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Kultur Eine Hommage an den „Man in Black“
Nachrichten Kultur Eine Hommage an den „Man in Black“
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10:01 06.04.2018
Johnny Cash während eines Auftritts in Frankfurt 1981. Quelle: dpa
Nashville

Johnny Cash war ehrlich, geerdet, geradeaus. Ein Integrer im Biz der Blender, ein Sänger wie ein Fels, der sich nie um Konventionen und Political Correctness kümmerte, der stets seinem gesunden Menschenverstand folgte, in Gefängnissen spielte, sich um die Belange der kleinen Leute kümmerte. Selbst in den Zeiten seiner Trunksucht ging dem „man in black“ nie die Würde verloren. Ein Mann, den viele verehrten – bis zuletzt, als er im September 2003 letztlich an der Trauer um seine Frau June starb.

Zu Cashs Hinterlassenschaft zählen Hunderte von Texten, Gedichte, Liedertexte und Briefe, die sein Sohn John Carter Cash gefunden hatte und aus denen 2016 das Buch „Forever Words: The Unknown Poems“ zusammengestellt wurde - herausgegeben von dem Pulitzer-Preisträger Paul Muldoon.

Countrygrößen und Bluegrass-Meister

Am 6. April erscheint nun dazu ein Album, produziert von Carter Cash aufgenommen unter Carter Cashs Regie in der Cash Cabin auf dem Lande, 45 Kilometer nördlich von Nashville, Tennessee. Die sehr persönlichen Texte Johnny Cashs werden darauf zu sehr feinen Songs. Den Auftakt machen die Musiklegenden Willie Nelson und Kris Kristofferson. Nelson zupft die Melodie von „I Still Miss Someone“, während Kristofferson das Gedicht „Forever“ rezitiert, mit dem Cash sein Erbe umreißt: „Die Bäume, die ich pflanzte / zählen noch zu den jungen / die Lieder, die ich einst sang / sie werden immer noch gesungen“.

16 Lieder enthält „Forever Words – The Music“, viele der versammelten Stimmen kommen aus der Countrymusik wie Jamey Johnson, Jewel oder Brad Paisley. Bluegrass-Meister wie Dailey and Vincent oder die Grammy-gekürte Alison Krauss und ihre Band Union Station musizieren. Letztere erzählen auf ihrer ersten Studioaufnahme seit sechs Jahren die Liebesgeschichte um „The Captain’s Daughter“ - nach einem Text, den Cash als junger Mann geschrieben hatte.

Comeback in den Neunzigern

Aber auch Americana-Größen wie die Jayhawks und John Mellencamp bringen Klänge an Cashs Lyrik. Bis hin zum funkigen „Goin‘ Goin‘ Gone“ des Jazzpianisten Robert Glasper reicht das musikalische Spektrum. Der in den letzten Jahren still gewordene Countryfan Elvis Costello singt zu Streichern, Piano und Kornett das feierliche „I’ll Still Love You“. Und das Sängerinnentrio I’m With Her wandelt auf den Spuren der Andrews Sisters, wenn es im geflüsterten „Chinky Pin Hill“ über das ungerade Leben sinniert: „Die Straße ist so verwirrend, während ich von Tag zu Tag wandere / Manchmal sorge ich mich, ich könnte dich auf diesem Weg verlieren.“

In den Achtzigerjahren war Johnny Cash der Musik verloren gegangen, Alben wie „Water From The Wells Of Home“ (1988) plätscherten inspirationslos vor sich hin. In den Neunzigern aber erfand er sich neu: 1993 wurde Cash überraschend Sänger bei der irischen Band U2 – wenn auch nur für ein einziges Lied. Bei „The Wanderer“ beschwor er zu einer elektronischen Grundierung einen finstere Gang unter atomar verseuchten Himmeln herauf, durch „Städte ohne Seele“. Der „man in black“ in der finstersten aller Finsternisse. Einer der besten U2-Songs. Einer der besten Cash-Songs.

Im Jahr danach folgte das Comeback mit dem ersten Album der von Rick Rubin produzierten „American Recordings“-Serie. Da sang Cash mutig Songs von anderen Künstlern wie Leonard Cohen, Tom Waits und Glenn Danzig, die fernab der Countryfarbe musizierten und packte sie in den klassischen, spartanischen Cash-Sound. Auf dem zweiten Album der Reihe übernahm er dann auch das apokalyptische „Rusty Cage“, einen Song der Grunge-Band Soundgarden aus der Feder des jüngst verstorbenen Chris Cornell.

Und eben der revanchierte sich für das Hommage-Album mit einer seiner letzten Aufnahmen, dem bewegenden „You Never Knew my Mind“. Cashs Worte handeln von der Fremdheit inmitten der größten Vertrautheit eines Paars, von der schmerzvollen Erkenntnis, dass man sich bei aller Liebe nie nahe genug sein wird, einander wirklich bis ins Letzte zu verstehen.

„Du hast mich nicht gut genug gesehen, um die Zeichen zu erkennen“ singt Cornell mit wunder, brüchiger Stimme und es klingt, als beschreibe der Sänger, der sich 2017 das Leben nahm, damit die Abgründe und die Hilflosigkeit seiner eigenen Depression.

Von Matthias Halbig

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