon leben können, wer viel Erfolg hat, wird besser davon leben können, daran hat sich im digitalen Zeitalter nichts geändert.“

Der Musikkonsument, der mit der glitzernden Welt von Pop und Rock reiche Stars am Pool verbindet, dürfte auch nur begrenzt Mitleid mit Musikern haben – man denkt da eben eher an Pop-Multimillionäre als an bedürftige Newcomer mit einer Gitarre und ein paar Songs. “Die reichen Madonnas …“, Van Herzog seufzt. „Ich gebe Ihnen recht, an die denkt man leider zuerst“, sagt er, und da nähert sich seine Stimme für einen Moment den 80. Gleich aber wird sie wieder jung: “Ich kämpfe weiter“, sagt er dann, “denn es ist wie überall: Nur wenn man was macht, wird’s besser.“

Von Matthias Halbig

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