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Kultur Die Sprachpolizei und das „Unwort des Jahres“
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14:49 16.01.2018
Kellyanne Conway, Beraterin von US-Präsident Donald Trump, hantierte 2017 mit“ alternativen Fakten“.  Quelle: dpa
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Hannover

 Überraschend war das nicht:  Die Jury, die alljährlich eine Redewendung oder einen Begriff zum „Unwort des Jahres“ kürt, hat sich für „alternative Fakten“ entschieden. Ach ja.

Die Unwortaktion will auf Worte hinweisen, die verschleiern, in die Irre führen oder Sachverhalte unangemessen vereinfachen. Auch Formulierungen, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder der Demokratie verstoßen oder einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren, haben gute Chancen, Unwort des Jahres zu werden. Was Verschleierung und Irreführung angeht, rangiert „alternative Fakten“ jedenfalls ganz weit oben. 

Erzählt jemand Unsinn, wird das einfach Umgang mit „alternativen Fakten“ genannt – schon darf sich der Quatscherzähler gerettet fühlen; jedenfalls für eine Weile. Kellyanne Conway, Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump, hat die Formulierung „alternative Fakten“ genutzt, als es um  die Anzahl der Feiernden bei  der Amtseinführung des Präsidenten Anfang 2017 ging. Mit der Formulierung versuchte sie in einem Interview, die nachweislich falschen Aussagen von Sean Spicer, dem Pressesprecher des Weißen Hauses, zu rechtfertigen.

Sie hat Unsinn nicht Unsinn genannt, sondern ihm durch sprachliche Hochleistungsakrobatik einen anderen Sinn zu geben versucht. Darauf muss man erstmal kommen. Solche Chuzpe muss man erstmal aufbringen. Und auch solches Vertrauen in die Macht der Sprache. Insofern: Chapeau, Madame!

Verschleiern, Bemänteln, Schönreden, Lügen. Das alles kann Sprache. Und manche sind eben recht gut in diesen Disziplinen. Sollte man die nicht loben? Wäre Sprache nur klar und korrekt, würden wir längst schon viel mehr mit Maschinen reden - aber  Spaß machen würde das nicht.

Das Unwort des Jahres wird aus Vorschlägen gewählt, die jeder, der einen entsprechenden Verdacht hat, bei der Jury (vorschlaege@unwortdesjahres.net) einreichen kann. Insgesamt wurden in diesem Jahr 1316 mögliche Unworte eingereicht. Zudem hat die Künstlerin Barbara, die der aktuellen Jury angehört, 3500 Unwortkandidaten aus den sozialen Netzwerken gefischt. Der Ausdruck „alternative Fakten“ wurde oft vorgeschlagen: 65 Mal. Am häufigsten vorgeschlagen (122 Nennungen) aber wurde der Begriff „Babycaust“, mit dem Abtreibungen in einen Zusammenhang mit dem industriellen Massenmord der Nazis an den Juden gebracht werden sollen. 

Weitere Unwort-Vorschläge, die in die engere Auswahl kamen, waren: „Fake News“, „Bio-Deutsche“ und „Atmender Deckel“ (im Zusammenhang mit einer Begrenzung der Flüchtlingszahlen). Da  schleicht sich dann schon auch der Verdacht ein, dass die Sprachpflege der „Unwort“-Sucher auch politisch motiviert sein könnte.

Übrigens wurde auch „Sprachpolizei“ vorgeschlagen. Der vorsichtige Groll, der in diesem Vorschlag steckt, ist ja verständlich. Wörter sind Wörter, warum muss man einige von ihnen als Unwörter herausstellen? Braucht man wirklich Sprachpfleger, die den Menschen sagen, welche Wörter sie besser nicht in den Mund nehmen sollen? Und müssen sich die  Oberlehrer jedes Jahr aufplustern und der Gemeinde ein „Das sagt man aber nicht!“ entgegenschleudern?

Sprachpflegern wird gern eine gewisse Muffigkeit unterstellt, sie gelten als spaßfrei, kleinkariert und sauertöpfisch. Leuten, die den Menschen sagen wollen, was sie sagen sollen, begegnet man meist mit Skepsis. Schränken sie nicht die Freiheit der Rede ein?

Das wollen die Mitglieder der sprachkritischen „Unwort“-Aktion natürlich nicht.  Sie wollen nur die Sensibilität für Sprache fördern. Und das versuchen sie nicht nur mit dem Unwort, sondern auch mit Rügen. „Shuttle Service“ und „Genderwahn“  haben in diesem Jahr jeweils eine Rüge erhalten. Natürlich ist die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer kein „Shuttle Service“,  und selbstverständlich trägt das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit in der Regel keine wahnhaften Züge. Man hat es hier mit fiesen Übertreibungen zu tun. Aber eben auch mit Einfallsreichtum.

In einer anderen Welt würde vielleicht beides gehen: die Böswilligkeit und die Verachtung erkennen, die in der Formulierung steckt, und trotzdem auch die Kreativität achten, die in der Hervorbringung steckt. Hier aber bleibt nur die Rüge. 

Von Ronald Meyer-Arlt

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