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Nachrichten Kultur Das war der erste Tag der Leipziger Buchmesse
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21:57 15.03.2018
Mehr als 2600 Aussteller aus 46 Ländern sind dieses Jahr vertreten. Rund 280 000 Besucher werden in kommenden vier Tagen auf dem Leipziger Messegelände erwartet. Quelle: imago/Stefan Noebel-Heise
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Leipzig

Er verspreche, bis zum Messegelände mitzufahren, scherzt der Besucher, um noch in die traditionell spätestens ab Hauptbahnhof überfüllte Straßenbahn gelassen zu werden. Quellen an der Endhaltestelle alle wieder heraus, haben sie ihre erste Toleranzübung hinter sich.

Von Toleranz wurde viel gesprochen vor dieser Leipziger Buchmesse, nahezu eingeklagt wurde sie, am deutlichsten in den Gruß- und Eröffnungsworten am Mittwochabend im Gewandhaus, während draußen auf dem Augustusplatz das Aktionsbündnis #verlagegegenrechts gegen die Präsenz rechter Verlage demonstrierte.

Kurz vor Öffnung der Messehallen dominierte gestern das Summen der Erwartung. Alles wieder wie immer also, wenn mit einem leisen Medium Krach geschlagen wird. Krach geschlagen werden muss. Denn die Käuferzahlenzahlen gehen seit Jahren zurück. Die Ausstellerzahlen wiederum sind um 142 auf 2635 gestiegen, und auch an Besuchern gab es keinen Mangel am ersten Tag. Dafür an Sitzplätzen, als es im Sachbuchforum in Halle 5 gleich zur Sache ging, darum nämlich, wie politisch der Buchhandel ist.

„Buchhändler sind keine Gesinnungsprüfer“

Treffen sich drei Buchhändler: ein linker, ein rechter und ein liberaler. Vielleicht beginnt so irgendwann ein guter Witz. Jetzt sitzt zwischen Manfred Keiper aus Rostock und Michael Lemling aus München-Schwabing die in Dresden lebende Susanne Dagen, die fast nicht hätte vorgestellt werden müssen.

Als Initiatorin der „Charta 2017 – Zu den Vorkommnissen auf der Frankfurter Buchmesse“, zu deren Erstunterzeichnern Uwe Tellkamp gehört, hat sie ihren Stempel weg als Pegida-nahe AfD-Wählerin. Um die Unterscheidung von Mensch und Buchhändler, Gewissen und Geld ging es zwar auch auf dem Podium, im Grunde jedoch um Haltung, Toleranz und Offenheit.

„Wir sind keine Zensoren“, sagt Dagen und berichtet von der Erfahrung, dass zunehmend nach politischer Literatur gefragt werde. Kerper, der sich als „politisch denkenden Buchhändler“ einordnet, habe beispielsweise Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ geführt, „aber als Bückware“. Lemling weiß, dass ihm eine Gesinnungsprüfung seiner Kunden nicht zustehe – „Ich kann aber eine Meinung haben.“

Wer sich mit rechter Literatur auseinandersetzen wolle, solle die Originale lesen, sagt er, nicht die Sekundärliteratur. 500 Sarrazin-Exemplare habe er damals verkauft, heute würde er „eine Veranstaltung dazu machen und sagen: Wir müssen reden!“

Spector Books ist einer der Stars auf der Messe

Genau das passiert auf der Buchmesse. Man kann es sogar lernen. Im neuen Forum Politik und Medienbildung in Halle 2 können Jugendliche sich zum Democracy Slammer „ausbilden“ lassen, wie Buchmessedirektor Oliver Zille ans Herz legt,. Er eröffnet das neue Format mit den Worten: „Die schönste Eigenschaft, die Menschen haben, ist Neugier.“

Sie ist zudem ein guter Wegweiser durch die Messehallen, führt vielleicht zu den Unabhängigen Verlagen, wo auch Spector Books zu finden ist – ausgezeichnet mit dem erstmals vergebenen und mit 10 000 Euro dotierten Sächsischen Verlagspreis, weshalb sich die Presseleute gestern drängten.

Die winzige Koje in Halle 5 (Stand F 205) ist bis oben voll mit aktuellen Publikationen, immerhin 50 erscheinen hier pro Jahr, sagt Jan Wenzel, einer der drei Köpfe des Verlages, der in Leipzig sein Domizil hat, aber mehr als die Hälfte seines Umsatzes im Ausland macht: in den USA, Frankreich, Großbritannien. Das sei „Teil der Stabilität“. Ein paar Klassiker stehen auch im Regal. „Lange Liste 79–97“ zum Beispiel dokumentiert das Alltagsleben der Familie Lange anhand von Haushaltslisten, begleitet von Fotos aus der späten DDR bis 1997. Für das Buch gab es 2014 Bronze im Wettbewerb „Die schönsten Bücher aus aller Welt“. Text und Gestaltung bedingen einander.

Verlagen wird Design und Ausstattung ihrer Bücher immer wichtiger

Deshalb kennt Katharina Hesse Spector Books ganz gut. Sie ist Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst. Die über 600 für den Wettbewerb eingereichten Bücher aus 33 Ländern sind in Halle 3 zu sehen – gleich um die Ecke von den Ständen der Kunst-Hochschulen.

Sie habe den Eindruck, dass Verlage wieder mehr auf Ausstattung und Design der Bücher Wert legen. Auch, weil das hilft, sich abzugrenzen auf dem kaum überschaubaren Buchmarkt. Die Preisverleihung und Ehrung der 14 Siegertitel ist heute, 16 Uhr (Stand D 500).

Schon gestern wurden 30 Kinder- und Jugendbücher mit dem „Leipziger Lesekompass“ prämiert, je zehn Bücher, Apps und Hörbücher für drei Alterskategorien, die sich besonders gut für die Leseförderung eignen.

Eine Ausstellung zeigt die Siegertitel in Halle 2 (Stand B 401). Schwerpunkt des Lesekompasses ist diesmal übrigens das Thema „Mut“. Nicht die schlechteste Ausrüstung für die Zukunft. Oder wie es Buchhändler Manfred Keiper sagt: „Bewusstseinsveränderung passiert immer noch in erster Linie über das gedruckte Wort.“

Leipziger Buchmesse mit Manga-Comic-Con und Antiquariatsmesse: bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Messegelände; „Leipzig liest“ mit 3400 Autoren an rund 550 Orten: Programm unter leipzig-liest.de;

Von Janina Fleischer/RND

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