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Kultur Der lange Schatten des Terrors
Nachrichten Kultur Der lange Schatten des Terrors
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11:00 16.01.2018
Fernando Aramburu  Quelle: Samantha Franson
Hannover

 Fernando Aramburu befindet sich in einer merkwürdigen Situation. Er hat einen Roman namens „Patria“ geschrieben, doch sein eigenes Verhältnis zur Heimat ist zwiespältig. Während der im Baskenland aufgewachsene Schriftsteller in Spanien auf der Straße angesprochen wird und fast ein Jahr lang auf Platz eins der Bestsellerliste stand, kennt ihn in seiner Wahlheimat Hannover kaum jemand. Das dürfte sichwomglich  ändern, denn morgen, am 16. Januar, erscheint auch hierzulande jener Roman, für den der heute 58-Jährige den wichtigsten spanischen Literaturpreis, den Premio Nacional de la Critica, bekam. „Patria“ wurde in 20 Sprachen übersetzt, eine Verfilmung durch den „Game of Thrones“-Sender HBO ist geplant. Der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa urteilte, er habe „seit Langem kein so überzeugendes und bewegendes Buch mehr gelesen“; die Zeitung „El Pais“ zog gar den Vergleich zu Tolstois „Krieg und Frieden“. 

Aramburu schreibt über den langen Schatten der Untergrundorganisation ETA, die seit den Sechzigerjahren bis zum selbst verkündeten Ende ihrer bewaffneten Aktion 2011 die Unabhängigkeit des Baskenlands mit Gewalt erkämpfen wollte. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Familien. Bittori und Miren waren einst befreundet, doch Bittoris Mann wurde von der ETA getötet, während Mirens Sohn sich radikalisierte. Die Erzählung beginnt mit dem Moment, als Bittori erfährt, dass die ETA die Waffen niederlegen will. Sie beschließt, in ihr Heimatdorf zurückzukehren und endlich Klarheit über die Ermordung ihres Mannes zu erlangen. Der Roman springt zwischen den Zeiten hin und her, die ungewöhnliche Erzählperspektive vermittelt ein sonderbares Gefühl der Allgegenwart des Vergangenen. Dieser Roman über Schuld und Vergebung gilt in Spanien schon jetzt als Klassiker.

In Aramburus Heimatstadt San Sebastián hat die Terrororganisation am meisten Menschen ermordet, darunter auch Bekannte des Schriftstellers. „Das Baskenland ist klein, keiner ist von diesen Erfahrungen befreit“, sagt der Autor. Er schreibe darüber, wie diese kollektive Geschichte das Leben des Einzelnen beeinflusst habe. 

Über die aktuellen Abspaltungstendenzen in Spanien sagt der Schriftsteller mit der randlosen Brille und dem gepflegten Bart: „Ein Teil der Katalanen strebt wie damals ein Teil der Basken die Unabhängigkeit an. Aber da endet auch schon die Ähnlichkeit. In Katalonien gab es glücklicherweise keine blutige Gewalt.“ Die Nachricht, dass der abgesetzte Regierungschef Carles Puigdemont sich von Brüssel aus zur Wiederwahl stellt, kommentiert der Schriftsteller mit den Worten: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, als Präsident eines Regionalparlaments in ständiger Abwesenheit tätig zu sein. Wie will Puigdemont regieren? Vielleicht per Whatsapp?“ Aramburu ist erleichtert, dass sich das Baskenland nicht von Katalonien anstecken ließ. „Wir haben uns glücklicherweise von diesem Kapitel verabschiedet. Als San Sebastián 2016 Europäische Kulturhauptstadt war, lautete das Motto ,Brücken bauen'. Die meisten Basken lehnen eine komplette Unabhängigkeit heute ab.“

Dem Autor ist Patriotismus fremd. Er sagt: „Ich bin kein Freund von kollektiven Gefühlen. Mich hat noch niemand mit einer Fahne gesehen, ich kann keine Hymne singen. Ich mag es lieber ruhig und privat.“ Er lebe seit mehr als 30 Jahren als Ausländer.in Deutschland. Dabei habe er gelernt, sich nicht an Traditionen festzuhalten. „Ich brauche sie nicht, um mich zu definieren.“ Aramburu schildert mit Vergnügen, wie es zu seinem Umzug nach Hannover kam. Er studierte 1982 in Saragossa und suchte einen Mitbewohner für seine WG. „Es klingelte, und da stand ein wunderschönes deutsches Mädchen vor der Tür. Meine zukünftige Frau.“ Die stammte aus Hannover. Und so verwarf Aramburu den Plan, in seinem Studienfach spanische Philologie zu promovieren und zog nach Deutschland. Hier arbeitete er zunächst als Spanisch-Lehrer. Seit 2009 widmet er sich ganz der Literatur, zudem schreibt er für spanische Zeitungen. 

Er ist Katholik, seine Frau Protestantin, er Spanier, sie Deutsche. Die beiden Töchter wuchsen zweisprachig auf. Das Nationalistische spiele in seinem Leben kaum eine Rolle. „Ich habe ein Doppelherz. Wenn Hannover 96 gewinnt, freue ich mich genauso wie über einen Sieg der Real Sociedad San Sebastián.“

Für den Autor ist es sonderbar, wie unterschiedlich er in verschiedenen Ländern wahrgenommen wird: „Ich erfahre am Telefon, dass ich gerade im spanischen Fernsehen spreche. Wenn ich dorthin reise, genieße ich die Aufmerksamkeit. Aber hier in Deutschland kann ich in Ruhe arbeiten, und ich bin befreit von dem ganzen Rummel.“ Es ist eines seiner ersten Interviews in deutscher Sprache, für Aramburu ist das noch ungewohnt. Seine Bücher verfasst er ausschließlich auf Spanisch: „Mir fehlt der Instinkt für die deutsche Sprache. Ich könnte höchstens korrekt schreiben, aber das würde künstlich wirken“, sagt er.

Seine Wahlheimat spielt aber dennoch eine Rolle in seinem Werk: „Reise mit Klara durch Deutschland“ ist die Parodie eines Reiseberichts und zugleich ein Dankeschön an dieses Land, in dem er mehr als die Hälfte seines Lebens verbracht hat. Wann es hierzulande veröffentlicht wird, steht noch nicht fest. Wenn das Buch von dem Kaliber von „Patria“ ist, könnte es womöglich ein neues Licht auf die Heimat Deutschland werfen.

 

Von Nina May/RND

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