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Kultur Der Zwischenmann an der Volksbühne
Nachrichten Kultur Der Zwischenmann an der Volksbühne
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12:23 20.04.2018
Klaus Dörr. Quelle: Arthur Zalewski
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Berlin

„Tschüss Chris“ steht auf einem Sticker, der auf einer Mülltonne vor der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz klebt. Der gehässige Abschiedsgruß ist in Frakturschrift geschrieben, die zur alten Volksbühne gehörte wie Frank Castorf. Während sich die Theaterszene der Hauptstadt noch von dem überraschenden Rücktritt des angefeindeten Intendanten Chris Dercon vor dem Ende seiner ersten Spielzeit erholt, arbeitet hinter den Kulissen ein Mann bereits emsig an der Zukunft der Volksbühne. Oder daran, dass das Haus überhaupt eine hat. Klaus Dörr hat den derzeit wohl schwierigsten Job in der deutschen Theaterlandschaft: Er sollte eigentlich ab der kommenden Spielzeit als Geschäftsführer über die desaströsen Zahlen der Volksbühne wachen, nun ist er als Interimsintendant plötzlich auch für die inhaltliche Ausrichtung des Hauses zuständig.

In der öffentlichen Wahrnehmung wirkt er wie der Insolvenzverwalter der Volksbühne, die nach 26 Jahren Castorf und sieben Monaten Dercon nun kopflos dasteht. Der 56-Jährige distanziert sich jedoch von diesem Begriff: „Hier wird nichts abgewickelt“, sagt er. „Die Struktur des Theaters wird erhalten bleiben, inklusive Requisite, Bühnenbild, Kostümbildner.“ Diese Bereiche erwähnt Dörr im Gespräch immer wieder. Es geht hier um das Herzstück des Theaterbetriebs. Um das, was übrigbleibt, wenn ästhetische Visionen scheitern und Leitungen ausgetauscht werden.

Hämischer Abschiedsgruß an Chris Dercon. Quelle: dpa

Der Mann mit dem Glatzkopf und der rauchigen Stimme, den man sich auch gut als Charakterdarsteller vorstellen könnte, rechnet mit einer Übergangszeit von mindestens eineinhalb Jahren. Wie will der Interimsintendant verhindern, dass die Volksbühne unterdessen zum Geistertheater wird? Dörr, ganz strukturierter Wirtschaftswissenschaftler, spricht von drei Stützpfeilern: 1. Vertragspflichten sollen erfüllt, bis Oktober geplante Produktionen realisiert werden. 2. Dörr spricht mit anderen Theaterhäusern über Gastspiele und Koproduktionen. So soll mit Solidaritätsaktionen verhindert werden, dass das Haus ab Oktober die Hälfte der Zeit leer steht. 3. Ab Herbst sollen Regieteams mit den vorhandenen Ressourcen möglichst nachhaltig arbeiten, ihre Produktionen als Basis für ein neues Repertoire fungieren. Die Schauspieler, die darin auftreten, könnten vielleicht einmal den Kern eines neuen Ensembles bilden, hofft Dörr. Für Details braucht er Zeit.

Neben dem Theaterbetrieb ist die finanzielle Situation eine weitere Baustelle. Zwar gäbe es entgegen anderslautender Berichte derzeit kein Defizit in der Volksbühnenkasse, doch bei einer Beibehaltung des bisherigen Spielbetriebs aus teuren Gastspielen und zu selten gezeigten Eigenproduktionen wäre es im Herbst zu einer finanziellen Schieflage gekommen. Dörr plant nun, bis Jahresende die schwarze Null zu erreichen. Davor kann er laut Kultursenator Klaus Lederer (Linke) auf Rücklagen in Höhe von 2 Millionen Euro zurückgreifen. Dörrs wichtigstes Ziel ist, „alles wieder in ruhiges Fahrwasser zu bringen“. Das sind die Worte eines Interimsintendanten. Seine Aufgabe ist es, das Parkett zu ebnen. Wer dann darauf was spielen wird, ist völlig ungewiss. Die großen Theatermacher werden nach dem Desaster Dercon nicht gerade Schlange stehen.

Hintergrund

Zum vertraglichen Ende der Intendanz von Chris Dercon sind jetzt Details veröffentlicht worden. In einer gemeinsamen Erklärung teilten Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Dercon mit, dass die Beendigung des Vertragsverhältnisses der Notwendigkeit eines konzeptionellen Neuanfangs und nicht der aktuellen finanziellen Situation des Hauses geschuldet sei. Bis Ende des Jahres wird Dercon noch die vereinbarte Vergütung erhalten.

Eigentlich wollte Klaus Dörr diesen Tag ganz dem Stuttgarter Schauspiel widmen. Hier führt er bis Ende der Spielzeit als Stellvertreter von Armin Petras die gemeinsame Intendanz zu Ende. Mit Petras arbeitet er seit 12 Jahren zusammen, vor Stuttgart auch schon am Berliner Maxim-Gorki-Theater. In der Allianz mit Petras war er immer schon mehr als nur der Mann für die Zahlen. Zwei Tage die Woche wollte Dörr bis Juli nur in Berlin sein, den Rest in Stuttgart. Nach seiner Berufung als Interimsintendant Ende letzter Woche drehte er das Verhältnis um. Und doch steht selbst an diesem Stuttgart-Tag das Telefon nicht still, Berlin ruft an oder schickt Nachrichten. Die letzten Aufführungen bis zur Sommerpause seien in Stuttgart gut vorbereitet, erzählt Dörr. Dabei klingt mit: „Anders als in Berlin“.

In der Hauptstadt geht ein Gerücht um: Die Aktivisten, die im September die Volksbühne besetzten, wollen angeblich im Mai mit einer neuen Aktion zurückkehren. Dörr will eine solche Selbstermächtigung nicht zulassen. Er rede aber gerne mit allen, die wollen. „Wenn ich es zeitlich schaffe.“

Von Nina May/RND

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